Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LNr. 14 Dr. BLochs Wochenschrift Seite 32t» Professor Emanuel Mandelstamm. Kiew. Am 19. März starb plötzlich in Kiew der bekannte, mit der zionistischen und territorialistischen Bewegung eng verknüpfte Prof. Emanuel Mandelstamm. 1838 in Zhagory, Gouvernement Kowno, geboren, ist er im Jahre 1860 in Charkow zum Doktor promoviert worden. Als Augenarzt vervollkommnete er seine Kenntnisse bei Graefe in Berlin, und studierte Pathologie bei Dirchow ebendort. Nachdem er sich noch unter Helmholtz in Heidelberg ausgebildet, kehrte er nach zweijähriger Abwesenheit nach Rußland zurück und ließ sich als Privatdozent in Kiew nieder, wo er bis zu seinem' Tode blieb. Bald wurde er einstimmig von der medizinischen Fakultät zum Professor vorgeschlagen, aber von der Regierung nicht bestätigt. Darnach gründete er eine Privataugenklinik, die ihn berühmt machte. 1903 waren es 35 Jahre, daß Prof. Mandelstamm an dem Jüdischen Hospital in Kiew gedient hatte. Bei dieser Gelegenheit überreichten ihm die Vertreter wissenschaftlicher und literarischer Kreise Huldigungsadressen. Ter Pastor der deutschen Kirche in Kiew, der sich unter den Gratulierenden befand, gab seiner begeisterten Anerkennung für Mandelslamms Werk Ausdruck, „das", wie der Pastor sagte, „weder Religion noch Rasse kenne". „Das war meine Rache," erwiderte Mandelstamm, „für die Abfuhr, die man mir. dem Juden, bei meiner Wahl zum Professor zuteil werden ließ." Als er vor einiger Zeit erkrankte, wurden nicht nur in den Synagogen, sondern auch in Kirchen Bittgottesdienste für seine Genesung abgehalten. So beliebt war er. Prof. Mandelstamm hat von jeher an dem Geschicke des jüdischen Volkes einen lebhaften Anteil genommen. Sein Leben lang hat ihn die Aufgabe beschäftigt, das Härte Los seiner Brüder zu mildern. Nach den „Maigesetzen" mit ihren schrecklichen Folgen 'setzte er sich an die Spitze eines Komitees, um die Auswanderung in die Wege zu leiten. Nach den unerhörten Greueln des Jahres 1881 war er einer von den jüdischen Vertretern und Verteidigern, die vor der von der russischen Regierung eingesetzten Kommission erschienen, um über die jüdischen Angelegenheiten Bericht zu erstatten. Und als Herzl die Fahne des Zionismus auspflanzte, gehörte er zu den ersten Getreuen, die sich um ihn scharten. Auf den ersten Kongressen war es rührend zu sehen, wie der alte Mandelstamm den jungen Zionistenführer Herzl gewissermaßen ganz mit seiner imposanten Erscheinung deckte. Später, nach der Ostafrikadebatte, ging er zu Zangwill über und gehörte zu den Territorialisten (Jto). 'Sein ganzes Leben war der selbstlosen Arbeit gewidmet. Mehr als einmal kam er ins Bureau der „Jto" in Kiew und bat um Arbeit, „da er gerade freie Zeit habe, und wäre es auch nur bloß Adressenschreiben." Seit langen Jahren sah Kiew kein ähnliches Leichenbegängnis. Mehr wie 50,000 Menschen begleiteten den Toten auf seinem letzten Gang. Deputationen von allen Gesellschaftsklassen erwiesen ihm die letzten Ehren, Vertreter des Stadlrates, der Lehranstalten, der Hochschulen. Studenten der Kiewer Hochschulen trugen den Sarg. Vor einigen Häusern, die dem Leben des Verstorbenen besonders nahe standen, machte der Leichenzug Halt, so an einer Synagoge und an dem jüdischen Spital, um das El Mole Rachmim-Gebet zu verrichten. Pogromnervosität in Rußland. Wie sehr die Verdummung und Verhetzung in Rußland selbst die höheren Gesellschaftskreise ergriffen hat, und wie berechtigt die Pogromfurcht der russischen Juden jetzt vor den Pessachfeiertagen ist, geht aus einem besonders charakteristischen Falk hervor, der uns aus Kiew berichtet wird. Ein hoher General, der dieser Tage die Vorstadt Kreschtschatik passierte, begegnete einem unbekannten