Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sk. 47 Dr. Mochs WvchMchrift H H GjM 820 i oednung: 1. Bericht über das Werk der Alliance; 2. Finanzieller Bericht; 3: Ansprache des Herrn Rabbiner Israel Leon über seine Orientreise: 4. Satzungsänderung. Hannover. (Alexander und Fanny Simon'sche Stiftung.) DaS Seminar für Schulgärten, Handfertigkeitsunterricht und Förderung des Arbeitsunterrichtes, welches die Simon'sche . Stiftung zu Hannover gründet, ist bereits im Bau. Das b0 Morgen ' große Grundstück, auf dem die Anstalt errichtet wird, ist der Stiftung Dektmntlich vön der Regierung überlasten worden. Der großzügige« Anlage der Anstalt liegen Entwürfe unserer besten Architekten und Gartensachverständigen zugmnde. Auch ausländische MchMehörden, welche das Zeitgemäße dieser Art von Lehrerausbildung erkannt hüben, werden regelmäßig Lehrer nach der Gründung dtt SWön'schen-Stiftung entsenden. Zum Direktor würde Herr Emil Alexander, bisher in Marburg, gewählt, der für das hier zu beackernde Gebiet besonders gründliche Vorkenntnisse besitzt. Direktor Alexander wird zum Herbst 1912 in seinen neuen Wirkungskreis überfiedeln. Die Eröffnung des Seminars soll zum Frühjahr 1913 erfolge». Jüdische Ktudenlerr. Studentenleben — welche Fülle schäumender Jugendlust, urwüchsiger Poesie und feuchtfröhlicher Herrlichkeit siegt in diesem Wort! Wer die farbige Blütenpracht dieses Lebens auskosten will, nehme die deutsche Studentenbibel, das Kommersbuch, zur Hand und versenke sich in die brausende, tosende, jauchzende Flut dieser Lieder, in den sorglosen Uebermut, in das stolze Kraftbewußsiern und in die gemütvolle Liebesfreude, die sie atmen. Ganz Europa ist ihm untertänig, nicht mit dem Papste und nicht mit dem Sultan möchte er lauschen, d« junge, akademische Bürger, und „wenn die Studenten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen Feinster, und Türen". Die Großstadt freilich, hat in den Becher jugendfroher Glückseligkeit manchen verwässernden Tröpfen geschüttet: es lebt sich nicht Mehr so bene wie in Jena und Alt-Heidelberg: es sank der Claus in Trümmer, mancher Schläger ward des Rostes Raub und manchem nächtlichen Ulk macht heute der unerbitt- ' siche „Polyp" em kurzes Ende. Aber noch immer ist es eine schone Traumwelt voll von Idealen, voll großer, wenn auch nicht immer mehr edler Empfindungen, in der der deutsche Student dem Philisterium vorweg ein Schnippchen schlägt. Das alles aber gilt nicht vom jüdischen Studenten. Ich meine nicht die wenigen Sprossen wohlhabender Häuser, die trotz allen Püffen und Stößen ihrer arischen Kommilitonen ^.Deutschland, Deutschland über jalles" mitbrüllen und deren Gefühl sich nicht gegen den Schimpf aufbäumt, als Angehörige einer untergeordneten Rasse kaum noch mitlaufen zu dürfen. Ihre Gegenwart und meist auch ihre Zukunft ist gesichert, sie werden einst die väterliche Klientel oder die väterliche-Praxis übernehmen oder kraft der ausgezeichneten Beziehungen ihres Erzeugers einen wohldotierten Posten als Rechtskonsulent bei einer großen Aktiengesellschaft antreten. Für sie sind die äkademffchen Jahre nur em freundliches Durchhaus mit glattem Asphaltpflaster, auf dem man nicht straucheln und höchstens einmal ein bischen ausgleit«! kann. Was schadets? Der Alte hat's und zahlt's! Ich meine die vielen, ach allzuvielen, die aus dem Elend des Ghettos kommen, aus den Niederungen bitterster Ärmut, aus dem Jammer eines grauenhaften Kampfes - um das tägliche trockene Brot! Das ist der erhabenste, der charakteristischste Zug der jüdischen Volksseele, daß jeder jüdische Vater, jede jüdische Mutter — wie schrecklich auch ihnen selbst die Würfel des Daseins gefallen sein mögen — unter Not und Entbehrung ihr Kind lernen {offen will, lernen und immer mehr lernen, damit