Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 20 Ppn Bloch’s I-hr-«m-Nir Zentraloroan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 17. Mai 1912 Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. Oü=—-- ■- -=0O "p Vrxugsprrk» für Vesterrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Nunlnnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2 »al gespal» 2 tene Petttzetle 4« Heller. <1. . — -Qo * Tt. ft. Postsxarkaffrnsmf Slearing--Verk ebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/i. Hahugaffe Nr. 15. L> Telefon Nr. 14.847. J QO - --Qo Inhalt: Leitartikel: Preußische Ungerechtigkeit. — Ein Besuch beim New-Aorker Judentum. — David Ritter von Gutmann gestorben. — Aus dem Jahresberichte der Wiener Israelitischen Allianz. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Oskar Strauß an Nathan Strauß. Der Eindruck des englischen Protestes. Die neuesten Werke des Bildhauers Moses Ezekiel. Die Tagesordnung der ruffischjlldischen Emigrations-Konferenz. Das Bildungsexamen für Einwanderer in Amerika. — Korrespondenzen: Aus den Plenarsitzungen des Kultusvorstandes vom 21. April, 5. und 12. Mai unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Delegiertentag der Kultusgemeinden von Niederösterreich und den Alpenländern. Vierzigjähriges Jubiläum der Allgemeinen Poliklinik in Wien. Wien. Ein russischer Judentag über die kommenden Dumawahlen. Ein jüdischer Blununtag in Warschau. Vom Orientalisten-Kongreß in Athen. Jüdische Finanzinspektoren in der Türkei. Senator Emanuel Carasso. Ableben des Ehrenpräsidenten der Liffaboner Kultusgemeinde. Die Kinder der jüdischen Kolonisten in Argentinien. Jerusalem. — Vermischtes. — Feuilleton: Das New-Aorker jüdische Waisenhaus der Kinderschutzgesellschaft. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Pre«ßische Ungerechtigkeit. Es ist eine notorische Tatsache, daß die Juden in Deutschland die musterhaftesten Staatsbürger Europas sind. Ganz abgesehen von ihrer eigenen Tradition sind es die politischen Umstände, roelche sie zu ihrem eremplarischen Vorgehen zwingen. Die Staatsgewalt ist drüben antisemitisch dirigiert und greift besonders unbarmherzig zu, wenn es sich um Juden handelt. Von den jüdischen Ausländern gar nicht zu reden, welche nicht nur nicht naturalisiert werden, sondern sogar jeden Augenblick gewärtig sein müssen, ausgewiesen zu werden, wenn sie auch schon Jahrzehnte lang ohne Klage ihren Wohnsitz inne haben und Familie samt einem großen Geschäftsbetrieb besitzen. Diese wagen es nicht einmal, sich an der Politik zu beteiligen, geschweige denn, daß sie auch nur den kleinsten Schritt neben die Gesetze machen. Aber auch die Einheimischen würden nie daran denken, auch nur einen Pfennig ihres Einkommens bei der Steuerfatierung zu vergessen oder ihre staatsbürgerlichen Pflichten nicht mit einem Uebermaß zu erfüllen. Sie wollen die politische und moralische Gleichberechtigung im Reiche, und um diese zu erwerben, gehen sie allen Konfessionen und Ständen an patriotischer Opferwilligkeit voran. Trotzdem will es ihnen nicht gelingen, mit allen ihren Anstrengungen ihr Ziel zu erreichen. Das hat sich nun wieder in der Militärdebatte im Deutschen Reichstag gezeigt, als die Rede auf die Beförderung jüdischer Offiziersaspiranten kam. Der Kriegsminister, General der Infanterie v. Heeringen, hatte bei dieser Gelegenheit den Mut, den Dünkel des Offizierskorps zu ermutigen, welche nun einmal keinen Juden in ihren Reihen auf-- nehmen, trotzdem gegenteilige Aeußerungen und Ansichten des deutschen Kaisers vorliegen. Der Krijegsminister sagte in seinen Ausführungen, das Offizierskorps setze sich aus allen Gesellschaftskreisen zusammen ohne Rücksicht auf Religion. Daß er aber damit nur die katholische und protestantische Religion gemeint habe, ging aus dem Nachsatz hervor: „Aber es kann sich nur aus solchen Kreisen zusammensetzen, die den Verhältnissen des Offizierskorps entsprechen." An solche gewundene Redensarten, die den Anhängern Stöckers und Ahlwardts jede Deutung möglich machen, ist man bei einem hohen Militär nicht gewöhnt, auch wenn er einen politischen Posten inne hat. Da ist die Deutlichkeit schon sympathischer, mit welcher der Minister auf die Interpellation Gothein über die Iuden unter den Offiziersanwärtern trocken sagte: „Wenn die Familien- und sonstigen Verhältnisse die Wahl zum Offizier als nicht aussichtsvoll erscheinen lassen, so ist es besser, dem Aspiranten vorher mitzuteilen, er möge zurücktreten." Das ist konservative Wahrheit und Klarheit, da weiß man doch, woran man sich zu halten hat, wie der Abgeordnete Borchardt, als diesen die Polizei mit Gewalt aus dem preußischen Abgeordnetenhaus hinauswarf. Bloß daß der Kriegsminister das gesetzliche und moralische Recht der deutschen Staatsbürger mit Füßen trat. Es handelt sich hier absolut nicht darum, ob ein paar jüdische Söhnchen aus dem Tiergartenviertel ihrer Eitelkeit mit dem goldenen Portepee genügen können, wie man es bei solchen Sachen immer vor Augen hat. Sondern die Beförderung der jüdischen Offiziere ist das symptomatische Ehrenzeichen für die Behandlung der Juden als Staatsbürger überhaupt. Ob sie nun die notwendige Vorbildung haben oder nicht, ob sie die gesellschaftliche Stellung besitzen oder nicht, als Einjährige militärischen Ehrgeiz entwickelten oder nicht, will man sie immer nur mit dem Infanteristengewehr in der Hand auf dem Schlachtfeld fallen lassen und durchaus nicht mit dem Offizierssäbel. Der dümmste Krautjunker aus Ostelbien ist zum Leutnant befähigt und geboren, der jüdische Privatdozent mit einer umfassenden Wellbildung aber nicht. So zwingt man den Juden, ein Märtyrertum zu leiden und für die Rechte eines Vaterlandes in den Tod zu gehen, das ihm selbst unrecht getan hat. Woher soll da die Begeisterung kommen? Das heißt man Sklaven auf die Schlachtbank schicken, aber nicht Soldaten auf ein Schlachtfeld. Die deutschen Iuden beweisen ihre moralische Größe, indem sie trotz solcher schreienden Ungerechtigkeiten mehr als ihre Pflicht auch an Tapferkeit und Männlichkeit tun. Der deutsch-preußische Kriegsminister und sein Offizierskorps können einen Wider-