Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. NKMs WochevWeist Seite 41 Anrufung des amerikanischen Gerichtshofes wegen der Verwendung der Pogromgelder. Der amerikanische Philanthrop und Finanzier Jakob H. Schiff hat dieser Tage das Newyorker Gericht in einer interessanten Frage zur Urteilsfällung angsrufen. Es handelt sich um eine Summe von 202.503 Dollar, welche von dem Fond übrig! geblieben sind, den die amerikanischen Juden im Jahre 1905 für die Opfer der damaligen Pogrome in Rußland gesammelt hatten. Die Gesamtsumme des Fonds betrug 1,336.000 Dollar. Jakob H. Schiff war der kassier des Fonds. Der größte Teil der gesammelten Gelder wurde damals verteilt, und nun weiß Schiff nicht, was er mit dem Reste tun solle. Das seinerzeit eingesetzte Sammelkomitee hat wohl in einer jüngst stattgehabten Sitzung beschlossen, das Geld, da eine Rückerstattung an die Spender naturgemäß ausgeschlossen erscheint, dem American Jewish Komitee zu überantworten,' dessen Aufgabe es ist, die Interessen der Juden in allen Ländern zu verteidigen, und zur Besserung ihrer wirtschaftlichen und politischen Lage beizutragen, doch glaubte Jakob H. Schiff auf Grund dieses Beschlusses allein über das gesammelte Geld nicht verfügen zu dürfen. Er ist vielmehr der Meinung, daß das gesammelte Geld nur für den Zweck verwendet werden dürfe, für welchen es eben gesammelt wurde, und wenn ein anderer Zweck in Aussicht genommen werden soll, so müsse, seiner Meinung nach, dieser Vorgang durch einen gerichtlichen Urteilsspruch gedeckt sein. Aus diesem Grunde wandte sich Jakob H. Schiff an den Supreme^Court mit der Bitte, in dieser Sache eine Entscheidung zu fällen. In dem Gesuche wird auch der Beschluß des Komitees bekanntgegeben und man ist in den interessierten Kreisen der Meinung, daß das Gericht diesen Beschluß gutheißen werde. Frankreich und die Patzfrage. Man erinnert sich gewiß noch der Verhandlungen, die vor genau zwei Jahren auch in der französischen Kammer bezüglich der russischen Patzfrage geführt wurden. Damals gab der Minister des Auswärtigen Pichon das formelle Versprechen, dahin wirken zu wollen, daß Rußland seinen in den Verträgen von 1874 und 1905 gegenüber allen französischen Bürgern ohne Unterschied der Religion übernommenen Verpflichtungen Nachkomme. Nun aber erschien dieser Tage im „Temps" eine offiziöse Notiz aus Petersburg, in welcher ohne jeden Umschweif mitgeteilt wird, daß die französische Regierung in dieser Angelegenheit bis jetzt noch nichts getan habe. So halten die französischen Minister ihre Versprechen und tragen den Wünschen der Vertreter des Volkes Rechnung — wenn es sich um Juden handelt. Antisemitische Hetzversuche in Bulgarien. Die letzten Vorgänge in Jstip in Mazedonien, bei welchen mehrere Bulgaren infolge eines Vombenattenlats ums Leben gekommen sind, haben das in Saloniki erscheinende bulgarische Blatt „Pravo", wie es scheint, ganz um den Verstand gebracht. Es publizierte mehrere Hetzartikel gegen die Juden, indem .es behauptete, daß die Juden die Hauptführer bei den Feindseligkeiten gegen die Vulgaren seien. Wohl hat eine aus bulgarischen Politikern und Vertretern der türkischen Regierung bestehende Kommission in Jstip auf Grund genauer Nachforschungen festgestellt, daß die Behauptungen des „Pravo" pure Verleumdungen sind, doch hat das genannte Blatt deshalb seine Hetzereien gegen die Juden nicht eingestellt. Diese antisemitische Kampagne hat nun, wie aus Sofia berichtet wird, auch ihre Wirkung auf die Juden in Bulgarien selbst leider nicht verfehlt. Sofiaer Blätter haben die Artikel des „Pravo" übernommen und manche von ihnen glaubten bereits die Zeit gekommen zu sehen, wo man auch in Bulgarien, woselbst die Juden bis jetzt in vollem Frieden leben konnten, mit dem offenen Antisemitismus hervortreten könnte. Infolge der Beunruhigung, welche diese ganz unerwarteten Hetzereien unter den bulgarischen Juden hervorgerufen haben, hat das Großrabbinat von Bulgarien sofort die nötigen Schritte eingeleitet, um die Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt zu informieren. Auch in seiner Chanukah-Predigt hat der Großrabbiner die ganze Affaire behandelt, und es muß als erfreuliches Symptom angesehen werden, daß die ernste Presse aller Parteirichtungen den Inhalt dieser Predigt wiedergab und daran sehr eindringliche, die Bevölkerung beruhigende Kommentare knüpfte. Kongretz der bulgarischen Judengememden. Das israelitische Zentralkonsistorium von Bulgarien hat an die Vorstände sämtlicher jüdischen Gemeinden des Landes in einer Zirkularnote die Mitteilung gemacht, daß das Konsistorium ein Statut ausgearbeitet habe, auf Grund dessen die Judenschaft Bulgariens reorganisiert werden soll. Das Konsistorium fragt nun die Gemeindevorstände an, ob sie geneigt wären, behufs Beratungen und Beschlußfassung über dieses Statut einen für das Frühjahr in Aussicht genommenen Kongreß der jüdischen Gemeinden Bulgariens zu beschicken. Der größere Teil der Gemeindevorstände hat, wie aus Sofia gemeldet wird, dem Projekte im Prinzip zugestimmt. Ein Pro-Falascha-Komitee in Berlins In Berlin hat sich ein Komitee zur Rettung des in Abessinien lebenden jüdischen Falascha-Stammes für das Judentum gebildet. Das Komitee, an dessen Spitze Justizrat I. Dzialoszynski, Prof. Dr. Eugen Mittwoch und Bankier Bruno Galewski stehen, erließ einen Aufruf. in welchem es unter anderem heißt: Es ist geplant, baldigst in Erytvha, wo die italienische Regierung unentgeltlich ein Terrain herzugeben sich bereit erklärt hat, eine Schule zu errichten, an der begabte junge Falaschas zu Religionslehrern herangebildet werden sollen, damit sie in der Lage sind, ihre Stammesgenossen im Glauben der Väter zu unterweisen und im Widerstand gegen die aufdringlichen Missionäre zu stärken. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat einige junge Falaschas in sein Lehrerseminar in Jerusalem aufgenommen und damit der Bewegung einen sehr wertvollen Dienst geleistet. Damit jedoch dieses Unternehmen dauernd und nachdrücklich gefördert werden kann, ist es erforderlich, überall Interesse dafür zu erwecken und zu erhalten. Um auch hier in Berlin für diese Bestrebungen Anhänger zu gewinnen, haben sich die Unterzeichneten zu einem Pro-Falascha-Komitee vereinigt. Wir beabsichtigen nicht, einen neuen Verein zu begründen, wir betrachten es vielmehr als unsere Aufgabe, der zu errichtenden Schule in den ersten drei Jahren einen Teil der notwendigen Mittel zuzuführen. Eine Klage des Dr. Fromer. Aus Berlin wird uns geschrieben: Bis vor einem halben Jahre erschien hier ein „Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums". Dr. Julius Moses, der Herausgeber dieser Zeitschrift, brachte einen Artiekl „Ein Märtyrer von Hardens Gnaden", welcher Artikel sich mit Dr. Jakob Fromer, dem entlassenen Bibliothekar der jüdischen Gemeinde, beschäftigte. Dieser Artikel nun enthielt Behauptungen und Ausdrücke, wegen derer Fromer die Beleidigungsklage anstrengte. Die Verhandlung dieser Beleidigungsllage fand dieser Tage statt. Fromer beschäftigte sich in seinen Ausführungen vor Gericht zuerst mit dem Vorwurfe, daß er sich auch an Hofprediger Stöcker gewandt habe.