Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 8 DpB Bloch’s I«4r-«n- XM Zentralorgan kür die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 23. Februar 1912 i Lrscbetnt jeden LreLtag. Brief-Adresse: Wien, ix/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Das heimliche Programm der Christlich-sozialen. — Werner Sombart. — Vom Ja hrma r kt des Lebens Der Wunderrabbi als Rechtsfreund. Koschere Kochkunst als Lehrgegenstand in einem Lehrerii neu-Seminar. Ernennung eines Rabbiners zum Professor für Literatur. Der gesuchteste Arzt der Welt. Das Stolypin-Archiv. Bilder aus dem jüdischen Leben und dem Ghetto. Unsere Weisen über den Umgang mit Menschen. —Korrespondenzen: Drei Millionen für ein Kinderspital. Zum Reformlehiplan für jüdischen Religionsunterricht. Erzherzog Rainer-Feier im Kaiser-Jubiläums-Huldigungstempel Wieden und Margarethen. Erzherzog Rainer-Feier in Baden. Generalversammlung des Tempel-Vereines für den XIX. Bezirk in Wien. Oberrabbiner Dr. Nathan Ehrenseld gestorben. Abermals eine Zwangstaufe in Galizien. Das neue jüdische Mitglied des bosnischen Landtages. Eine politische Broschüre vom Dumadepnticrten Niffelowitsch. Eine jüdische Emigrations-Konferenz in Berlin. Eine merkwürdige Folge der Affäre Dr yfus. Die jüdische und hebräische Sprache in der Schule verboten. Zur Judenfrage in Finnland. Eine neue jüdische Ansiedlung in Portugiesisch-Westafrika. — Vermischtes. — Feuilleton: Beim Minister. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. O CF-= —=0 o p Bezugspreis für VrUerreich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 3nal gespal» 3 lene Petttzeile Heller. C OP ' " -rOQ 2 -u o r A. ft. Pofifxarftaffeirsrnk 0* Sleartng-Verk ebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration. Wien IX/i. Hahugasse Nr. 15. 'relel»» Nr. 14.847. <1 QP ■ ---Qo Das heimliche Programm der Christlich- Sossalen. Wenn die Verhandlungen im Gemeinderate und im Landtage sozusagen die persönlichen Prozesse der Christlichsozialen unter der Anklage der Korruption gewesen sind, so war der Prozess Hierhammer-Stahlich in merkwürdiger Verkehrung des Schauplatzes der politische Prozess der ganzen Partei. Man sprach beim Abrollen dieses merkwürdigen Sittenbildes über die Absichten der Christlichsozialen in der Oeffentlichkeit, und da hat nun einer, der es wissen muss, ein recht launisches Wort gesprochen, das jedoch die Sachlage klipp und klar wiedergibt. Der zaubergewaltige Ehrenbürger von Mühldorf, der Millionär Vergani, sagte, dass es ein Programm der Christlichsozialen niemals gegeben habe. Man wird das glauben dürfen, da es doch der publizistische Vorkämpfer der Rathäusler bezeugte. Recht verwunderlich ist es allerdings für die Begriffe der Naiven unter den Zeitgenossen. Denn jedem ist erinnerlich, wie zur Zeit der Wahlen die Wiener Mauern klafterweit mit dem Programm der Christlichsozialen beklebt waren, und die parlamentarischen Hilfsbücher zum Beispiel enthalten viele Seiten Druck über den Standpunkt der Partei. Wer aber nicht den Umfang, sondern den Inhalt betrachtete, konnte leicht feststellen, dass die grosse Masse nur Worte enthielt, aber nicht den mindesten Wert besah. Es war ganz unmöglich, auch nur den zehnten Teil der Vorsätze aus den bombastischen Ankündigungen auszuführen. Andere politische Gruppen gliedern sich entweder sozial oder national. Sie vertreten entweder Deutsche oder Tschechen, Agrarier oder Arbeiter. Die Christlichsozialen aber hatten die Kunst herausbekommen, sämtliche Interessen und Völker der Monarchie vertreten zu können. Da war nichts und niemand, der sich vernachlässigt fühlen konnte. Sie waren deutschnational und versprachen den anderen Rationalitäten die Erfüllung ihrer Wünsche, sie schützten die Unternehmer gegen den Arbeiter, den Arbeiter gegen die Unternehmer, sie organisierten die Hausherren und die LohnsUaven der Gaswerke, sie sprachen in der einen Versa,nmlung für die Konsumenten, in der anderen für die Großgrundbesitzer, sie retteten das Gewerbe und unterstützten die Banken, sie waren der politische Hans Dampf in allen Gassen. Unter dem leichtlebigen und leichtsinnigen Volke der Phäaken, das bei der Kritik nicht in die Tiefe geht, hatten diese skrupellosen Demagogen mit ihrem Massenaufgebot von schönen Redensarten lange leichtes Spiel. Die Masse wollte nicht erkennen, dass es ganz unmöglich sei, auch nur den kleinsten Teil der Versprechungen zu erfüllen und dass die vernichtende Wahrheit in der Mitte zwischen den masslosen Widersprüchen liege, nämlich dass die Christlichsozialen gar nichts von ihren gedruckten und gesprochenen Lügen zur Wahrheit machen wollen und können. Das eigentliche Programm der Christlichsozialen ist allerdings vorhanden. Nur wird es nicht eingestanden, wird es mit grösster Entschiedenheit geleugnet. Dieses Programm ist lapidar und ebenso echt als überzeugend in seiner Kürze: Beute um jeden Preis! Für den einen bedeutet diese Beute Macht, für den anderen Geld und für den dritten beides. Dieses Programm wurde von den Christlichsozialen allerdings mit einer beispiellosen Entschlossenheit und mit kolossalem Erfolge durchgeführt. Sich selbst haben sie in ihrem heimlichen Programm nicht zuviel versprochen. Es ist selten einer unter ihren Führern und Kapazitäten, welcher nicht fette Pfründen und grosse Kapitalien besähe nach einem Raubzug, welcher nur wenige Jahre gedauert hat. Tragische Heiterkeit liegt nun darin, dass dieser Raubzug als Feldzug gegen die Juden unternommen wurde, deren Vorherrschaft man angeblich brechen musste. Wenn auch nur ein Schatten von dieser Verleumdung wahr wäre, wenn jemals auch nur eine Macht, geschweige denn eine Vormacht der Juden bestanden hätte, so hätte die Bevölkerung noch immer einen sehr Übeln Tausch gemacht. Denn niemals zuvor ist eine solche Menge von Korruptionsfällen vor die Oeffentlichkeit gebracht worden, als nach dem Wechsel zwischen dem jüdischen und dem antisemitischen Einfluss. Dieser Eindruck ist so stark, dass einzelne Zeugen den Antisemitismus für sich und andere ablehnten. Diese Aussage ist ein Ge-