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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 66 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 4 regel bildet eine neue Phase in dem Kampf, Her nun schon seit Monaten iy der Alliance tobt. Bekanntlich hatte das Zentralkomitee in Paris beschlossen, die Wahlen zum Zentralkomitee, die bisher in Form von Listenwahlen in sämtlichen Ländern stattfanden, abzuschaffen und durch das System der Kooptation zu ersetzen. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft hatte einen erbitterten Kampf gegen diese Neuerung geführt, die den Mitgliedern der Alliance jedes Recht nimmt und ihnen nur die Pflicht der Beitragszahlung läßt. Ihr Widerstand war jedoch vergeblich, und die Generalversammlung der A. I. II., die kürzlich in Paars stattfand, genehmigte die Vorschläge der Pariser Leitung. Nunmehr will das Zentralkomitee in Paris den lästigen Einfluß der Deutschen Konferenzgemeinschaft völlig abschütteln. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft darf weiter bestehen bleiben — aber sie hat keine Funktionen mehr. Ihre wesentliche Aufgabe, die Vertretung der deutschen Alliance-Mitglieder, wird ihr entzogen und damit jeder Widerstand seitens deutscher Alliancekreise gegen etwaige Pariser Beschlüsse unmöglich gemacht. Denn die deutschen Alliancemitglied er haben nun keine eigene Vertretung mehr, sie sind in Lokalkomitees zersplittert und über ihnen steht nur eine Behörde: das Pariser Zentralkomitee, das sich aus eigener Machtvollkommenheit durch Kooptation ergänzt. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft hat gegen den Beschluß des Zentralkomitees unter Berufung auf das Statut Protest eingelegt. Ein bacharffcher Rabbiner zum Grandrabbm in Bagdad gewählt. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, wurde der bisherige Rabbiner in Taschkent (Buchara) zum Grandrabbin von Bagdad ernannt. Es ist dies Rabbi Salomon Tagger, der aus Jerusalem stammt und seit fünfzehn Jahren den Rabbiposten in Taschkend bekleidet. Rabbi Salomon Tagger genoß in Rußland selbst in Hofkreisen ein bedeutendes Ansehen, und es ist erinnerlich, daß er im Jahre 1909, als die russische Regierung ein Vertreibungsdekret gegen die bucharischen Juden erließ, vom russischen Kaiser und vom Ministerpräsidenten Stolypin in Audienz empfangen wurde. Der Erfolg dieser Audienz war, daß die russische Negierung das Vertreibungsedikt widerrief und die Juden in Turkestan weiter in Ruhe verbleiben konnten. Der Grandrabbin Salomon Tagger, der im Jahre 1864 in Jerusalem geboren wurde, steht im Rufe eines großen Gelehrten und beherrscht außer der hebräischen auch die türkische, arabische, französische, persische, russische und griechische Sprache vollkommen. Die Vagdader Iudengemeinde setzt auf ihren neuen geistigen Chef große Hoffnungen. i Die englische Regierung in der Patzfrage. Ein angesehener Jude in Cardiff, Mr. N. S. Burstein, wandte sich an das englische Ministerium des Aeußern mit einem Schreiben, in welchem er der Regierung nahelegt, zur Paßfrage in Rußland Stellung zu nehmen. Hierauf erhielt Herr Burstein ein vom 8. Januar 1912 datiertes Schreiben des Auswärtigen Amtes, das folgendermaßen lautet: „Mit bezug auf Ihren Brief vom 26. v. M. habe ich den Auftrag vom Staatssekretär Sir Eduard Grey, Ihnen mitzuteilen, daß die Regierung Seiner Majestät sich zu Wiederholten Gelegenheiten mit Vorstellungen wegen Einlaß britischer Untertanen jüdischen Glaubens in Rußland an die russische Regierung gewendet hat. Ich habe ferner den Auftrag, Sie auf die Antwort zu verweisen, welche Sir