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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 306 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 19 Umgebung durchsetzt, welche Arbeit er zum Wähle der Bürger leistet. Wahrscheinlich aber war er mehr damit beschäftigt, die Angriffe jener Parteicliguen abzuwehren, welche den kurulischen Stuhl unter ihm wegzuziehen versuchten, um ihren Mann hinauf zu setzen. Vielleicht hat ihn aber auch sein braver und unglücklicher Bruder zu stark beschäftigt und von den wahren Aufgaben eines Bürgermeisters abgehalten. Dieser Bruder war ein ehrsamer Tischlermeister und hat an der eigenen Existenz erfahren müssen, wie die Christlich-Sozialen das Gewerbe retten. Er ist zugrunde gegangen und mutzte sich um Hilfe an seinen Bruder wenden, den Herrn Bürgermeister. Das ist nun weder Vorwurf noch absonderlich. In jeder Familie ereignen sich materielle llnglücksfälle und müssen ausgeglichen werden. Wie jedoch die Hilfe in der Familie Neumayer geleistet wurde, das bildet ein Kapitel, dessen Inhalt durch die ganze politische Welt gellen sollte. Der Abgeordnete Schuhmeier hat den Sachverhalt erzählt, und er ist bis heute unwidersprochen geblieben. Leider ist auch dieser Fall nicht gehörig an die Oberfläche der Wahlagitation gekommen^ Er verdient es jedoch, mit Flammenschrift aus dem politischen Leben herausgehoben zu werden. Der Millionär Dr. Neumayer sprang seinem hilfsbedürftigen Bruder freigebig bei — aber nicht aus seiner Tasche, sondern aus einer städtischen Stiftung für verarmte Gewerbsleute, über. welche er das Verfügungsrecht hatte. Wir enthalten uns jeder Kritik über ein solches Vorgehen. Die Tatsachen sind niederschmetternd.genug. Man kann sich wohl sehr leicht vorstellen, was die Antisemiten gesagt hätten, wenn sich ein jüdischer Bürgermeister zu einer solchen Handlungsweise verstanden hätte. Dir christlichsoziale Presse der ganzen Welt hätte den Fall in allen möglichen Artikeln und Arten breitgetreten, hätte mit Macht in die Kriegsposaune gestotzen, hätte das Schachervolk der Hebräer von allen Seiten giftgrün beleuchtet. Der Bürgermeister von Wien aber hat den Mut, wenige Wochen nach Aufdeckung des Vorfalls die Fahne der germanischen Ideale äufzurollen und sie der erstaunten Welt zu zeigen. Wenn er uns Juden da als volksfremdes Element bezeichnet, das nicht seine Wesensart besitzt und nichts mit dem Verfahren gegen den eigenen Bruder zu tun haben will, wie es der christlichsozialgermanische Dr. Neumayer betreibt, so können wir nur dankbar dafür sein und sind stolz daraus. Wir sind eben das Volk des semitischen Hasses, wir sind die arbeitsscheuen Meister der Korruption, wir bereichern uns an öffentlichen Geldern. So behaupten es die Antisemiten, aber es sieht genau so aus, als ob sie bei den frechen Beschuldigungen gegen andere in einen guten Spiegel blicken würden. _ Girre englische Protestkundgebung gegen die Klntbrschuldignng in Krem. Diese Woche erschien in den englischen Blättern eine imposante Protestkundgebung gegen die fortgesetzte Ritualmordagitation in Kiew. Die Liste der Unterzeichneten Persönlichkeiten enthält mehr als 250 Namen von hervorragenden Theologen aller christlichen Bekenntnisse, Staatsmännern und Gelehrten, Professoren aller Fakultäten in Oxford und Cambridge, die zu den Zierden der englischen Wissenschaft gehören, Künstlern und Schriftstellern, die der gesamten Kulturwelt bekannt sind. Nach den bereits in Rutzland selbst, dann in Deutschland und in Frankreich von Hunderten der vornehmsten Persönlichkeiten veröffentlichten Protesterklärungen gegen die abstoßende Verhetzung der Bevölkerung in Rutzland durch das Blutmärchen ist leider diese neueste Kundgebung noch immer nicht überflüssig geworden. Obwohl offiziell vom Justizministerium erllärt wird, datz im Prozesse gegen den Iuden Bellies die Ritualmordbeschuldigung keine Rolle spielen wird, wird die durch die böswillige Agitation hauptsächlich zustande gekommene Anklage gegen ihn aufrecht erhalten und der Prozeß wurde plötzlich für mehrere Monate verschoben, well der antisemitische Kiewer Psychiater Sikorsky durch Erkrankung derzeit verhindert ist, als Experte seine fanatische Ritualmordtheorie zu entwickeln. Inzwischen fahren die der Regierung nahestehenden Blätter fort, aufreizende Darstellungen über die von Iuden angeblich begangenen Ritualmorde und Racheaufrufe an 'die christliche Bevölkerung zu bringen. Die am 28. April in Kiew erschienene, unter den Augen der Behörden massenhaft verbreitete Nummer des „Zweiköpfigen Adler" ist von Anfang bis zu Ende voll von erlogenen Schilderungen über Martyrien christlicher Jünglinge, an denen Ritualmord begangen worden wäre. Es ist erfreulich, datz der englische Aufruf von sämtlichen Erzbischöfen, von den meisten Bischöfen und Führern aller christlichen Religionsbekenntnisse mitunterfertigt ist. Er lautet: „Wir schließen uns den Verwahrungen an, die in Rutzland, Frankreich und Deutschland von führenden christlichen Theologen, Schriftstellern, Gelehrten, Politikern und anderen Persönlichkeiten gegen den Versuch veröffentlicht wurden, der in Kiew gemacht wird, um die häßliche Ritualmordbeschuldigung gegen das Judentum und das jüdische Volk zu erheben. Erfüllt von aufrichtiger Freundschaft für Rutzland kommt es uns nicht in den Sinn, uns mit den inneren Angelegenheiten dieses Landes zu befassen, noch weniger wollen wir auf irgend eine Weise in das schwebende Gerichtsverfahren eingreifen, welches mit der Vlutbeschuldigung identifiziert erscheint. Es handelt sich um eine Frage der Humanität, Zivilisation und Wahrheit. Die Blutbeschuldigung ist ein Ueberbleibsel aus den Zeiten der Hexerei und der schwarzen Kunst, eine grausame und vollkommen grundlose Verleumdung des Judentums, eine Insultierung der westlichen Kultur und eine Beleidigung derjenigen Kirchen, in deren Namen sie durch unwissende Fanatiker in lügenhafter Weise formuliert wurde (a cruel and utterly baseless Übel on Judaims, an Insult to Western culture and a dishonour to the Churcbes in wbose name it has been falsely farmulated bx ignorant fanatic.) Nicht nur die Iuden, sondern auch andere religiöse Minoritäten, wie die ersten Christen, die Quäkers, die christlichen Missionäre in China wurden Opfer dieser Verleumdung, welche von den besten Männern aller Zeiten zurückgewiesen wurde. Die Päpste, die Begründer der Reformation, der Kalif des Islams, Staatsmänner aller Länder, die größten Gelehrten Europas haben sie öffentlich widerlegt. Es ist notwendig, datz dies neuerdings bezeugt wird, da die Vlutbeschuldigung unter der unwissenden und leicht erregbaren Bevölkerung Osteuropas oft zu einem schrecklichen Ausbruche der Leidenschaften des Pöbels gegen die Juden Anlatz gebe und ein ernster Grund zur Befürchtung vorliegt, datz die Wiederbelebung derselben das Leben so manches unschuldigen Menschen in den von Iuden bevölkerten Städten Rußlands in Gefahr bringen wird." Die vollständige Namensliste (welche in einer der Beilagen zu dem in einigen Tagen an die Mitglieder zur Versendung gelangenden Jahresbericht der Wiener Jsr. Allianz erscheint) lautet: Most Rev. Randall Thomas Davidson, Archbishop of Canterbury. Most Rev. Cosmo Gordon Lang, Archbishop of York. Most Rev. John Baptist Crozier, Archbishop of Armagh and Primate of all Ireland. His Eminence Fr aneis Bourne, Cardinal Archbishop of Westminster. Duke of Nore-

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