es sich emporrmge aus Nacht und Trübsal zu den freien, lichten Höhen des Lebens. Denn aus der Bedrückung und Verfolgung der Jahrhunderte ist ihnen offenbar geworden, daß für den Armen nur ein Weg zur Freiheit und zur Erhebung zur Menschenwürde führt — das Wissen. Wiederholt mir nicht das abgegriffene Wort, daß Wissen Macht bedeute. Wer denkt an Macht, wer träumt von Herrschaft, von Ueberhebung? Heraus aus tausendjähriger und tausendfacher Qual wollen sie, nach Freiheit und Menschentum dürsten sie, nach einem bescheidenen Platze an der Tafel des Lebens, die Gott so reich bestellt und von der ihre Väter und Urväter ausgeschlossen waren, lechzen sie. Kennt ihr das furchtbare Bild, wie inmitten der sturmgepeitschten Wellen ein gebrechlicher Kahn dahintreibt, vollbesetzt mit Glücklichen, die sich aus der gierigen Flut gerettet, und wie aus dieser Flut die Hände Hunderter von Unglücklichen nach der rettenden Bordwand des schwanken Fahrzeuges greifen und von dm Geretteten mit Fäusten, mit Aexten, mit dem Biß der Zähne immer wieder gezwungen werden, dm gewonnenen Halt loszulassen? Das ist das Bild des jüdischen Daseinkampfes. Durch Volks- und Mittelschulen haben sich die jüdischen Studenten durchgehungert, frühreife, blutleere Jünglinge, denen die bange Sorge um ihre darbenden Lieben daheim und um sich selbst jede Lebensfreude verkümmert, den schimmernden Blütenstaub der Jugend abgestreift hat. Und nun kommen sie an die Alma mater, immer neue Scharen wissensdurstiger Menschen, deren einzige Habe der eiserne Wille ist, sich, durchzuarbeiten, durchzuringen durch eine Welt voll Bosheit, Selbstsucht, Herzenshärte und mittelalterlicher Vorurteile. Vor ihnen steht wieder der Hunger. Aber diesen Feind hat der arme jüdische Student verachten und besiegen gelernt. War er doch sein sieter Begleiter bis zur Schwelle der Hochschule. Man muß nur den Mut haben, noch etliche Jahre weiterzuhungern wie bisher. Aus der mensa, academica hat man ihn vertrieben und kein empörter Aufschrei der Millionenstadt hat auf diese Bestialität geantwortet. Die jüdische Gemeinschaft hat Ersatz geschaffen. Man hat eine jüdische mensa errichtet und die Arbeitsvermittlung für jüdische Hochschüler organisiert. Lektionen, Schreibe arbeiten, Uebersetzungen — das ist die Erholung des jüdischen Studenten vom Studium. Bei Tage schuftet er, bei Nacht studiert er. Wie er das zuwege bringt trotz seiner erbärmlichen Nahrung, weiß nur Gott allein. Genug, er bringts zuwege. Nur über eine, die größte Schwierigkeit kommt er nicht hinweg. Die Kollegiengelder, die Prüfungstaxen, die teuren Bücher sind unerschwinglich. An dieser Klippe müßten sie alle scheitern, bestünde nicht der „Verein zur Unterstützung mittelloser Studierender", der am letzten Sonntag seinen fünfzigjährigen Bestand gefeiert hat. Fünfzig Jahre Studentenelend — es gehören starke Nerven und weiche Herzen zu solch,em Amte! Und die Männer, die diesen Verein gegründet und bis heute geleitet, hatten beides. Zw>ei Ziffern besagen alles: In fünfzig Jahren hat der Verein 425.000 Kronen zur Unterstützung von 12.730 jüdischen Studenten ausgegeben. Die nackte Ziffer ist imponierend genug! Ihre ganze Bedeutung aber kann nur ermessen werden, wenn man ihre Wirkungen für die bürgerliche Gesellschaft und für die Stellung des Judentums in dieser Gesellschaft berücksichtigt. Wieviel Talent ist da vor Verkümmerung bewahrt, wie viele stolze Geister sind der Wissenschaft und der Kunst zugeführt worden und haben der Kultur unserer Zeit mit ihr Gepräge gegeben! Wenn die Juden mit berechtigtem Selbstbewußtsein auf. ihren großen Anteil an allen geistigen Bewegungen der letzten sechzig Jahre Hinweisen und daraus mehr noch als aus den Bestimmungen der Verfassung ihren vollen Anspruch auf Gleichberech-