Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 337 Preßburg. Dem Präses der hiesigen orthodox-israelitischen Kultusgememde, Herrn Lazar Gestetner, ist das seltene Los beschieden, auf eine 40jähäge erfolgreiche Tätigkeit als Vorsteher zum Wohle unserer Gemeinde zurückblicken zu können. Nachdem er drei Jahre hindurch als Gemeinderepräsentant tätig war, wurde er am 26. April 1872 als Vorsteher gewählt und dank dem Vertrauen, das er besitzt, bekleidet er 40 Jahre hindurch diese Ehrenstelle. Der Name des Herrn Präses Gestetner ist seit jener Zeit mit allen Phasen der Entwicklung dieser hervorragenden orthodoxen ungarischen Gemeinde eng verbunden. Rastlos und unermüdlich arbeitete er immer für die Interessen seiner Gemeinde. Im Gefühle tiefer Verehrung registrieren wir die unvergänglichen Verdienste, welche sich Präses Gestetner vier Dezennien hindurch in unserer Gemeinde erworben hat. Die Gründung des israelitischen Altersversorgungshauses durch seinen Vorgänger ist seinen Bemühungen zu verdanken. Auf dem Gebiete des Schulwesens entfaltete er eine rege Tätigkeit. Seinen Bestrebungen, der Jugend eine moderne und streng-religiöse Erziehung zu geben, ist es gelungen, unsere Volksschulen durch Creirung von zwei Bürgerschulen auszubauen. Die Aufführung prachtvoller moderner Schulgebäude ist seiner Initiative zu danken. Seiner Verwendung verdankt J^ssode-Hathora-Schule und die neugegröndete Mensa der Jeschiba wie auch der Verein „Agudas- Reim" die kostenlose Ueberlussung erforderlicher Lokalitäten. Als Präses des „Jerucham-Joffaum-Veretns" wendet Herr Gestetner der Erziehung und Ausbildung armer jüdischer Waisenknaben besondere Fürsorge zu. Regen Anteil nahm er an der Gründung des israelitischen Mädchen- Waisenhauses und mehrerer hiesiger Wohltätigkeits-Vereine. Die Vereine „Chewra-Kadischa" und „Thoras-Chessed" blicken mit Stolz auf ihn, als auf ihren Vorstandspräses. Schon zu Beginn seines Wirkens als Vorsteher stand er in der vordersten Reihe der Kämpfer und Verfechter der orthodoxen Prinzipien. Daß er diesen Prinzipien auch treu geblieben ist, bewies seine Initiative behufs Versendung der Mahnrufe an sämtliche orthodoxen ungarischen Gemeinden im Msstm l. I. Sein Wirken auf diesem Gebiete fand auch jüngstens volle Anerkennung und wurde er als Ehrenmitglied der engeren Kommission der orthodoxen Landeskanzlei gewählt. Auch außerhalb unserer Gemeinde erfreut sich unser Präses allgemeiner Achtung. Eine lange Reihe von Jahren gehört er der hiesigen Stadtvertretung an und bekleidet seit geraumer Zeit die Ehrenstelle eines 1. Kassierers in der Handelskammer des Preßburger Distriktes. In der am 26. April l. I. abgehaltenen Festsitzung der orthodoxen Schulkommission begrüßte Vorsitzender Doktor Leitersdorf mit emer gehaltvollen schönen Ansprache den Jubilar, während am Sonntag, den 28. das ana bei ihm vorsprach, bei welcher Gelegenheit Herr Oberrabbiner Schreiber die Begrüßungsansprache hielt und die aufrichtigen Glückwünsche des Rabbinats und der ganzen Gemeinde verdolmetschte. Gelegentlich der am selben Tage abgehaltenen Vorstandssitzung war der Präses wieder Gegenstand herzlicher Ovationen. Notar Griinsfeld hielt eine warme Begrüßungsrede, in der er die Verdienste des Jubilars während seiner 40jährigen Amtstätigkeit hervorhob. Essegg. (Allerhöchste Auszeichnung) Dem Herrn Oberrabbiner von Csakatornya Ehrwürden Dr. Jakob Schwarz wurde, wie uns telegraphisch gemeldet wird, in Anerkennung langjährigen, verdienstvollen Wirkens von Sr. Majestät das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Die lleberreichung erfolgte unter Teilnahme und in Anwesenheit zahlreicher Freunde und Verehrer des Herrn Oberrabbiners, welche ihn aus diesem Anlasse aufrichtig beglückwünschten/ Feuilleton. Das New-Uorlrer jüdische Waisenhaus der Kinderschutzgesellschafl. Im weitesten Sinne wird diese Gesellschaft ihrer Aufgabe und ihrem Titel gerecht, denn von den tausend Bindern, die sie unter ihrer Obsorge hat (750 Interne, 280 Erterne) sind nur 103 Waisen, die anderen „Schutzkinder", d. h. solche, die wegen Tuberkulose oder Geisteskrankheit der Ätern schutzlos sind, zum Teile auch solche, von deren Eltern und Nationalität man gar nichts