Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 160 Dr.Blochs WochMchrift das Geld verteilt. Das Sammelkomitee ist freisinnig, darüber herrscht kein Zweifel, aber die Durchführung der Beschlüsse ist wenigstens zum großen Teil der Genossenschaft der Gastwirte anvertraut, in welcher einige christlichsoziale Größen zuhause sind. Niemand kann auch dafür gutstehen, daß die ganze Unternehmung einmal in antisemitische Hände übergeht. Wir sind also durchaus nicht sicher, ob auch jüdische Schulkinder beteilt werden und ob nicht die klerikalen wieder für ihre gefürchteten Erziehungsanstalten den Löwenanteil davon tragen werden. Diesen Möglichkeiten müßte eine feierliche und bindende Erklärung des Komitees entgegentreten. Sie ist von jüdischen Wirten verlangt und nicht gegeben worden. Es ist aber notwendig, daß sie bald erfolgt, denn sonst könnten viele abgeschreckt werden, die immerhin bemerkenswerte Steuer auf sich, zu nehmen für einen Zweck, den sie nicht genau kennen. Girr christlicher Zeuge über den wahren Inhalt des Judentums. N. W. Es obliegt jeder angegriffenen sozialen oder religiösen Gemeinschaft, sich selbst zu verteidigen. Diese Abwehr fließt sowohl aus der Natur des menschlichen Charakters, als insbesondere aus der größeren Kenntnis des eigenen Wesens. Deshalb ist der Wert der von Juden verfaßten apologetischen Schifften nicht zu unterschätzen. Niemals oder nur in wenigen Fällen wird ein Außenstehender sich in das Leben einer ihm fremden Gruppe so einfühlen können als derjenige, welcher ihren Gesetzen in persona untersteht oder, wenn er sich ihnen auch längst entwunden hat, sogar nur von ferne her ihre Wirkungen verspürt. Um so weniger ist ein Verständnis zu erwarten, wenn die Kritiker mit vorgefaßten Meinungen an die Untersuchung einer Sache gehen, bei der es ihnen vornehmlich darauf ankommt, deren schwache Seiten zu erspähen. Das wird immer dort der Fall sein, wo der Beweis für die Thesen schon durch die Ueberzeugung von dem besseren Selbst erbracht zu sein scheint. Hierbei braucht es an versuchter Objektivität ebensowenig zu fehlen, wie eine beabsichtigte Feindschaft vorliegen muß. Beispiele dieser Art lassen sich aus allen Gebieten unschwer anführen. Nicht zu oft werden sie aber zu finden sein, wenn es Schilderungen von Zuständen oder geschichtlichen Entwicklungen gilt, deren Darstellungen vom Gezänke des Tages ihren Ausgang nehmen. Ihnen haftet, mögen sie für oder gegen gerichtet sein, meistens der Geruch polemischer Vergänglichkeit an. Dennoch mögen sie ihren Zweck erfüllen. Aber erfreulicher ist es, daß auch abseits vom Lärm des Lebens Werke entstehen können, die ohne Zorn, aber mit Liebe einen Stoff behandeln, der die Gegenwart tief bewegt. Wieviel wird über das Judentum geschwatzt, ohne es zu kennen! Ganz abgesehen von Gelegenheitsschriften machen sich schiefe, auf einseitiger Betrachtung beruhende Urteile auch da breit, wo die Möglichkeit unverfälschten Erkennens wie nie zuvor gegeben ist, in der wissenschaftlichen Literatur. Dann kann kein besseres Gegengewicht geboten werden, als wenn wieder von unbeteiligter Seite der Versuch unternommen wird, den Kern des Streitobjektes reinlich aus seinem eigenen Gehäuse zu schälen. „Die Wahrheit ist es, nach der wir alle ringen", setzt das Vorwort des Buches ein, welches mit diesen Zeilen angezeigt werden soll. Und der es schrieb, handelte nach dem obengenannten Grundsätze. Es ist ein christlicher Arzt, Dr. I. Weigl in München, von dem wir nicht wissen, was ihn veranlaßte, sich eingehender mit dem Judentum zu befassen. Jedenfalls tat er es Nr. 10 nicht in der