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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 764 Dr. Blochs WochMchrift Rr. 46 schuldet habe. Was die Lebenden anlange, so werde er sich selbstverständlich mit dem Ex-Minister Dr. Albert Geßmann beschäftigen, sowie auch mit dem Ex-Magistratsdirektor und Ex-Minister Dr. Richard Weistirchner und noch mit manchem anderen, der sich an dem Niedergange der Partei mitschuldig gemacht habe. Alle diese Herren hätten es mit sich selbst zu gut gemeint und einen wirklichen Erfolg nur für die eigene Person erzielt. Ueber Weiskirchner äußert sich Viktor Silberer folgendermaßen: „Exzellenz Weiskirchner entfaltet jetzt eine ganz kolossale Versammlungs- und Redetätigkeit. Es gibt keinen noch so unbedeutenden politischen Stammtisch, bei dem er nicht predigen würde. Schade um die verlorene Mühe, dieser Mann hat den richtigen Moment verpaßt. Er glaubte, zunächst noch eine weitere Sprosse aus der Ministerleiter erklimmen und daun in irgendeiner fetten Bankpfründe landen zu können. Diese Spekulation aber schlug fehl, anstatt des weiteren Aufstieges kam der jähe Absturz ins Nichts. Weiskirchner hat mit der Erbschaft nach Dr. Lueger va banque gespielt und die Partie verloren. Statt Rot ist Schwarz gekommen, und anstatt die Minister- Präsidentschaft zu erreichen, ist er heute — abgetackelter Pensionist und durchgefallener Politiker." Mensa academica judaica. Die Verhältnisse haben in Wien bereits seit längerer Zeit darauf hmgedränqt, den jüdischen Studenten gleich dem Vorbilde anderer Städte einen gemeinsamen Speiseraum zu schaffen, in dem sie ohne Demütigungen und Zurückstellung ihren Mittags- und Abendtisch zu den üblichen Mensapreisen finden sollen. Aber nicht nur den edlen Gedanken, die studierende, jüdische Jugend vor Not und Entbehrungen zu bewahren, sondern auch dem Bestreben, den von allen Prrteischattierungeu zerklüfteten, jüdischen Studenten eine Stätte zu schaffen, die, frei von jeder Politik, jedem Parteizwist, sie bei den Mahlzeiten friedlich und fröhlich vereinigen soll, verdankt die im IX. Bezirke, Pramergasse 31, neugegründete Mensa, die einzige für Juden in Wien existierende, ihre Entstehung. Mit großen Opfern, unter mühevoller Arbeit wurde diese Institution ins Leben gerufen. Möge-sie das werden, was die tiefinnerste Absicht der Gründer war: Dem heimatfernen, armen, jüdischen Studenten ein Heim, einen geselligen Raum, in dem er sich Nahrung, Mut und Fröhlichkeit holt. Am 1. November d. I. erfolgte vor einem zahlreichen Publikum die feierliche Einweihung. Nach der Begrüßungsrede des Präsidenten Stud.Jug. Saul Sokal hielt Stud.-Med. V e c s l e r die Festrede. Der Abend vereinigte alle Teilnehmer bei einem Kommers. Bereits am 2. November erfolgte die Ausspeisung von mehr als 300 Studenten, von da ab jeden Mittag und Abend in ungefähr gleicher Höhe, doch wird die Mensa infolge eines übergroßen Zuspruches in nächster Zeit eine Vergrößerung erfahren müssen. Um die Gründung und Führung haben sich bisher in besonderer Weise der Ausschuß unter dem Präsidium des Herrn Ingenieur Saul Sokal und ein rühriges Damenkomitee unter Führung der Präsidentin Frau Rosa LifcziS verdient gemacht. Antisemitische Ausfälle eines galizischen Richters. Aus Sanok in Galizien wird uns berichtet: In mner Gerichtsverhandlung, die hier stattfand, spielte sich der folgende empörende Vorfall ab: Ein Bauer trat als Kläger gegen einen Juden auf, an den er eine Gieldforderung hatte. Der Richter Dobußinski, der die Verhandlung leitete, wandte sich an den Kläger, mit der vorwurfsvollen Frage, weshalb er denn dem Juden kreditiert habe. „Ein Jude verdiene doch kein Vertrauen!" schrie der Richter den Kläger an. Der anwesende jüdische Advokat Dr. Spiegel wies diese antisemitische