Menschen mit jüdischem Gesichtsausdrucke, der ein Kind an der Hand führte. Das Kind wollte scheinbar dem Manne nicht folgen und machte unter lautem Weinen alle Anstrengungen, sich von dem Manne loszureißen. Der General, durch diese Szene stutzig gemacht, alarmierte die Bewohner der umliegenden Häuser, indem er aus vollem Halse schrie: Ein Jude schleppt ein christliches Kind, um es zu ermorden. Auf dieses Zurufen rottete sich sofort ein großer Menschenhaufen an. der gegen den Unbekannten eine drohende Haltung einnahm, während ein Teil bereits die Parole ausgab, gegen die Juden zu ziehen. Schon machten Einige Anstalten, um die Geschäfte der Juden zu bombardieren, als schließlich Wache ankam, die Bevölkerung beruhigte und den Mann mit dem Kinde zur Polizeistation brachte. Natürlich zog auch der General an der Spitze der aufgeregten Bevölkerung mit auf die Polizei, um sich zu überzeugen, ob die Angelegenheit nicht gewaltsam vertuscht werde. Beschämt mußte aber der mutige Kriegsheld mit seiner Armee von Huligans abziehen, als er erfuhr, daß die polizeiliche Untersuchung unzweifelhaft ergab, daß der Mann kein Jude, sondern ein Grieche war. der sein eigenes Kind, das nicht nach Hause gehen wollte, mit Gewalt nach Hause schleppte. Massenausweisung von Jude» in Ruffisch-Polen. In Dombrowo, Kreis Bendin, dem Zentrum der polnischen Bergwerke, werden die Juden von einer schweren Katastrophe betroffen. Siebenhundert jüdische Familien find plötzlich der Ausweisung verfallen, weil Dombrowo eine Dorfgemeinde ist. Unter denen, die ausgewiesen worden find, befinden sich viele, die schon 20—30 Jahre in Dombrowo wohnen. Eine jüdische Deputation begab fich zum Gouverneur nach Petrikau, um die Erlaubnis zum weiteren Aufenthalt zu erwirken, allein dieser Schritt blieb ohne jeden Erfolg. Die Ausweisungen kamen den Betroffenen ganz unvermutet, da gegen die Juden in Rusfisch- Polen bis vor kurzem die Beschränkungen, wie fie in den die Juden aus den Dörfern ausschließenden Maigesetzen enthalten find, nicht angewandt wurden. Kongretz jüdischer Reservisten in Rußland. Der bekannte jüdische Kavalier des Georgenordens, M. Tscherkes aus Kischinew, kam dieser Tage in Warschau an und wandte sich an die dortige Behörde um die Erlaubnis, nach Warschau einen Kongreß jener jüdischen Reservisten einzuberufen, welche an dem ruffisch-japani-> schen Kriege teilgenommen haben. Der Zweck dieses Kongresses ist, gegen das Projekt der russischen Nationalisten. die Juden von der Armee auszuschließen, in feierlicher Weise zu protestieren. Tscherkes wurde mit seinem Ansuchen an das Ministerium des Innern gewiesen. Der Wortlaut des Gesetzentwurfes über die jüdische Kolonisation in Angola. Wie bereits kurz berichtet wurde, hat die Regierung der portugiesischen Republik einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, betreffend die Ansiedlung russischer Juden in der portugiesischen Republik Angola. Wie nun in einem offiziellen Berichte aus Lissabon gemeldet wird, ist der Initiator dieses Planes ein spaniolischer Jude namens Tarlo. Tarlo, der in seiner Jugend in Palästina lebte, später verschiedene Reisen, so auch in Rußland unternahm, lernte auf diesen Weltreisen die Notlage der Juden genau kennen. In Lissabon lebt Tarlo erst seit fünf Jahren. Seine großen Kenntnisse auf nationalökonomischem Gebiete verschafften ihm bei der republikanischen Regierung einen gewissen Einfluß, die ihm auch einen Vertrauensposten im Ackerbauministerium übertrug. Er verließ jedoch bald diese Stelle und ist heute der Direktor einer großen Exportgesellschaft. Tarlo hat auch an der Redaktion des Gesetzentwurfes, der demnächst im Parlamente zur Verhandlung gelangen soll, mitgearbeitet. Im Folgenden geben wir die Uebersetzung der Gesetzesvorlage: