Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Blochs Wochenschrift . Nr. 61 Lage, einen Abgeordneten zum Gemeindetag zn senden, daun aber noch mehr: Fand denn sich immer in jeder kleinen Gemeinde ein Mann, der, geeignet zur Vertretung der Interessen seiner Gemeinde, auch die Zeit dazu sich nahm? Aus allen diesen Gründen konnte die Statutenänderung, gegen welche die Konservativen, Zionisten und ein Teil der Liberalen (Gruppe Friedmaun-Glogau) waren, nicht auf 2/s Majorität rechnen; diese gehörte aber statutarisch zur Statutenänderung. Man suchte die Sache, dilatorisch, durch Vertagung zu behandeln. Dafür war nur eine knappe Majorität. Da drobten mehrere liberale Großgemeinden mit dem Austritt aus dem D. I. G. B. Das ließ aber kalt — von allen wertvollen Imponderabilien abgesehen, hätte die Deckung der nötigen Ausgaben auch nach dem Austritt kaum Schwierigkeiten gemacht. Eine nunmehr gewählte Kommission hat auch noch kein Ergebnis erzielen können und es ist noch nicht abzusehen, w s wird. Eins kann man aber mit Bestimmthett frst Voraussagen: „Eine Aenderuna des Statuts im Sinne der Radikal-Liberalen wird kaum die nötige 2/3 Majorität finden/' Nach den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrage sprachen in der Diskussion u. a. Dr. Baum über die Ausgaben des D. I. G. B. hinsichtlich des Religionsunterrichts. Dr. Zwirn beleuchtete in feffelnder Weise die Aufgaben, die der D. I. G. B. hinsichtlich der Verbesserung deS Wahlrechts, in demokratischem Sinne, zu den jüdischen Gemeindekörperlchaften zu erfüllen habe, wobei nicht ohne prickelndes Interesse blieb der Gegensatz zwischen den Anschauungen des Herrn Jukizrates Lilieuthal, des Shndlkus, und denen des Herrn Louis Sachs, des Vorstehees der Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde, jenes, der einsieht, daß man sich der Forderung der jüdischen Masten nach einem gerechten Wahlrecht nicht mehr entziehen könne, und dieses, der das Wahlrecht für liberal genug (vielleicht für allzu liberal?) hält. Die außerordentlich gut besucht Versammlung brachte der Bezirksgruppe eine größere Anzahl neuer Mitglieder. L... y. Hamburg, 10. Dezember. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina hatte eine öffentliche Versammlung nach dem Logenheim Hartungstraße einberufen zur Berichterstattung des Verbandes für Kulturarbeit in Palästina. Die Leitung der Versammlung lag in den Händen der Frau Herm. Gumpertz. Die Referentin Frau Dr. Thon (Jaffa) wies einleitend darauf hin, daß die Lage der jüdischen Frauen in Palästina in materieller und moralischer Beziehung sehr bedauerlich sei. Die weibliche Bevölkerung Palästinas setze sich aus Frauen aller Nationen zusammen. Neben den aus Rußland infolge der Pogrome Vertriebenen, finden wir Angehörige der österreichischen, polnischen, wie vereinzelt auch der deutschen Nation, zu denen sich dann noch die autochthonen arabischen Frauen gesellen. Alle diese weiblichen Personen sind durch die verschiedenen Kulturen und Sprachen voneinander geschieden, obgleich sie doch die gemeinsame Religionsanschauung einander näher bringen sollte. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit betrachtet es zunächst als seine Hauptaufgabe, Erwerbsmöglichkeiten für die weibliche jüdische Bevölkerung in Palästina zu schaffen. Da man in Palästina eine arabische Spitze vorfand, die allgemein als sehr schön bezeichnet wurde, so versuchte man zuerst in Jaffa ein Atelier für Spitzenklöppelei einzurichten, um dann in den anderen Städten Palästinas durch Einführung der Heimarbeit für Spitzen das Kulturniveau der weiblichen Bevölkerung zu heben. Nach anfänglichen Mißerfolgen gelang es dem Verband, unterstützt von anderen Institutionen, das Atelier in Jaffa zu hoher Blüte zu bringen. Das Atelier wird von mehr denn 40 Mädchen besucht, die mit Lust und Liebe bei der Arbeit sind; die Zöglinge erhalten hier auch Unterricht in der hebräischen Sprache, im Turnen und in der Naturkunde. Die 'weiteren Erfolge der Spitzenklöppelei in Palästina können als sehr bedeutend bezeichnet werden, denn selbst hochstehende Persönlichkeiten, wie