Absicht, das Judentum und seine Bekenner um jeden Preis gegen die verschieden gearteten Angriffe, Vorwürfe und Verleumdungen in Schutz zu nehmen, wenn auch heute sein Buch in vornehmer Weise dem Ziele dient, „an der friedlichen Verständigung der Angehörigen getrennter Religionsbekenntnisse zur gegenseitigen bürgerlichen Duldung und gemeinsamer vaterländischer Arbeit mitzuwirken". Vielmehr mag er sich zu seiner eigenen Belehrung mit dem jüdischen Schrifttum aller Zeiten in der Ursprache und der einschlägigen Literatur gleichwie mit dem sozialen Leben der Juden unter sich und mit den Nichtjuden befaßt haben, ein Studium, als dessen Frucht er uns nach zehn Jahren des Reifens sein Buch, „Das Judentum" beschert. (Berlin, 1911. Verlag von I. Guttentag. M. 5.—. Groß 8°. 311 S.) Der Mann ist gründlich! zu Werke gegangen. „Ich habe," schreibt er, „die Juden beobachtet lange Jahre, ohne Vorurteil und Vorliebe, in kühler, objektiver Reserve — der Mensch den Menschen. Ich habe sie kennen gelernt, in manchem Land, unter verschiedenen Verhältnissen, in den mannigfachen Lebenslagen: im Gewühl von Weltstädten bei dem aufreibenden Ringen nach> Erwerb rastlos vom frühen Morgen bis zur späten Nachtstunde tätig: arme Hausierer und reiche Großkaufleute, Fabrikarbeiter und Bureaubeamte: in stillen, weltfernen Dörfern, an die kaum der Pulsschlag des starken Lebens unserer Zeit dringt, wo sie in friedlichem Dasein als tüchtige Handwerker fleißig sich mühen oder die Scholle bearbeiten: auf Auswandererschiffen, die sie fern den zerstörten Wohnstätten mit armseligen Resten einstigen Besitzes über den Ozean trugen .... also im Glück des ungestörten, trauten Familienlebens und im schweren Leid zertrümmerter Eristenzen. — Ich, saß bei jüdischen Gesetzesgelehrten in stillem Studierzimmer über Talmud, Rambam und Dezisoren und lernte Perlen tiefgründiger Lebensweisheit fassen. ... Ich war Gast in der Sukkoh am Hüttenfeste.Ich sah die Weihe der Sabbatlichter und den Ernst des Versöhnungstages und lauschte dem Jubel von Schimchat Thora. ... Ich bin auch Entarteten begegnet, die des Judentums und der menschlichen Gesellschaft sich unwert gezeigt hatten. ... Es gibt überall, wo Erdenkinder wallen, Licht und Schatten. .Aber warum — fragte ich mich oft — wollt ihr bei den Juden nur die Schatten sehen? . . . Sollen sie weiter leiden unter der Kleinlichkeit des Vorurteils, des innersten Motivs aller Menschheitstragödien? Laßt sie Euch doch menschlich näher kommen! . . . Machen wir gut, was frühere Zeiten an Schuld gehäuft! Nur mehr der Gerechtigkeit im Urteil und ein entschiedeneres Losringen vom Vorurteil : so macht Euch frei — und der Haß muß sterben an seinem eigenen Gift. . ." Wir müssen es dem Autor danken, daß er sein tiefes Wissen und seine reiche Lebenserfahrung nicht für sich behält, sondern eingedenk der Verkennungen, welchen die Judenheit als Religionsgenossenschaft ausgesetzt ist, sich in den Dienst der Aufklärung stellt und hierbei ein pädagogisches Geschick entfaltet, wie es in dem konkreten Fall selten angetroffen wird. Sein Werk gibt über alle Fragen Auskunft, die sich, im täglichen Leben dem nichtjüdischen Mitbürger aufdrängen können, wenn an ihn die Judenfrage in irgendeiner Wendung herantritt. „Das Vuch> soll", wie es im Vorwort heißt, „in die religiös-sittlichen Gedankengänge der jüdischen Religion den Fernerstehenden einführen, Vorurteile beseitigen, irrige Anschauungen durch Darbietung objektiver Belege in durchaus irenischer Weise richtig stellen, und damit die Erkenntnis der Wahrheit über Judentum und Jude fördern helfen." Zu diesem Zwecke schil-