weiß. Das Haus bevorzugt geradezu schwächliche und der Nachhilfe Bedürftige bei der Aufnahme und hat für solche Binder Ertraklassen, wo sie einige Monate körperlich mit allen Tonicis, Heilbädern rc. aufgepäppelt werden, bevor sie dem allgemeinen Unterricht zugeführt werden, da mit Recht hier das Hauptgewicht auf den gesunden Körper gelegt wird, in dem der gesunde Geist sich von selbst entwickelt. Die Gesellschaft besteht seit 29 Jahren, Symbol und Wappen ist ihr die Auffindung Mosis und ausgesprochener Zweck, die Binder, welchen als Nichtwaisen das großartige ältere jüdische Staatswaisenhaus verschlossen war, die aber bei der Organisation der amerikanischen Kinderarmenpflege aufs liebevollste namentlich in den katholischen unter geistlicher Fürsorge stehenden Anstalten bis dahin aufgenommen worden waren, dem Judentum zu erhalten. Das Haus kann sich an monumentaler Pracht mit dem älteren jüdischen Waisenhaus nicht messen, von Bäumen umgeben, gewährt es aber einen sehr freundlichen Anblick im äußersten Nordosten von Newyork. wo sich die Stadt in eine Park- und Hügelilandschaft verliert und der Verein, fast der einzige Newyorker jüdische, der mit keinem Defizit kämpft, sondern jährlich sein Kapital hübsch vermehren kann, hat dreiviertel Millionen Dollars - es fehlt nur mehr eine Viertelmillion — zurückgelegt, um sich aus Newyork zurückzuziehen und im Pleasantville eine höchst praktische Kottageanlage zu besiedeln, die, wenn auch mit weniger Lurus. nach dem Plan des neulich an dieser Stelle besprochenen Tuberkuloseheims, eine Reihe von halbstockhohen, durch Wandelbahnen mit dem Haupt-, dem Unterrichts- und Versammlungshaus verbundenen Blockhäusern darstellt. Das Grundstück ist gekauft, die Pläne fertig, die entsetzliche „Titanic"-Katastrophe mit den reichen Spenden, die sie unter den amerikanischen Millionären auslöst, wird den Umzug vielleicht noch schneller bewerkstelligen, als das rührige Präsidium, Herr Präsident Adolf Lewisohn und 1. Vizepräsident Samuel Lewy, hoffen. Die Seele des Hauses ist der Direktor Ph. Dr. Ludwig Bernstein, dessen Stab an Damen und Herren stets wechselt, weil andere amerikanische, auch nichtjüdische Waisenhäuser in allen Staaten ein förmliches Wettrennen um Beamte und Beamtinnen Dr. Bernsteins an leitender Stelle anstellen. Auf allen Kinderfürsorgekongressen gilt er als erste Autorität, seinem Beispiel der Kluberrichtung unter den Kindern sind so viele amerikanische Anstalten gefolgt, auf der großen europäischen Tournee, die er zu Studienzwecken nach Europa, namentlich dem pädagogischen Seminar der Universität Jena, unternommen, dürfte er sich mehr als ein Belehrender denn Lernender erwiesen haben. Unter seinen Auspizien gehen auch die antropomeirischen Messungen Dr. Gerschels vor sich, die bei dem großen Material einen wichtigen Baustein zur Ethnographie und Rassenfrage überhaupt darstellen werden, und der Entlastung, die er schwächlichen Kindern durch die Nachhilfeklassen gewährt, ist es wohl zuzuschreiben, daß im Laufe der 11 (vom 5. 16.) im Waisenhaus verbrachten Jahre ein großer Teil der Kinder ihre sonstigen amerikanischen Mitkinder an Gewicht und Länge einholt, an geistigen Leistungen meist überflügelt. Es ist charakteristisch, daß dieser ausgezeichnete Waisenhausdirektor das Heil der Kinder in der Unterbringung in Familien sieht: da selbst in den jüdischen Kreisen der besseren Stände in Amerika die Kinderlosigkeit rasch zunimmt, ist diese Unterbringung nicht zu schwer, so hat er sie in den letzten Jahren bei allen Kindern bis zu 7 Jahren durchgeführt und noch mehr, obwohl er darin sehr angefochten wurde, sucht er den Kindern so viel als möglich eine Adoption in guten Familien zu sichern, wobei er sich ein volles Jahr Bedenkzeit für die Eltern, Adoptiveltern und das Waisenhaus vorbehält, obwohl die Eltern diese schon meist nach einigen Wochen verlangen. So versorgt Dr. Bernstein ungefähr 50 Kinder im Jahr, deren Eltern völlig erwerbsunfähig oder verwahrlost sind. Neben dem öffentlichen Schulunterricht hat er eine Haus schule für Handfertigkeit und Orchestermusik und für künftigen Telegraphendienst für Knaben, für Kochen, Nähen, Sticken und Gesang für die Mädchen eingerichtet. Trotz aller