Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIX Zentraloröan kür die gesamten Interessen des Judentums. -. :_□- Wien, IS. April 1912 LrscbeLnt jeden Fr et tag. Brief-Adreffe: Wie». IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. O O— ...—ü O p Vrrugsprri» für Vrfierrrich: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplars 50 Heller. Für's Auslond: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 3nalgespal» O tene Petitzeile 4« Heller. G nO ■ '.Oo Q Cr=- ==D O r A. k. Postsparkaffrnarni Cleartng-Verkebr Rr. 810.97S. Redaktion und Administration. Wien Wi. Hahngaffe Nr. 15.!) 'Telefon Nr. 14.847. OQ -QO 3« Ijalt: 2eit axtitel: Das Strafgericht. -- Die jüdischen Meister im Künstlerhause. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Warnung vor Kitzbühel. Rrichsratsabgeordneter Hofrat Kuranda gegen die verleumderische Agitationstaktik der Christlich-Sozialen. Eröffnung des Barnato-Krebs-Hospitales durch Königin Mary. Russisch-jüdischer Emigrations-Kongreß. Der Kaiser von Rußland und die ruffische Judenpolitik. — Das Newyorker Spital vom Har Sinai. — Cheder und Schule. — Korrespondenzen: Galizischer Hilfsverein. Verein der Sabbathfreunde „Schomre Schabbos", Wien. Karlsbad. Generalversammlung des Hilfsvereines der deutschen Juden. Berlin. Paris. Strafe für einen Artikel über die Hundertjahrfeier der Emanzipation der Juden. — Vermischtes.— Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Das Strafgericht. Sie zittern vor dem Strafgericht, das die Wiener Wählermassen über sie chatten werden, sie zittern, die ehemals so großmäuligen Führer des Wiener Antisemitismus. Als Dr. Lueger vor etwa zwanzig Jahren den Antisemitismus erfand, versammelte er eine Reihe von Strebern und gewinnsüchtigen Leuten um sich, deren im Laufe der Zeit immer mehr wurden, bis es einen Moment gab, in welchem man befürchten mußte, die große, herrliche Reichsstadt Wien werde in einem Kotmeere der Verworfenheit versinken. Es vergeht fast keine Woche, ohne daß nicht eine Skandalaffäre aufbricht. Dabei muß man bedenken, daß sehr viele feinfühlende Leute Schweigen beobachten, weil sie ihrer guten Erziehung zufolge nicht gewohnt sind, in der Pfütze zu waten. In den letzten Tagen sind zwei neue christlichsoziale Gemeinderäte recht gründlich in die Klemme geraten durch Enthüllungen, welche bei dem einen hundertfünfzig Kronen, bei denk änderen die Sinnenwelt betreffen. Noch viele christlich soziale Männer in Wien würden an den Pranger gestellt werden, wenn jene Personen, von welchen wir früher sprachen, ihren Mund auftun wollten. Häupter würden aus der Höhe niederkollern, angebetete Götzen in die Ecke fallen, wie alle, die sich für die Retter Wiens und der höheren Moral ausgeben, um in den verschiedensten Formen von Gehältern, Diäten, Pauschalien usw. Summen einkassieren zu können, die sie in jüngeren Jahren bei weitem.nicht gewohnt waren. So arg ist das Treiben geworden, daß selbst Parteigenossen den Züchtigungsstock aus der Ecke hervorholen und über den Häuptern der Missetäter schwingen. In Oesterreich etabliert sich um jedes Schlagwort ein Geschäft. Das hat Dr. Karl Lueger verstanden, der als oberster. Leiter der christlichsozialen Arbeitsgenossenschaft nur das mäßige Einkommen von vierundzwanzig tausend Kronen und die prächtige Amtswohnung erhielt. Für ihn war das sehr viel; denn er führte bis dahin eine kleine Kanzlei, die noch dazu schlecht ging. Wenn einige jüdische Industrielle rechtzeitig auf den guten Einfall gekommen wären, ihm ihre Vertretung zu übertragen. so hätte es gar keinen Christlich-Sozialen, keinen Liechtenstein. Bielohlawek usw. gegeben. Später, als etliche Banken sich an ihn heranmachten, war er schon zu groß, und saß bereits auf dem Bürgermeisterstuhl von Wien, von wo aus er Geschäfte zu vergeben hatte. Er schloß mit den Juden ab, und die Juden in den Bankverwaltungen sagten: non ölet. Er Hielt sich auch Iuden zu Freunden, und wenn ihn einer nach der Wandlung verließ, nahm er nicht den geringsten Anstand, diesen noch nach den Motiven zu befragen. Die Hände des Dr. Lueger sind rein geblieben: die Hände vieler seiner Werkleute sind dick beschmutzt. Wenn sich das m unserem Wien vollziehen konnte, wo man ja doch die Spürnase der Zeitungen zu fürchten hat, wie muß es bei den Christlich-Sozialen auf dem Lande zugehen, wo es an jeder Kontrolle fehlt. Da draußen werden sich noch mehr haben kaufen lassen. Dabei ist im Laufe der Zeit der Antisemitismus aus der Gemeinderatsstube verdampft, und zurückgeblieben ist nur der Geschäftsgeist. Die Gesinnungsgenossen sollten reichlich verdienen, in welcher Region sie sich auch immer befanden. Den Christlich-Sozialen hat Wien die entsetzlichen Bauten am Zentralfriedhofe und die neuesten Verschandelungen der ganzen Stadt zu verdanken. Der christliche Sozialismus hatte seine Eisenbahnbauunternehmer, seine Ingenieure, aber auch seine Tischler. Schuster, Schneider, kurz auf dem Wege des Geschäftes vermehrte er die Zahl seiner Anhänger. Das Geld der Steuerträger war Mittel zum Zweck, die christlichsoziale Partei zahlte die höchsten Preise. Um ganz Wien, das heißt, um auch den vergnügungsfrohen Teil der Bevölkerung zu gewinnen, wurden kostspielige Feste veranstaltet. Bankette auf Bankette gegeben, auf welchen sichs die Bezirksausschüsse aus den „entersten Gründen" am Champagner Wohltaten, und Geschäfte entriert, die wohl nicht ihresgleichen finden, z. B. Gänsehäufel, Kobenzl und Zillingdorf. Die Versprechungen, welche diese Herren machten, konnten sie oft nicht erfüllen, und so kam es, daß aus den Enttäuschten ihnen entschiedene Gegner erwuchsen. Die kleinen Beamten, welchen man ein größeres Einkommen in Aussicht stellte, die Aermsten,