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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 80 Dr. Mochs WochMfchrift Nr. 2 Visitenkarte, dürfen Sie in der Tasche behalten. Sie haben keinen Begriff von dem schnüffelnden Mißtrauen dieser Leute." Ich befolgte den Wohlgemeinten Rat. und am frühen Nachmittag überschritt ich mit einem jungen Geschäftsmann, der drüben gründlich Bescheid wußte, die Brücke. Am jenseitigen Ufer nahm uns ein Grenzwächter in ockergelbem Lodenmantel und mit aufgepflanztem Bajonett in Empfang und hieß uns in ein kleines Wächterhäuschen treten, wo wir warten mußten, bis sich im Verlauf einer halben Stunde ein ganzer Trupp von Einlaßbegehrenden angesammelt hatte. Nun wurde dieser Trupp mit einem Grenzwächter vorne und einem Grenzwächter hinten zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Zollhause eskortiert. Ich hatte das Gefühl, mich inmitten eines Gefangenentransports zu befinden. Am Eingangs des Zollhauses stand ein alter, knurriger Beamter mit überwucherndem Vollbart und struppigen Haaren. Er matz mich, dessen äußere Erscheinung so gar nicht zu seinen gewohnten Eindrücken paßte, schon auf zehn Schritte Entfernung mit dem Blick eines Spürhundes. Als wir vor ihm standen, sagte ihm mein Begleiter, ich sei ein Geschäftsfreund aus Wien und wolle die Gelegenheit benützen, meinen Angehörigen Petersburger Karamellen Mitzubringen. Die Miene des Zerberus hellte sich auf, er stieß einige unverständliche Laute aus und machte eine Handbewegung nach dem Zollhause. Wir traten in ein vollständig leeres Zimmer, in welchem die Grenzsoldaten eben daran waren, den gesamten von ihnen eskortierten Trupp, Männer und Weiber, einer Visitation zu unterziehen. Zu meinem höchsten Erstaunen erschien gleich darauf der alte Zöllner, hinter sich einen Sessel schleppend, lud mich mit einer freundlichen Geste ein, Platz zu nehmen und fragte — natürlich russisch und mir daher ganz unverständlich — ob ich zollpflichtige Sachen bei mir hätte. Mein Begleiter verneinte für mich. Nach einer Weile erhielten wir die revidierten Interimspässe zurück und — Ruß-- land lag zu meinen Füßen. Aber .nein, meine Füße versanken in der russischen Erde, knöcheltief, knietief. Nie in meinem Leben habe ich so viel Kot und Schmutz beisammen gesehen, als auf dieser kurzen Strecke vom Zollhaus in den Ort hinein. Man spazierte ja auf galizischer Seite auch nicht gerade auf einem Parkettboden, aber der Zustand dieses russischen Weges spottet jeder Beschreibung. Die andern hatten doch ihre Röhrenstiefel, wenn sie auch monatelang nicht gereinigt schienen: aber ich armer Großstadt-Trotter hatte nur meine Galoschen, die bei jedem Schritte stecken blieben und aus dem Kotmeer wieder herausgeholt werden mußten. Man mag sich vorstellen, in welcher Verfassung ich in dem Hause des braven Josselowitsch, des angesehensten jüdischen Eierhändlers von Russisch-Husiatyn, anlangte. Wenn ich von einem Hause spreche, so meine ich eigentlich eine aus dürren Brettern erbaute Hütte mit ungedieltem, hartgestampftem Lehmboden, deren größerer Teil als Magazin und Verpackungsraum diente, während die Familie sich mit einem engen Verschlage als Schlafraum begnügte. Rasch verbreitete sich im Orte die Nachricht, daß bei Josselowitsch ein Gast aus Wien weile, der viel Gutes für die Juden tue, und allmälich füllte sich der Bretterverschlag mit neugierigen Männern. Es waren gebückte und gedrückte Gestalten mit mattem, stumpfem Blick und scheuem Wesen. Mit leisem Gruße traten sie ein, hielten mir verlegen die Hand hin und setzten oder stellten sich dann an die Wand. Ich begann die Unterhaltung mit Fragen nach ihrer geschäftlichen Tätigkeit, nach ihren gemeinsamen Religionsübungen, ihrem Verkehr mit dem jeuseitigen Ufer. Dann fragte ich, ob sie