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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Rr. 7 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 11) so ruft dagegen gleich ein halbes Dutzend, daß sich noch nie ein Jude aus Ueberzeugung getauft habe. Bezeichnet Einer mit Sombart die Juden als die Urheber und Träger der kapitalistischen Wirtschaft, so führt ein Anderer wissenschaftliches Rüstzeug dafür ins Feld, daß die italienischen Bankherren des Mittelalters, die Kalvinisten, die Holländer, die Engländer und die deutschen Fugger die Juden zu dem Kunststück nicht gebraucht hätten.. Befürchtet Einer aus dem Weggang der Juden schwere wirtschaftliche Verwüstungen, so macht uns ein Anderer unwiderleglich klar, daß daraus nicht der geringste Schaden entstünde. Versteift sich Einer auf die Notwendigkeit eines Judenstaates, oder wenigstens einer öffentlich-rechtlich gesicherten, autonomen Heimstätte für die Ostjuden, sind flugs Andere zur Hand, die historisch beweisen, daß die Juden kein staatenbildendes Volk seien und nie gewesen wären. Und so fort mit Grazie! Und von diesem Sammelsurium behauptet eine Buchhändler- Reklame, daß es „vielleicht einmal den Ausgang bilden werde bei Lösung des Judenproblems". Wollten die Herren Sombart und Landsberger — der letztere hat ja in den assimilatorischen Schichten Berlins einen höchst interessanten Roman erlebt und das Erlebnis dann selbst wieder zu einem Sensationsroman verwertet — nicht bloß einen Augenblickseffekt erzielen, sondern wirklich einen festen Ausgangspunkt für die Lösung der Iudenfrage gewinnen, dann hätten sie ganz andere Fragen formulieren müssen. Sie hätten nicht fragen dürfen, was die Juden tun wollen oder sollen, sondern was die gebildeten Christen zu tun gedenken, um das mittelalterliche Vorurteil der Massen gegen die Juden zu zerstören und diesen zur Anerkennung ihrer Staatsbürger- und Menschenrechte zu verhelfen. Freilich, eine solche Frage kann von einem Manne nicht leicht erwartet werden, der an die Juden die frivole Zumutung stellt, von der ihnen gesetzlich einzuräumenden Gleichberechtigung aus „Takt" keinen Gebrauch zu machen. Das freiwillige Ghetto ist für ein stolzes, selbstbewußtes und lebendig wirkendes Volk gewiß noch schwerer zu ertragen, als das erzwungene. Ich meine, daß wir an den „wissenschaftlichen" Thesen Professor Sombarts schon schwer genug zu tragen haben — seine politischen Ratschläge lehnen wir dankend ab. S. Fl. Literatur. Glockenklang. Von Hugo Salus.*) Es scheint in uns Oesterreichern ein Geist der Auflehnung gegen uns selbst wirksam zu sein, der uns nicht zufrieden sein lässt mit der Stellung, die uns der Zufall, der Beruf oder die Berufung anweisen. Viel häufiger als in anderen Ländern schreiben Advokaten und Richter Theaterstücke, machen die Aerzte ernst hafte Musik oder malen Bilder, schreiben die Nichtjournalisten Zeitung. Unsere Passionen fassen viel zu oft ausserhalb des Berufes, und es mag häufig genug geschehen, dass der hieraus entstehende Dilettantismus auf die Berufe zurückschlägt. Jede Kunst und auch die Literatur, sie stellen solche Ansprüche an die produzierende Kraft, dass jeder, der zwei Göttern dienen will, sich mit einer zweiten Stellung begnügen muss. Die Ausnahmen sind selten und noch am ehesten dem Lyriker möglich. Wer aus seinem innersten Empfindungsleben heraus dieses selbst darzustellen versucht, der soll uns nur „Gelegenheitsgedichte“ im Sinne Goethes bieten, nicht „Arbeiten“ in der Art der anderen Künste. Das erklärt, warum der Prager Frauenarzt Dr. Hugo Salus bei allem Ernste in seinem Berufe zu den bekanntesten und viel gelesenen Lyrikern unserer Zeit gehört. Man sollte glauben, ein Mann, der sich so vielfältig auszuleben vermag, sei dann mit seiner Stellung zufrieden! Ein Vorwort des Dichters zu seinem neuesten Gedichtenbuche „Glockenklang“, belehrt uns eines anderen. Salus wurde vielfach ein „liebenswürdiger Dichter* genannt und das tat ihm wehe; er will „endlich ein Mensch genannt *) Albert Lange ns Verlag, München. werden, der in seiner Zeit steht und sein Herz, seine Leiden und Freuden anssaat, wie er muss und wie er es vermag!