Aeußerung entrüstet zurück, woraus der Richter ihn aufsorderte, den Saal zu verlassen. Als Dr. Spiegel sich weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten, ließ ihn der antisemitische Richter durch einen Gerichtsdjener gewaltsam aus dem Saale weisen. Dieses un-; erhörte Vorgehen rief einen Protest seitens der anwesenden christlichen Advokaten hervor, die auch beim Gerichtspräsidenten hierüber Beschwerde führten. Der Präsident ordnete hierauf die Unterbrechung der Verhandlung und die sofortige Versetzung des Richters in eine andere Abteilung an. Die Empörung, selbst unter den christlichen Advokaten über den Vorfall ist eine so große, daß jetzt zum Zeichen des Protestes sowohl die jüdi? schen w'e die christlichen Rechtsanwälte sich weigern, Rechtsvertretungen bei Verhandlungen zu übernehmen, die der Richter Dobußinski leitet. Die jüdische Geschichte mit Skioptikonbildern und historischer Musikbegleitung durch eine Militärkapelle. Aus Budapest wird uns geschrieben: Im alten Parlamentsgebäude findet jetzt allabendlich ein Vortrag des christlichen Gelehrten Paul Kiraly über die Geschichte der Juden unter Vorführung von Skioptikonbildern statt. Der Gelehrte hat seinen Vortrag in mehrere Teile geteilt und gegenwärtig geht die kaldäische, assyrische, syrische und egyptische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Ausgrabungen in Szene. Den Tert zu diesen Bildern liest der Autor selbst vor. Die nächste Serie seiner Vorträge wird sich mit der Geschichte der Juden im Mittelalter bis auf unsere Zeit beschäftigen. - Eine besondere Abhandlung ist dem talmudischen Zeitalter und der Entstehungsgeschichte des Talmuds gewidmet. Professor Kiraly befleißigt sich in allen diesen Vorträgen einer peinlichen Objektivität, weshalb es besonders zu begrüßen ist, daß sein Auditorium zum. großen Teile aus christlichen Zuhörern besteht. Besonderes Interesse erregen diese Vorträge dadurch, daß sie mit Vorführung der alten und ftuch neuen orientalischen und jüdischen Musik, welche durch die Musikkapelle des 52. Infanterieregiments zum Vortrage gebracht werden, eine besondere Belebung erfahren. Es dürfte das unseres Wissens der erste Versuch sein, die Entwicklung,bfs jüdischen Gesanges und der Musik von ihren, bekannten Anfängen bis auf den heutigen Tag im Zusammenhang vorgeführt zu hören. Bischof und Rabbiner. Aus. Nagybecskerek schreibt man uns: Auf seiner Rundreise in der Csanader Diözese besuchte Bischof Dr. Julius Glattf-elder.auch die. Nagybecskereker katholische Kirchengemeinde, über.deren. Ansuchen auch die jüdische Kultusgemeinde unter Führung ihres Oberrabbiners Moriz Kljein sich am Empfänge dies Bischofs beteiligte. In seiner Ansprache an den Gefeierten gab der Rad-« biner unter anderem auch! der Hoffnung Ausdruck, daß dje in letzterer Zeit entstandenen Verbindungen rein kirchlichen Charakters die bislang im Torontaler Komitat bestandenen herzlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Konfessionen und Nationalitäten dieses Grenzgebiets Ungarns nicht beeinträchtigen und trüben mögen, da doch die Grundlage aller Glaubensgenossenschaften der Glaube an einen Schöpfer und an die Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes ist, eine Lehre, die sowohl das alte als das neue Testament ihren bezüglichen Bekennern ans Herz legt. In seiner Erwiderung auf dije Rede des jüdischen Seelsorgers betonte Bischof Glattf'elder, daß er hocherfreut und aufs angenehmste berührt, Wünsche und Hoffnungen, wie die vernommenen, äußern zu hören, auf dßesem Wege mit den Bekennern der mosaischen Lehre sich begegne, daß er die sittlichen Werte, an denen die biblischen Schriften so reich findi, stets nach- Gebühr und .Verdienst zu würdigen wußte.

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