Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVIII Zenttalorgan kür die gesamten Ilnteressen des Judentums. -d—~n- Wien, 29. Dezeniber 1911 : Lrscdeint jeden LreLtag. : Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. 0(p O - '—^“0 0 TBt. ft. Pvstsxsrftaffenamt Sleartng-VLrKebr Br. 810.976. RedaMon und Administration. Wien EX/i, Hahugaffe Nr. 15. t) Telefon Nr. 14.847. nO - . - - -OQ oo ■ — - ■ -=o° p Vrrugsprrk« Kr Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespa!» tene Petttzeile 24 Heller. G O O ■ — =D U Inhalt: Leitartikel: Das Marokkoabkommen und die Juden. — Zar Paßfrage. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der russische Ackerbauminister über die jüdischen Kolonien in Argentinien. Juden in der Aviatik. Eine Aufführung von „Uriel Acosta" in hebräischer Sprache. Dritter Kongreß jüdischer Farmer in Newyork. Jüdische Farmerinnen in Amerika. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Israelitischer Humanitatsverein für die westlichen Bezirke Wiens. Antisemitismus au der Prager Handelsakademie. Die Aenderung der rumänischen Verfaffung. Auszeichnungen der Jndienreise des englischen Königspaares. Eine konfiszierte Fabrik. Wichtige Beratungen über eine jüdische Kolonisation im Staate Utah. Die jüdischen Lehrer der Jca-Kolonien in Argentinien. Ehrung Ignaz Goldziehers. Der Nachfolger Tolmatschows. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten in Rußland. Gesellschaft zur Verbreitung höherer Bildung unter den Juden in Rußland. Die russischen Schriftsteller gegen die Ritualmordhetze. Nachklänge zur Dreyfus-Affäre. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Symbol. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Das Marokkoabkornrnen nnd die Juden. Von der französischen Kammer wurde mit überwältigender Majorität der Pakt mit Deutschland angenommen, der das Reich des. Maghzen in die Gewalt der Franzosen bringt. Wenn auch die Zustimmung des Senats noch fehlt und die Entscheidung darüber auf das nächste Jahr verschoben wurde, so ist doch kein Zweifel möglich, daß sie eintreffen wird. Wie ein französisches Blatt mit Recht behauptet, ist es allerdings der erste Fall in der Weltgffchichte, daß eine Macht wie Frankreich auf das bloße Verlangen einer anderen Macht wie Deutschland eine große Kolonie, den Kongo, hergibt, ohne das Schwert gezogen zu haben. Aber die Weltgeschichte hat auch andere Formen wie jemals. Auf jedes noch nicht eingekeilte Slück der Erde machen mehrere Nationen Rechte geltend und der Hauptinteressent hat sich mit seinem Konkurrenten abzufinden. Der Kongo wurde also nicht aus Furcht vor dem Herren der Bataillone, dem Kaiser Wilhelm, auf dem Präsentierteller dargeboten, sondern er war der Kaufpreis für mehr als wertvolle und ziffermäßig meßbare Sonderrechte. Frankreich hat sein nordafrikanisches Reich um ein riesiges Gebiet vergrößert, es hat eine enorme Bezagsqmlle für Millionen tapferer Soldaten erhalten, die seine militärische Bedeutung gegenüber Deutschland stark erhöhen, und di" Pariser Regierung wird schlnßlich trotz des Prinzips der offenen Tür die an Marokko gegebenen Anleihen imt Zins und Zmseszinsen zurückerhälten. Unter solchen Umständen wird sich der Senat ebenso wie die Kammer mit seiner Bejahung ohne viele Debatten beeilen und bald wird eine Epoche der Geschichte, die voll war von ewigen Kriegsdrohungen nach einer großen und neuartigen Schlacht der Diplomaten am grünen Tisch zu Ende sein und ein neuer Herr in Marokko eiuziehen. Das ist auch ein großes Ereignis für uns Juden. Denn nun bricht auch eine neue Zeit für die jüdischen , Märtyrer in Marokko herein, welche noch im schwärzesten Msttelatter leben. Ohne alle Schuld. Was sollten diese armen Parias, in ihrer Masst die bettelarmen Handwerker des Landes ihren grausam« n und gewalttätigen Zwingherren auch tun können? Sie müssen es sich ohne Widerstand gefallen lassen, daß ihr Zeugnis vor Gericht nichts gilt, daß sie eine entehrende Kleidung tragen müssen, das abgesperrte Ghetto bei Nacht und an mohammedanischen Feiertagen nicht verlassen dürfen, daß man sie ohne Federlesen und Strafe niedermachen kann. Bei allen Aufständen und Kriegen ist das Ghetto der erste Kampfplatz, die erste Gelegenheit für Plünderungen, liefert es die ersten Toten. Der letzte Maghzen ließ die Juden von ihren Terrassen wie Tiere herunterschießen, wenn sie es wagten, im glutheißen Fez die Abendkühle zu genießen. Gegenüber solchem furchtbaren Elend, das Armut und Unwissenheit zur natürlichen Folge hat, bringt zwar das gerühmte deutsche Empfinden nur barbarische Verleumdungen auf. Wenigstens waren in einem Wiener deutschnationalen Blatte Ausführungen eines Offiziers der deutschen Kriegsmarine zu leien, der aus allen Registern auf den Schmutz und die Verkommenheit der marokkanischen Juden schimpft, aber weiter keine Tatsache anzuführen weiß, als daß sie den Mannschaften des Kreuzers „Berlin" ein Ei um sieben, statt um fünf Pfennige verkauften wie die anderen Marokkaner. Ob wohl das Weltbürgertum eines französischen Offiziers die Dinge auch so gesehen hätte, wie der feudale Antisemitismus des Deutschen? Die marokkanischen Juden dürfen sich jedenfalls herzlich darüber freuen, daß es die Franzosen sind, welche nun das Reich ungestört politisch und militärisch besetzen. Denn unter diesem Volk lebt ein hochkultivierter, historischer Sinn für Gerechtigkeit, der für uns Juden schon wiederholt Schicksalsfragen günstig entschieden hat. Die große französische Revolution war es, welche die Menschenrechte nach Jahrhunderten den Juden wieder zurückgab und in ganz Europa durchsetzte. Jüdischem Geist war es unter diesem Volke reichlich möglich, seine Talente zu entfalten. Und wenn es auch wahr ist, daß durch die freche Hetze Rocheforts und Drumonts schließlich der Dreyfusprozeß herausbeschworen wurde, so war es noch bedeutungsvoll«r und für die anderen Völker lehrreicher, wie dieser Prozeß trotz maßloser Agitation unter dem Pöbel schließlich erledigt wurde. Den Franzosen darf man also das Schicksal der marokkanischen Juden mit Beruhigung überlassen. Ihre Kultur wird die Mauern des Ghetto sicher niederreißen und die Schandkleider der Juden verbrennen. Nur der Zeitpunkt ist die Frage. Die Franzosen werden im Anfang gewiß langsam und vorsichtig mit der Einsetzung ihrer Herrschaft vor»