Edward Grey auf eine von dem Parlamentsmitgliede Mr. O'Grady in dieser Angelegenheit an ihn gerichtete Anfrage, am 25.. November 1909 im Unterhause erteilt hat." Die Inlerpellationsbeantwortung, auf welche sich der Brief des Auswärtigen Amtes beruft, erfolgte damals auf die Anfrage des Parlamentsmitgliedes O'Grady, ob zwischen England und Rußland ein Geheimabkommen bestehe, in welchem England seine Zustimmung gibt, daß englische Juden nach Rußland nicht eingelassen werden müssen. Sir Edward Grey antwortete damals, daß ein solches geheimes Separatabkomm!en nicht bestehe, daß aber die englische Regierung insolange keinen Anlaß habe, auf Grund des Vertrages zwischen England und Rußland einzuschreiten, als es erwiesen ist, daß Rußland sämtlichen Juden gegenüber ohne Rücksicht auf ihre Herkunft und ihre Abstammung gleichmäßig verfährt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, daß die englische Regierung jetzt, wo zwischen England und Rußland ein besonders freundschaftliches Verhältnis besteht, ihre im Jahre 1909 eingenommene Haltung zu Gunsten der Juden ändern werde. Sie wird sich wahrscheinlich auch durch die nachfolgende, von der Londoner Handelskammer beschlossene Resolution von ihrer bisherigen Haltung nicht abbringen lassen. Die Resolution der Londoner Handelskammer lautet: „Das Auswärtige Amt wird aufgefordert, behufs Aufhebung der auf die jüdischen Handelsreisenden in Rußland bestehenden Einschränkungsbestimmungen die nötigen Schritte zu unternehmen und die Initiative zu einem gemeinsamen Vorgehen aller in Betracht kommenden Staaten behufs Streichung dieser Bestimmungen zu ergreifen." Ableben eines gewesenen jüdischen Staatsministers. Während seiner Heimreise von London nach Sidney starb an Bord des Norddeutschen Lloyddampfers „Friedrich der Große" der Richter am Obersten Gerichtshöfe von Neu Süd-Wales, Honorable Iustice H. E. Cohen, im Alter von 72 Jahren. Der verstorbene stammt aus einer hochangesehenen australisch jüdischen Familie. Als Advokat erlangte er bald einen so bedeutenden Namen, daß er rasch die Stufenleiter des richterlichen Amtes emporslieg und auch in der Politik von Neu Süd-Wales eine einflußreiche Rolle spielte. Er war auch zweimal Staatsminister, und zwar im Farnell- Ministerium im Jahre 1877 Kolonialfinanzminister und im Stuart-Kabinett im Jahre 1883 Iustizminister. Der Verstorbene war auch nahezu 40 Jahre hindurch Vorstandsmitglied der großen Synagoge in Sidney und Präsident zahlreicher jüdischer Organisationen. Er war ein so überzeugter Jude, daß er einst an einen christlichen Freund schrieb: „Ich darf wohl von mir sagen, daß ich, möge mir welcher Erfolg auch immer beschielten sein, nicht aufhören werde, mein Volk zu lieben und an dem Glauben festzuhalten, daß nur derjenige Jude, der sich selbst achtel, auch von Juden und.Christen geachtet werden kann, und daß er es nicht nötig hat, an seinem ihm von Gott gegebenen und durch die Zeiten zu Ehren gelangten jüdischen Glauben zu verzweifeln." Ehrung eines jüdischen Stadtrates in London. Das Mitglied des Londoner Stadtrates, Sir George Faudel-Phillipps, der seit längerer Zeit leidend ist, sah sich infolge seiner dauernden Krankheit veranlaßt, auf sein Ehrenamt im Stadtrate zu resignieren. Er teilte diesen seinen Beschluß dem Lordmayor in einem Schreiben mit, das nach Berufung auf seinen leidenden Zustand folgendermaßen schließt: „ . . . Hierdurch bin ich zu meinem überaus großen Leidwesen gezwungen, die Verbindung mit der geehrten Körperschaft zu unterbrechen, mit welcher meine Fa-

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