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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-03-08 · 10 (8.3.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Sette 161 Nr. io Dr. Blochs Wochenschrift Präsident Dr. Rosenbacher mit dem Vizepräsidenten Dr. Bendiener, Dr. Fischer, Dr. Kohner und Dr. Petschek, die Vertreter des Rabbinats-: Prof. Dr.-Deutsch, Prof. Dr. Kisch. Prof. Dr. Grün, Prof. Dr. Weiner, Dr. Arje. Dr. Brody. Dr Tdieberger. Hofrat Dr. Unger, Oberfinanzrat Dr. KoZerak, Laudes'chiürat Dr. Knh. kaijrrl. Rat Draller; die Vertreter aller Synagogen und der Beeldigungsbrüderschaft, wie auch eine große Gemeinde von Leidtragenden, welche den Tempel in allen seinen weiten Räumen fällte. Die Feier begann mit dem Minchagebet und dem hebr. Trauerpsalm Cap. 16, rezitiert vom Oberkantor Herrn Mirsky und einem deutschen Choral, worauf Herr Prediger Dr. Emanuel Schwartz die Gedenkrede hielt. Sie war ein kunstvoller Bau aus berrtrchen Gedanken und prachtvollen Bildern und übte eine mächtige Wirkung auf das gewählte Auditorium aus. Die Feier schloß nach abermaligen Choral mit dem Kaddisch des Predigers und war würdig und weihevoll. Für die Veranstaltung gebührt Herrn Vorsteher Moritz Austerlitz Dank und Anerkennung. Frankfurt a. M. (BaroninMathilde Rothschild.) Der Kaiser hat der Fceifrau Mathilde v. Rothschild, die dieser Tage ihren achtzigsten Geburtstag feierte, durch den Regierungspräsidenten v. Meister in Wiesbaden ein prächtiges Blumengewinde überreichen lassen. Ferner hat der Kaiser der Dame ein in herzlichen Worten gehaltenes Telegramm übersendet. Unter den zahlreichen Fürstlichkeiten, die der Baronin Rothschild gratulierten, befanden sich auch die Großherzogin Luise von .Baden sowie die Schwester des Kaisers Prinzessin Karl von Hessen und ihr Gemahl. Feuilleton. Toyulrre-Hallrn. Für Millionen und Abermillionen bedeutet der Abgang von der Bürgerschule den Abschluß ihres Bildungsganges. Die harte Not zwingt sie, mit dem vierzehnten Lebensjahrs alle Hirn- und Muskelkraft in den Kampf ums Dasein zu stellen. Aber mit Unrechit nehmen die Glücklicheren an, daß diesen Arbeitsmenschen nicht die gleiche Sehnsucht, der gleiche Trieb nach Wissen und Erkenntnis rnnewohnt, wie ihnen selbst. Was sie in der Volks- und Bürgerschule gelernt, das U doch nur das Allernotwendigste und Dürftigste, ich möchte sagen: das ABC und Einmaleins des Lebens. Denn nicht einmal über die wichtigsten praktischen Dinge, über sein Verhältnis zur bürgerlichen Gesamtheit, über strafrechtlich Erlaubtes und Unerlaubtes, über Bau und Pflege des Körpers, über die Grundgesetze des ökonomischen Lebens erhält der junge Staatsbürger daselbst Aufklärung, geschweige denn, daß er auch nur einen Blick in das paradiesische Land der Schönheit, in die Welt der Poesie und der Musik tun dürfte, obgleich es schon in der Bibel heißt, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt. In den Quartieren des Reichtums ahnen nur Wenige den gewaltigen Bildungsdrang, der die Seele der Mühseligen und Beladenen erfüllt. Je härter die Frohnde, umso tiefer und mächtiger das Verlangen, auch an den höheren und edleren Genüssen des Daseins Anteil zu gewinnen, den engen Kreis des Wissens zu erweitern, sich an den Schöpfungen der Kunjst zu erfreuen. Alle sozialen Kämpfe des letzten Halbjahrhunderts, die Forderung nach Minimallohn und Achtstundentag, der ganze Riesenkamps der Arbeitenden gegen die Genießenden entspringt diesem Verlangen. In verstärktem Maße ist dieser, der Menschennatur innewohnende, faustische Trieb dem jüdischen Proletariate zu eigen. Einer höheren geistigen Regsamkeit stehen ungünstigere Lebensbedingungen der jüdischen Klassen gegenüber. Aus dem Cheder heraus, noch im Knabenalter, muß der junge Jude „in's Verdienen" gehen. Was das bedeutet, weiß nur, wer den jüdischen Arbeitstag des Ostens kennt. Die