Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 19 Jahrgang xxix Dr. Bloch’s Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. ——- Wien, JO. Mai 1912 Brsc&etnt jeden FreLtng. Brief-Adreffe: Wien, IX/i. Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. OCF-- — -- -=00 Vrrugsprris Tür Oesterrri^r: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplars 50 Helle',. Jür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig D Kronen. Anzeigen: Die 3nal gespal» lene Pecitzeile -i« Heller. o nO--..Oc O —D o? B. ft. PnlUparNalsenamt C Slearing-Verkebr Mr. 810.976. Redattion und Administration: EJItn IX/1, Hahugaffe Nr. 15. I) Telefon Nr. 14.847. <1 oO ■— ■ On Inhalt: Leitartikel: Der antisemitische Bürgermeister. — Eine englische Protestkundgebung gegen die Blutbeschuldigung in Kiew. — „Qesterreichisch-Jsraelitische Union". — Arthur Schnitzler. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein Monument für einen berühmten Märtyrer der Inquisition in Lissabon. Ein Vortrag im Palais des Jüdischen Museums in Madrid. Zum dauernden Andenken an Frau Isidor Strauß. Moskauer Advokaten gegen die Taufbewegung unter ihren Berufskollegen. Vukovar. — Korrespondenzen: Vortragsabend des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Außerordentliche Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Die Juden in Karlsbad. Budapest. Sabbatarier oder Juden. Wieder ein interkonfessionelles Kinderspital von Juden gegründet. Ein Bischof über die jüdische Orthodoxie. Judenmasfaker in Fez. Die Schächtfrage in Finnland. Eine jüdische Richterin in Australien. Ein jüdischer Minister in Neuseeland. Juden in den türkischen Schulen. — Vermischtes. — Feuilleton: Das jüdische städtische Waisenhaus in New-Aork. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der antisemitische Bürgermeister. -Von Zeit zu Zeit läßt auch der Bürgermeister Dr. Neumayer seinen Geist leuchten, so gut oder so schlecht es eben geht. Erst neulich hat er wieder in der „Reichspost" einen Artikel losgelassen, in dem christlichsozialen Blatte, das vor Freude irrsinnig geworden ist, weil der ungeheure Wahlschwindel seiner Partei dieser doch noch das einemal minimale Majoritäten gebracht hat. Der Bürgermeister, der auch nur mit wenigen Dutzend Stimmen das Vertrauen der Wählerschaft erhalten hat, nimmt sich heraus, von volksfremden Elementen zu sprechen, gegen die man unausgesetzt kämpfen müsse. Der Artikelschreiber auf dem kurulischen Stuhl hat auch schon in mehreren Reden gezeigt, daß er dfe antisemitische Hetze mit persönlicher Leidenschaft betreibe, er hat vom semitischen Haß und andern Albernheiten gleicher Sorte gesprochen, und es ist daher Zeit geworden, daß man dem offenbar etwas gedächtnisschwachen Herrn einmal die Position zeigt, aus welcher er selber steht, damit er endlich aufhöre, Angriffe gegen andere zu richten, sollten sie auch materiell und sozial so schwach dastehen, wie die Juden. Es ist fast nicht zu glauben, daß der Mann den Mut hat, seine Nase in der Oeffentlichkeit in die Höhe zu stecken. Er ist notorisch auf seinen Posten nur durch das Glück seiner politischen und persönlichen Bedeutungslosigkeit gekommen. Das ist eine alte Geschichte, daß immer ein Außenseiter durch das Ziel schießt, wenn die Favorits einander beim Rennen behindern. Die eine Clique gönnte der anderen nichts und machte ihre Pläne unmöglich, und so hörte man eines schönen Morgens mit Verwunderung, daß Dr. Neumayer der Auserwählte geworden fei. Das Beste nun, was man von seiner Amtstätigkeit sagen konnte, war, daß er den Erwartungen der Parteichen reichlich entsprach, welche ihn auf den Schild gehoben hatten. Er blieb vollständig unbeachtet, und ungehindert konnte jene ungeheure politische und materielle Korruption Weitergehen, welche unter der christlichsozialen Aera bisher herrschte, unter den Regierenden vielfache Millionäre, in der Stadt und im Lande dagegen eine zunehmende Verelendung und die größte Verwirrung hervorgerusen hat. Unter dem christlichsozialen Terror wurde Wien schwer verschuldet, können die Obdachlosenasyle ihre Besucher nicht fassen, ist die Teuerung enorm geworden und sind die geistigen Zentralstellen verkümmert. Leider sind diese Momente im Wahlkampfe der freiheitlichen Parteien nicht gehörig zum Ausdruck gekommen, weil letzteren nicht so große Mittel zur Verfügung gestanden sind, wie sie den Antisemiten von der schönen Vereinigung jüdischer Bankdirektoren und der Klöster gegeben worden sind. Was hat nun der Bürgermeister getan, um den herrschenden Uebelständen abzuhelfen? Cr hat antisemitische Brandreden gegen die volksfremden Elemente gehalten und hat den Juden die Sünden vorgeworfen, welche seine Parteifreunde hundertfach wirklich begangen haben. Den unglücklichen Hraba haben die Christlich-Sozialen politisch erdrosselt, den Silberer nennen sie gleichfalls einen Judas. Aber es vergeht fast keine Woche, ohne daß die Ausführungen dieser Anklageredner nicht drastisch bestätigt würden. Der führende christlichsoziale Politiker, der bei seinem Berus geblieben wäre und nach wie vor durch seine geschäftliche oder gewerbliche Arbeit sein Geld verdient, ist ganz unbekannt. Wer sich einmal in dieser Partei hervorgetan hat, verfügt auch schon über ein fürstliches Einkommen, bekommt reichen Anteil aus der Fülle der Aemter, welche die Rathauspartei an sich gerissen hat. Die Provisionsprozesse nehmen kein Ende und die Geschichte der städtischen Lieferungen ist eine Geschichte der Skandale. Die Stadt Wien muß mit drei Vierteln ihrer Einkünfte die Parteitreue der Landbevölkerung bezahlen, der Widerstand gegen die Großagrarier ist aufgegeben worden, weil auch diese Parteifreunde sind, gegen das Wohnungselend ist nicht das mindeste geschehen, weil auch die Hausherren der Partei angehören, die V-er-- kehrsfragen sind bis zum letzten Brünner Markt vertagt, die Tragödien der Not nehmen erschreckend überhand. Da hätte der redefleißige Bürgermeister zeigen sollen, welch zuverlässiger germanischer Kämpe er ist. welche Sittenreinheit er mit eiserner Strenge in seiner