Zeitungen hielten oder aus Oesterreich mit herüber brächten. „Gott soll hüten," antwortete Josselowitsch, „wir wissen von den Dingen in der Welt nur so viel, als wir von unseren Brüdern dort drüben erfahren." Und sich furchtsam umblickend, flüsterte er mir zu: „Ist es wahr, daß unser Zar jetzt einen großen Krieg weit, weit von Rußland führt?" Ich bejahte und begann von den Niederlagen zu erzählen, welche die russischen Truppen auf den Schlachtfeldern der Mandschurei erlitten hatten. Die Männer saßen und standen unbeweglich, den Kopf gesenkt, den Blick in den Boden gebohrt, und lauschten mit atemloser Spannung meinen Worten. Von den Greueln des Krieges im fernen Osten ging ich zu den Greueln der Judenverfolgungen über. Immer lebhafter wurde Mein Vortrag, immer lauter meine Stimme, dann sprach ich von der Bewegung, die durch ganz Rußland ging, von dem Geiste der Auflehnung gegen das autokratische System, von den hungernden Bauern, der Aufklärungsarbeit der Intelligenz, von dem Hauche der Befreiung, der überall zu spüren sei. Sie horchten stumm, alles Leben in ihnen schien sich einzig in den Gehörnerven zu konzentrieren. Plötzlich unterbrach mich ein leiser, aber eindringlicher Ruf. Mein galizischer Eastfreund, der uns für kurze Zeit verlassen hatte, um Ansichtskarten und Petersburger Bonbons für mich zu besorgen, war zurückgekehrt und hatte meine letzten Worte vernommen. Er stürzte auf mich zu und seine Hand krampfte sich um meinen Arm. „Herr, sind Sie wahnsinnig?" rief er: „Sie sind in Rußland, und diese Bretterwände haben Ohren." Ich schreckte empor. Wirklich — ich hatte vergessen, wo ich mich befand und ich begriff im Nu die Situation. Auch die anderen waren tief erschrocken. Denn das Verbrechen, meine Worte ruhig anzuhören, war nicht minder groß als das Verbrechen, das ich selbst begangen hatte. Mein Begleiter drängte zum Aufbruch, und eilends verließen wir das armselige Städtchen. Am Zollhause stand der alte Zöllner. Mit vertraulichem Augenzwinkern streckte er mir die geöffnete Hand entgegen, in die ich mit festem Drucke ein österreichisches Guldenstück versenkte. Unten am Brückenkopf harrte der Grenzwächter. Als wir an ihm vorbeikamen, hielt auch er uns grinsend die biedere Rechte entgegen. Zwanzig Kopeken war der Lohn für so viel unerwartete Freundlichkeit. Dann eilten wir über die Brücke. Als ich wieder österreichischen Boden betrat, atmete ich hoch auf, wie wenn ich einer Lebensgefahr entronnen wäre. „Nicht wahr," sagte mein Gastfreund, als wir wieder gemütlich im kaufmännischen Klub saßen, „es ist hier doch angenehmer als auf dem Etappenwege nach Kiew. Sie haben mir da drüben schöne Dinge gemacht!" Mit tiefer Zerknirschung nahm ich die verdiente Zurechtweisung entgegen. Siegfried Fleischer. Literatur. Iguer Briess: »Jugenderinnerungen eines 78jährigen und Schilderungen aus dem Prerauer Ghetto.eben vom Jahre I8d8—18i8«, angezeigt vo > Dr. Oskar Donath (Göding). Selbstverlag des Verfassers (Olmütz). Schüchtern tritt der Verfasser dieses Buches vor die OefFentlichkeit und glaubt, sich in einem Vorworte wegen der Publikation erst entschuldigen zu müssen. S< ine Rechtfertigung ist ganz überflüssig. Das Huch e götzt und belehrt den Leser und hat darum seine volle Existenzberechtigung. Den Alten, die noch das patriarchalische Leben im Ghetto genossen, muss es bei dessen Lektüre ganz warm ums Herz werden, uns Jm gen, die wir das Ghettoleben nur aus den Erzählungen und Schilderungen unserer Grossehern und Eltern kennen, wird es ähnlich wie jede »Geschi< hievon Th. Kompert eine angenehme Stunde bereiten. Herr Briess hat aber durch seine Publikation auch der Wissenschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen. Das Leben und Treiben

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