“ Ist das nun der Oesterreicher, der nie mit seiner Stellung zufrieden ist, oder — oder ist es der Europäer, der neuen Zeit neuester Mensch, der keinen Wert darauf legt, liebenswürdig in in unserer harten Zeit zu sein, weil, wie Salus sagt, dieses Wort seinen Sinn verloren hat? Salus der gütige, zarte, feine — kurz der Dichter, will aus seinem Sohne einen eisernen Tatenmenschen schaffen, einen Mann — au fers als — sein Vater. Also spricht er zu seinem Kinde in dem Gedichte Wiegensegen Diesen harten Wiegensegen Sprech’ ich über dich mein Junge, Sprech’ ihn mit bewusster Zunge! Ich bin nicht so weich gelegen : Ach und bin doch weich geraten, Weichlich, zag, 6ekühlszerrissen! Du erwach’ von weichen Kissen, Hart zu eisenharten Taten-— Wahrlich unsere Zeit ruft nach Taten und der nächsten Generation, wer weiss, werden die „liebenswürdigen“ Dichter fehlen. Mir ist bange um die Zukunft, wenn ich sehe, mit welch geringer Dosis von Liebenswürdigkeit unsere Jagend sich zufrieden gibt, Taten nnd Tatsachen verlangt unsere Zeit! Ob die Kommenden mehr schaffen werden? Waren nicht jene stärker, die da singen, wie Salns in seinem „.\hnenlied“ Meinen Grossvater hab’ ich noch gekannt, Er trug sein Bündel durch das Land Und konnte nicht schreiben und konnte nicht lesen Und ist ein armer Hausierer gewesen. Welch ein Weg vom Grossvater zum Enkelsohn der ein deutscher Dichter wurde, und in dem es voll ist von köstlichen Liedern, Lieder, ans denen süsse Liebe duftet und starke Treue wie aus den zwölf Zeilen im „Buch der Liebe“ oder das „Starke Schweigen“. Dann schwillt gelegentlich das Gefühl der persönlichen Empfindung zu einem grossen Akkord der Liebe, der vom eigenen neugeborenen Kinde emporströmt zum ganzen Volke Du bist für dieses Kind und seine Zukunft Und also für ein ganzes Volk, dein Volk Verantwortlich — Auch unter der Ueberschrift „Landschaft“ bringt Salus feine Empfindungen zum Ausdruck, so z. B. in dem Gedichte „Das Floss“. Er sieht in den toten Bäumen den lebendigen Wald auferstehen, dem die Singvögel das Geleite geben. Feine Stimmungsbilder bieten auch „Liedchen“, „Unendlichkeit“, „Lied in der Nacht“. Gar mancher Geschmack findet seine Befriedigung in dem eleganten Bändchen. Der stille Leser, der sich in voller Seelenruhe erquicken mag nnd der mitempfindende Vorleser, dem es gegeben ist, laut hinauszurufen, was ein Dichter geschaffen hat. „Die Legende von den toten Müttern“, „Das Ahnenlied“ und „Das Lied des Blutes“, das in diesen Blättern noch vor Erscheinen des Bandes „Glockenklang“ abgedruckt war, man wird sie oft genug vom Vortragstisch zn hören bekommen. Und wer sich das Büchlein zn eigen macht, der wird wohl bald Laden, dass Hugo Salus, der kein liebenswürdiger Dichter sein mag, liebenswert ist, würdig unserer Liebe. H. Y. St, Aus sterbenden Zeiten nennt Doris Wittner eine Novellensammlung, die dieser Tage in der deutschen Verlagsanstalt „Concordia“ (Berlin 8. W.) erschien. Die Autorin versteht es meisterhaft, sich in den Geist dieser „sterbenden Zeiten“ zu versetzen, unser Interesse für dieselben wachzurufen. Man meint Georg Eber’s herrliche Schilderungen des altrömischen Lebens am geistigen Auge vorbeiziehen zu sehen, D’Anuncio’s blumenreiche Sprache zu vernehmen, wenn man diese gedankentiefen, sinnlich anregenden Novellen liest. Wo Doris Wittner Frauencharaktere schildert, altrömische, jüdische, wie in den beiden ersten Novellen, oder französische Aristokratinnen, wie „Gavitte maeabre“, immer sind sie wie in Sonnenglut getaucht, interessant selbst im Pfuhl der Sünde. Die römische Welt zur Zeit Neros zieht in der Novelle „Acte“ wie in einem Wandelpanorama an uns vorüber. Wir sehen, wie Nero als Jüngling von seinem Lehrer Seneca zur Selbstachtung verhalten wird, den Pfad der Tugend zu wandeln, aber durch seine lasterhafte Mutter Agrippina ins Verderben gestürzt wird. Inmitten der römischen Sittenverderbnis erstrahlt das Bild der Claudia Acte, einer jüdischen Sklavin, deren Reize Nero entzückten, in wunderbarer Schönheit. Acte, die Tochter der Jüdin Harma, erhält eine fürstliche Wohnung, einen grossen Sklaventross, sie wird die Freundin Neros, ohne seine Geliebte sein zu wollen. — Gar bald aber wird Nero dem Einflüsse Senecas entfremdet und findet Gefallen an Gladiatorenkämpfen, Tierspielen, Acte ist

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