Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21 DPb Bloch’s iaftraanö xiii Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -n _□- Wim, 24. Mai 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. OG=~. ~ -=öO 2 Befugaoriia für Vesterrrich: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Hellen Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 3nal gefpal» lene Pettizeile 48 Heller. O Q ■ . --Q O? B. ft postsparftsstrnarnt 9 Slearing-Verk ebr Rr. 810.976. Redattion und Administration. wir» IX/i, Hahngaffe Nr. 15. J) Telefon Nr. 14.847. <1 qQ -- -OO Inhalt: Leitartikel: Auf für die jüdischen Studenten! — Ein Besuch beim New-Aorker Judentum. — Der Kampf gegen die neue Emigrationsblll des amerikanischen Senates. — Aus dem Jahresberichte der Wiener Israelitischen Allianz. — Die Vorgänge an der Wiener Universität. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Wendung im Kiewer Ritualmordprozeß. Proteste gegen die Blutlüge. Eine Rede des Baron Edmund von Rothschild. Eine offizielle Statistik über die Juden in Indien. Die Internationale Konferenz der Jto. Der NetwAuker Bürgermeister über Isidor Strauß. — Korrespondenzen: David Ritter von Gutmann. Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen- und Arbeiterinnen-Heim. Wien. Rekonvaleszenten- und Erholungs-Heim für arme kranke jüdische Frauen und Kinder .Philantrophia". General-Direktor Moriz Lazarus s. A. Budapest. Ein Strafurteil wegen Blutbeschuldigung. Agram. Berlin. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Obdachlosen- und Altersversorgungshein der jüdischen Schutzzesellschast in Philadelphia. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Auf für die jüdischen Studenten l Was sich der Wiener akademische Senat wieder einmal geleistet hat, mutz für die Kritik aller anständigen und gerechten Menschen herausgehoben und festgehalten werden. Seit vielen Jahren herrscht schon entrüstete Klage darüber, datz er sich dem Diktat der deutschnationalen Studentenschaft rückhaltlos unterwirft und ihrem Terrorismus Vorschub leistet. Es soll konstatiert werden, datz es niemandem einfällt, den deutschen Charakter der Universität Wien im mindesten anzulasten. Die amtliche und die Unterrichtssprache sollen mit vollsten Recht die deutsche bleiben. Aber datz die Deutschnationalen aus der Hochschule einen politischen Besitzstand machen, datz sie die anderen Nationalitäten des Reiches vom Studium aussperren, nur ihnen genehme.Professoren auf dier Kanzel dulden wollen, datz sie sich als die unbedingten Herren der Räume aufspielen, das sind kulturwidrige Gewalttaten, die auf das schärfste zurückgewiesen werden müssen. Statt jedoch den notwendigen Kulturzustand zu schaffen, nährt und vergrößert der Senat noch durch unerhörte Matzregeln den Uebermut der Deutschnationalen und fordert sie moralisch auf, sich herauszunehmen, was sie wollen. Da ist jetzt eine Matzregelung jüdischer Studenten beschlossen worden, welche jede Art der Zulässigkeit und Billigkeit weit überschreitet. Die Studenten wurden relegiert, weil sie auf Beleidigungen von deutschnationaler Seite mit Tätlichkeiten geantwortet haben. Es eristiert ein Gesetz, welches solche Tätlichkeiten mit der Relegierung ahndet, wenn sie auf akademischem Boden begangen worden sind. Das ist eine sehr heilsame Verfügung gegen das Temperament von jungen Menschen, welche die Vorlesungen und das Studium stören und gefährden könnten. Nur datz der akademische Senat drakonisch dafür sorgen sollte, datz solche Streitigkeiten und Raufszenen auch wirklich ihre Verhinderung oder Strafe finden. Die Massenüberfälle deutschnationaler Studenten auf jüdische sind jedoch an der Tagesordnung und werden trotz ihrer Häufigkeit so sanft behandelt, datz ihren Arrangeuren und Teünehmern nichts oder fast nichts geschieht und der idyllische Zustand ungestört fortdauert. Wenn jemand empfindlich bestraft wird, so ist es gewitz immer ein jüdischer Student, welcher sich gegen moralische Beleidigung und körperliche Bedrohung selbstverständlich zur Wehr gesetzt hat. Man könnte da eine ganze Reihe unbegründeter und unberechtigter Urteile des Senats beibringen. Das Unerhörteste aber geschah vor einigen Tagen. Jüdische Studenten wurden relegiert, weil sie autzerhalb der Universität auf deutschnationale Beleidigungen tätlich geantwortet hatten. Es war der gemeinste und feigste Vorwurf, der ihnen entgegengeschleudert wurde, der Vorwurf der Satisfaktionsunfähigkeit. Mit diesem Vorwurf ist ausgesprochen, datz man Juden straflos beleidigen dürfe, ohne ihnen Rechenschaft geben zu müssen, datz man sie im Ehrenpunkte nicht für gleichwertig nehme. Historisch nachweisbar ist, datz es gerade die berüchtigtsten Feiglinge unter den Deutschnationalen waren, welche aus persönlicher Angst diesen mittelalterlichen Beschlutz angeregt und durchgesetzt haben. Der akademische Senat hat nie etwas unternommen, um die jüdischen Studenten vor dieser niedrigen Entwürdigung zu schützen. Diese mutzten den Weg der Selbsthilfe beschreiten und haben durch ihre Handfertigkeit in zahllosen Fällen bewiesen, datz man einen jüdischen Akademiker denn doch nicht ungestraft beleidigen dürfe. Man mag ein Anhänger der Energie bei persönlichen Auseinandersetzungen sein oder nicht, diesmal liegt ein klassischer Fall vor, in welchem sie dem Friedfertigsten aufgezwungen wird. Die jüdische Oeffentlichkeit mutz den jüdischen Akademikern großen Dank wissen dafür, datz diese den Juden nicht haben zum Prügelknaben für deutschnationale Roheit hinunterdrücken lassen. Hier war die Strammheit und Rücksichtslosigkeit ein Gebot, das die jüdischen Studenten, in erster Linie die jüdischnationalen Verbindungen ohne jede Furcht vor der eigenen Gefahr erfüllt haben. Das verdient die größte Anerkennung umsomehr, als letztere unter den schwierigsten Umständen studieren und fortkommen und nun noch einen schweren und erbitterten Kampf auf sich genommen haben. Jetzt hat es in diesem Kampfe Opfer gegeben.