Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. bv Dr. Mochs WoWnWeift Sette 885 eine Denkschrift ausgearbeitet, welche in klarer Form! mit zwingender, überzeugender Logik die auf diesem Gebiete herrschenden Schwierigkeiten und drohenden Gefahren aufdeckt und eine Reihe von Vorschlägen enthält, die den Mißständen abhelfen sollen. Da so schwerwiegende Fragen eine gründliche Vorbereitung erheischen, wurden für die nächste Sitzung die Herren Vogelslein- Königsberg und Porges-Leipzig zum Referenten und Korreferenten bestellt. Sie übernahmen es, die Sachlage allseitig zu beleuchten und durch Umfrage bei den Kollegen das erforderliche Material zu sammeln. Bei der nächsten Versammlung soll in die Spezialerörterung eingetreten und darüber beraten werden, wie weit hier eine Reform möglich und zulässig sei. Die Versammlung war sich dessen wohl bewußt. welche große Verantwortung sie übernimmt, indem sie sich, einer so schwierigen Aufgabe unterzieht. Der Ernst und die Besonnenheit, womit die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands an diese immer brennender werdende, kaum noch zu umgehende Frage herantritt, berechtigen zu der Erwartung, daß es ihr endlich gelingen werde, die überlieferten ehegesetzlichen Vorschriften in einer dem Geiste des Judentums entsprechenden Weise mit den zwingenden Anforderungen der Gegenwart und zumal mit der völlig veränderten Stellung der Frau im modernen Kulturleben pietätvoll auszugleichen. Nachdem Seligmann-Frankfurt a. M. dem Vorsitzenden den Dank der Versammlung für die Uebernahme des Präsidiums und für die umsichtige Leitung der Verhandlungen ausgesprochen, schloß dieser die Sitzung mit einem Appell an die Mitglieder zu fernerer treuer Mitarbeit an den Aufgaben der Vereinigung und an der Förderung der Bestrebungen des liberalen Judentums. . '; ' '»!*! Professor Sombart über die „Judenpolitik". Im dichtgefüllten Blüthnersaal hielt in Berlin Freitag abends der bekannte Nationalökonom Prof. Werner Sombart einen Vortrag, der den Abschluß seines vor einigen Wochen in der Singakademie gehaltenen Vortrages über die Zukunft der Juden bildete. Man kann natürlich, führte Sombart einleitend aus, über Politik nur persönlich, subjektiv sprechen, während er früher objektive, wissenschaftliche Feststellungen über die Rolle der Juden im Wirtschaftsleben und ihre gegenwärtige Lage gegeben habe. Die Politik der östlichen Juden, d. h. der Rußlands, Rumäniens usw., kann, nach seiner Meinung, schon deshalb, weil sie in ihren Ländern keine Aussicht auf Besserung haben, nur in der Auswanderung bestehen. Da nun Amerika sich ihnen zu versperren beginnt, so bleibt nur der Weg des Zionismus und der ihm verwandten Bestrebungen, diese Juden in Palästina und dessen Nachbarländern anzusiedeln, wo außerdem schon seit über zwanzig Jahren eine jüdische Kolonisation besteht und wo eine größere zusammenhängende jüdische Siedelung ein wertvoller Faktor für die kulturelle Erschließung Asiens werden könnte. Ein weit schwierigeres Problem aber bietet .nach Sombarts Ansicht die Politik der westeuropäischen Juden, deren materielle Lage sie zu einer Auswanderung nicht zwinge. Die große Frage, vor der diese Juden stehen, lautet: Aufgehen in den sie umgebenden Völkern, oder- Erhaltung ihrer Eigenart? Sombart hält in unserer ohnehin schon allzu sehr verschwommenen Zeit die Erhaltung jeder Art für wünschenswert. Außerdem verbessert schow allein /das Streben nach Arterhaltung die Art selber. Ein Volk, das bestehen bleiben will, sieht von selbst darauf, schlechte Eigenschaften zu unterdrücken und gute noch zu bessern, eben weil es leben wlll. So Hai-, der Jude, der gegen eine feindliche Welt sich als Jude durchsetzen will, schon darum, nach Sombarts Meinung. einen ganz anderen Charakter und eine andere, geradere Haltung als jener, der durch die Entwicklung aus dem Judentum hinausgeschleudert wurde und sich nun überall schmiegen und anpassen muß. Wenn auch das Ziel der extremen Zionisten ein zu hohes und deshalb utopistisches ist, so meint Sombart doch, daß die Entwicklung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina auf die Stärkung des Willens zur Eigenart bei den westlichen Juden einen guten, kulturell wertvollen Einfluß haben würde. Ein Zusammenwirken der eigenartig entwickelten jüdischen Kultur mit der Kultur der westeuropäischen Völker könnte, nach Sombarts Ansicht, nur die günstigsten Folgen haben. Und das Verhältnis der ihrer eigenen nationalen Art sich bewußten Juden zum Staate sollte keine Besorgnis erwecken können. Freilich gehört eine andere Staatskunst dazu, als unsere gegenwärtigen, verschiedenen selbständig entwickelten Volksarten in einem einheitlichen Staatswesen Zusammenhalten^ Große Spende eines indischen Juden. Zur Erinnerung an den eben jetzt erfolgten Besuch des englischen Königspaares in Indien hat der bekannte jüdische Philanthrop Sir David Sassoon in Bombay auf eigene Kosten eine herrliche Statue des Königs von England errichten lassen. Anläßlich der Enthüllung dieses Denkmals spendete Sir Sassoon 53.000 Pfund Sterling (l1 /2 Millionen Kronen) zu Gunsten der Ackerbauschulen der Provinz Bombay. Die Zerstörung des alten Judenfriedhofes in Wilna. Aus Wilna wird gemeldet: Am rechten Ufer des Wilnaer Flusses liegt der alte jüdische Friedhof, der vor 80 Jahren geschlossen wurde. Er umfaßt die Grabstätten von Hunderten berühmter jüdischer Männer, deren Namen in der Geschichte der Juden unsterblich bleiben wird. Dort liegen der Wilnaer Gaon, der „Ger Zedek" und viele andere begraben. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser heilige Ort leider so vernachlässigt, daß die hölzerne Umzäunung allmälig abgetragen und dadurch die Grenzlinien des Friedhofes verwischt wurden. Dokumente, welche beweisen würden, daß dieser Friedhof Eigentum der Judengemeinde von Wilna bildet, sind auch keine vorhanden. Die meisten Grabsteine sind versunken und sonstwie zerfallen. Aber immerhin blieb noch ein ziemlich großer Teil intakt, und zwar gerade jener Teil, auf welchem das Grab des Gaon und eines der letzten großen Wilnaer Rabbiner stehen. Nun droht diesem Friedhof die vollständige Zerstörung. Trotzdem die genannten Grabsteine doch einen sicheren Beweis dafür bieten, daß das Grundstück einst jüdischer Friedhof war und demnach Eigentum der Gemeinde bildet, hat der Gouverneur von Wilna in einer Zirkularnote das Eigentumsrecht der Judengemeinde auf diesen Grund einfach in Abrede gestellt und verfügt, den ganzen Friedhof zu nivellieren und im Anschluß an andere Grundstücke in einen Weltrennplatz umzuändern. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien I., Seitenstettengaffe 4 für arme kranke Glaubensgenosse». Anläßlich des Ablebens des sel. Max Marmarosch: Bon R. Marmarosch K 30. Anläßlich des Ablebens des sel. Adolf Popper: Bom Wohlfahrtsverein „Gegenseitigkeit- und seine Mariahilfer Kollegen K 20. Anläßlich bei Ablebens deS sel. Eduard F a n t a: von Otto Koretz, Pilsen, K 3, Alois Fanta, Wien, 5. Zusammen K 7.