Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 3 Jahrgang xxix Dr. Bloch’s Zentraloroan kür die gesamten Interessen des Judentums. -□ _□- Wien, 19. Jänner 1912 Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie«. IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Eine antisemitische Verleumdung im Landtag. Die dritte Reichsduma und die Juden. — Die Beteiligung der Juden am Serischen Welthandel im Altertum. — Die jüngst entzifferten Papyri und Ostraka über eine jüdische Militärkolonie in Elephantine und Assuan. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine große jüdische Gärtnerkolonie. Eine Sammlung spaniolischer Romanzen. Juden in der Leitung des italienischen Unterrichtswesen. Ueberreichung eines Memorandums amerikanischer Christen an den Zaren.. Eine neue Synagoge in Süd-Wales. — Korrespondenzen: Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation. Die Hilfsaktion für die' Juden Galiziens. Die Erhaltung unserer Jugend für das Judentum. Gedenkfeier für Bernhard Frankel. Ein Pro-Falascha-Komltee in Berlin. Eine Klage des Dr. Fromer. Die Rede des Bürgermeisters von New-Aork bei einem Chanukafeste. Kongreß der rumänischen Juden. Anrufung des amerikanischen Gerichtshofes wegen der Verwendung der Pogromgelder. Frankreich und die Paßfrage. Antisemitische Hetzversuche in Bulgarien. Kongreß der bulgarischen Judengemeinden. — Vermischtes. — Feuilleton: Eine Karriere. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. o ir- — =0 o p Verugsprrrs für Vrstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplars 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2 jtalgespal» O tene Petttzetle 4« Heller. G O P ■ ■ -rOQ °(r p —o o Ä. ft. PofisparftsstenÄMt G Slearing-Verkebr Nr. 810.976. Redattion und Administration. Wien IX/i, Hahugaffe Nr. 15. & Telefon Nr. 14.847. OP -Oo Eine antisemitische Uerteirmdirng im Landtag. Anläßlich einer Debatte im niederösterreichischen Landtag über die Werlzuwachssteuer meldete sich wieder einmal der Antisemitismus zu Worte, wo seine Lügen am dümmsten sind. Es wurde behauptet, daß an der Teuerung von Grund und Boden die Juden schuld wären. Ein bis dahin recht unbekannter Graf Colloredo verkündete als die Weisheit seiner Erfahrung, daß sich die Grundspekulalion ausschließlich in jüdischen Händen befindet. Der gute Graf scheint einige Lust zu empfinden, das politische Erbe des verkrachten schwarzen Prinzen Liechtenstein anzutreten. Er möge sich aber für seinen künftigen Lebensweg etwas mehr Klugheit anraten lassen. Denn wenn auch Prinz Liechtenstein keine Bedenken hat, den Juden vorzuwerfen, was nicht wahr ist, so wird er doch wahrscheinlich keine Aeußerung gebrauche, welche man in wenigen Minuten so zerreißen und zerbrechen kann, wie die vom jüdischen Bodenwucher. Ein gescheiterer Antisemit hätte sich vielleicht doch noch rechtzeitig an die Tatsache erinnert, daß irgendwo in einem teueren Kurort Italiens oder der Schweiz sich jetzt Erzellenz Geßmann befindet, der Inhaber mehrerer großer Orden, der aber seine eigentliche und größte Berühmtheit gefunden hat durch die Gründung der Baukreditbank, die fünfzehn Prozent Dividende bezahlt und als arisch^christliches Institut bezeichnet wird. Diese Baukreditbank ist eine christlich-soziale Spezialität und der Graf Colloredo kann sich ohneweiteres vor dem angeblichen jüdischen Bodenwucher retten, wenn er bei Herrn Geßmann ein Darlehen aufnimmt. Will der Graf ferner behaupten, daß die großen Hausherrenvereine in den einzelnen Bezirken, welche bei der Mielzinssteigerung bis zur Frechheit gehen, von Juden dirigiert werden? Diese Hausherrenvereine sind und waren seit jeher die besten Stützen der christlich-sozialen Macht und ihnen zuliebe hat die Gemeinde die großen Opfer gebracht. Um die Interessen der Hausherrenvereine nicht zu verletzen, unternimmt die christlich-soziale Rathausmajorität gar nichts, was die kolossale Wiener Wohnungsnot lindern und verbessern könnte. Es müßten vor allem bessere Verkehrsmittel in die Außenbezirke und Vororte geschaffen werden, damit wir billiger wohnen. Das pfeifen bereits die Spatzen am Dache, aber im Rathaus führt man ein Scheinmanöver nach dem anderen auf, um die Bevölkerung hinzuhalten. Der Graf Colloredo hätte vielleicht auch noch sagen können, daß es Juden sind, welche durch lächerlich hohe Forderungen für ihren Grundbesitz die Kommune daran hindern, den hygienisch und ästhetisch so wichtigen Wald- und Wiesengürtel endlich anzulegen. Der Gras hätte in seiner Rede noch anführen sollen, daß es Juden waren, welche Familien mit Kindersegen in ihren Häusern barbarisch hinausgeworfen oder nicht ausgenommen haben, wodurch sogar mehrere Todesfälle hervorgerufen wurden. Auch hätte er anführen müssen, daß die geistlichen Orden aller Art in den Städten und am Land nicht etwa die größten Grundbesitzer sind und die Zahl und Ausdehnung ihrer Objekte nicht ständig vermehren. Auch die Bemühungen seiner eigenen Standesgenossen, der feudalen Großgrundbesitzer, hätte Graf Colloredo streifen sollen, welche nicht etwa alles tun. um die umliegenden Bauerngüter an sich zu bringen und trotz der Vodennot zu ihrem Vergnügen große Iagdgüter anlegen, während das Volk verhungert. Der gräfliche Debatter hätte sich auch bei den Staatsbahndirektionen erkundigen müssen, welche Künste bei der Anlegung neuer Linien von den Anrainern aufgewendet werden, um für ihren Boden höhere Preise zu erzielen. Er hatte auch mit einiger Mühe erfahren können, wer bei den neuen Kanalbauten mit dem Grund an den projektierten Anlagen spekuliert hat. Der Graf hat aber eben nur nach dem alten Rezept gearbeitet. Den Juden wirft man den Körndlwucher vor, aber die Gefolgschaft des Reichsritters von Hohenblum, dem wir die Teuerung der Lebensmittel zu verdanken haben, besteht aus lauter antisemitischen Agrariern. Den Juden wirft man skrupellose Korruption vor, aber ein christlichsozialer Führer nach dem anderen zieht sich mit geheimnisvollen Millionen zurück und jeder