die Großherzogin von Baden, haben die Spitzen für ihr Museum angekauft und der Frauenklub in Berlin hat in einer von ihm veranstalteten Ausstellung von Frauenarbeiten in Palästina eine reichhaltige Kollektion der Spitzen weitesten Kreisen zugeführt. Ermutigt durch diese Erfolge, hat der Verband noch weitere Ateliers in Jerusalem, Tiberias und Ekron errichtet. Das Atelier in Jerusalem, das unter Leitung einer geborenen Hamburgerin, Frau Meyer-Lübke, steht ist von einer reichen aus Moskau stammenden Dame mit bedeutenden Mitteln ausgestattet worden. Auch dem Sanitätswesen hat der Verband seine Tätigkeit zugewandt. Mit Hilfe von in Europa ausgebildeten Krankenschiwestern ist es ihm gelungen, in Jaffa das dort bestehende jüdische Hospital bedeutend zu verbessern. Auch, in Haifa wurde ein neues Hospital gegründet. Weiter will der Verband der Waisenpflege in Palästina seine Aufmerksamkeit zuwenden. Der Verband plant weiter die Errichtung einer Haushaltungsschule, verbunden mit einer Landwirtschaftsschule. Eine Landwirtschaftsschule ist bereits am Tiberiassee ins Leben gerufen worden, und wenn der Versuch gelingt, soll das jüdische Waisenhaus von Jerusalem nach Rehoboth verlegt werden, wogegen die Haushaltungsschule für Jaffa geplant ist. Zur Durchführung aller dieser im Interesse der zu verbreitenden Kultur in Palästina notwendigen Pläne bedarf es aber weiterer Mittel, und deshalb ersuchte die Rednerin am Schlüsse ihres sehr beifällig aufgenommenen Vortrages, den Verband durch Zuwendung gröberer Mittel in seinen Bestrebungen zu unterstützen. Die gegenwärtige Lage der Juden in Rumänien. Die Hoffnungen, welche die Juden in die Iudenfreundlichkeit des Ministerpräsidenten Carp gesetzt haben, waren, wie uns aus Bukarest geschrieben wird, leider nicht von langer Dauer. Die Situation hat sich um nichts verbessert und auch die Regierung Carp hat es nicht vermocht, die schon seit langem drohende gesetzliche Maßregel gegen die Betätigung der Juden als Fabriksarbeiter zu verhindern. Schon in allernächster Zeit wird das rumänische Parlament den von den Vorgängern Carps ausgearbeiteten Gesetzentwurf in Beratung ziehen, wonach in sämtlichen Fabriken des Landes zumindest 75 Prozent der Arbeiter und Beamten Rumänen und nur höchstens 25 Prozent Fremde sein dürften. Daß auch in diesem Falle unter Fremden die Juden zu verstehen sind, muß wohl nicht nochmals betont werden. Es ist auch kein Zweifel, daß das Parlament diesem Gesetzentwürfe die Zustimmung erteilen wird, und so steht denn abermals eine größere Auswanderung von Juden aus Rumänien bevor, wie sie in letzter Zeit nicht beobachtet wurde, weil eben die allerdings trügerische Meinung bestanden hatte, daß die Lage der Juden unter dem Regime Carp eine Erleichterung erfahren werde. Wie überall, wo die Auswanderung von Juden auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, greifen auch in Rumänien fast ausschließlich die jungen, gesunden und erwerbsfähigen Elemente zum Wanderstab, während die Schwachen und Erwerbsunfähigen zu Hause bleiben und die Krise, in welcher sich die Juden dort befinden, nur noch verschärfen. Man wird daher der antisemitischen Zeitung „Wjata Romanesca" vollen Glauben schenken können, wenn sie triumphierend konstatiert, daß die Rechtsbeschränkungen, welche gegen die rumänischen Juden seit dem Jahre 1879 konsequent geübt werden, den Erfolg hätten, daß die Zahl der Juden in diesem Lande konstant abnimmt. So weist die offizielle Statistik nach, daß, während man im Jahre 1899 in Rumänien noch 266.620 jüdische Seelen zählte, es im Jahre 1909 schon bloß 215.900 Juden in Rumänien gab. Der Rest hat Rumänien verlassen. Frohlockend ruft das genannte Blatt aus: Wenn die Genossenschaften und Gewerkschaften parallel rr:t der Regierung das Ihrige tun werden, um die Juden aus dem Handel und Gewerbe zu verdrängen, so wird in der nächsten Generation die „Judengefahr" aus Rumänien vollständig verschwunden sein. Gegen die Agitation der Regierung und der antisemitischen Presse können die vereinzelten schwachen Proteste der liberalen Presse naturgemäß nichts ausrichten.