Talmudschule hat nur den Wissensdurst gesteigert, das Gemüt empfänglicher und ausnahmsfähiger gemacht, ohne diesen Durst zu stillen. diese Empfänglichkeit zu befriedigen. Fragt nur die Männer, die Gelegenheit hatten, in jüdischen Massenversammlungen zu sprechen. Sie werden euch sagen, daß dieser im Anfang scheinbar stumpfe und dumpfe Menschenknäuel allmählich in Bewegung gerät, daß die matten Augen zu glänzen, die starren Mienen zu zucken anfangen, daß mit dem fortschreitenden Verständnis der Gedankenwelt des Redners die tausend Sinne der Hörer zu arbeiten, zu verarbeiten beginnen, daß die Wangen sich wie in Fieberglut erröten und daß endlich der ganzen Versammlung sich eine ungeheure Erregung bemächtigt, daß sie sich in einzelnen disputierenden Gruppen auflöst, zwischen Redner und Hörer sich Rede und Gegenrede entwickelt und nach Abschluß des Vortrages der Trieb nach weiterer Erkenntnis die Menge immer noch beisammenhält. — — Spät ist der jüdische Gemeinsinn dazu gelangt, diesem elementaren Bildungsbedürfnisse des jüdischen Proletariats entgegenzukommen. Während die Arbeiterbildungsvereine seit einem halben Jahrhundert ihre segensreiche Wirksamkeit üben, bürgerliche Volksbildungsvereine seit Jahrzehnten durch populäre Vorträge und künstlerische Darbietungen den Wissenskreis des Volkes erweitern, sind unsere Toynbee-Hallen. die dem jüdischen Proletarier die Trübsal des Daseins erhellen, erst jungen und jüngsten Datums. Weit draußen, an der Peripherie der Großstadt, in einer jener Gassen der Brigittenau, die den stetigen Zuzug aus dem Osten in sich aufsaugen, liegt die jüdische Volksbildungshalle Wiens, ein bescheidener Raum mit niedriger Decke, der etwa 200 Personen faßt. Durch Entfernung der Zwischenwände wurde aus kleinen Mietwohnungen dieser mäßige Saal geschaffen. Während die Arbeiterschaft längst ihre Bildungspaläste hat, konnten unter den reichen Wiener Juden noch immer nicht die Mittel aufgebracht werden, um der Toynbee-Halle ein eigenes Heim, der jüdischen Volksbildung eine würdige Stätte zu schaffen. Allabendlich — denn an jedem Abend der Woche wird hier ein populär-wissenschaftlicher Vortrag oder ein künstlerisch hochstehendes Konzert geboten — drängen sich hier Männer und Frauen aus den ärmsten jüdischen Schichten heran, um ihre Kenntnisse zu erweitern, ihr bedrücktes Gemüt zu erheben. Auch in Ottakring-Hernals und in Fünfhaus sind mit bescheidenen Vereinsmitteln kleinere Hallen erstanden, wo ein- oder zweimal in der Woche Vorträge stattfinden. So groß ist der Ansturm zu diesen Veranstaltungen. an denen die hervorragendsten jüdischen Vertreter der Wissenschaft und Kunst Mitwirken, daß oft mit Polizeiaufgebot die Menge der Ueberzähligen zurückgewiesen werden muß. Es ist das dankbarste Publikum. das ein Redner oder Künstler sich wünschen kann, und ich möchte nur wünschen, daß Viele unserer eleganten Herren und Damen, die sich zu den Vorträgen Sombarts drängten, auch hieher einmal ihre Schritte lenken, um einen Blick in die Tiefen der jüdischen Volksseele zu tun. Vielleicht wäre die Wirkung eines solchen „Schrittes vom Wege", daß die Mitte^für die Toynbee-Halle reichlicher fließen und daß es möglich wäre, die Zahl der nach geistiger Erfrischung Lechzenden zu verooppeln und zu verdreifachen. Neben dieser geistigen Erfrischung fehlt es auch an leiblicher nicht. Opferfreudige Frauen und Mädchen reichen in einer Pause jedem Teilnehmer eine Tasse Tee mit Milchbrot, und der Tee wird so dankbar angenommen wie der Vortrag. In aller Stille und Geräuschlosigkeit übt die Toynbee-Halle ihr Werk der Aufklärung und Erhebung. Vielleicht viel zu still und geräuschlos. Man sollte mehr davon reden und schreiben, damit die höheren Schichten der Wiener Judenschaft mehr davon erfahren. An dieser Stätte gibt es keine politischen und sozialen c»

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