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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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'-Tv :;,i--TfcS ■'•" Dp. Bloch’s ’*WB" Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, -nmu- Wien, 29. September 1911 Lrscbetnt jeden frei tag* Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch S Wochenschrift, Wien, Inhalt: Leitartikel: Zum Versöhnungsfest. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Familie des Attentäters Bagrow. Die Juden in der Mandschurei. Der Pariser Rothschild über die Nationalisierung des ruffischen Handels. — Der Klerus gegen das Haus Habsburg. — Die Beteiligung der Juden am Serischen Welthandel im Altertum. — Korrespondenzen: Die Friedhofsteuer. Neutra. Jüdische Profefforen an der Budapester Universität. Stiftungen für jüdische Universitätshörerinnen. Tempeleinweihung in Witkowitz. Auskunftsbureau für jüdische Besucher der Turiner Ausstellung. Das Tetragramm im Gerichtseid der Juden. Straßenkämpfe zwischen Juden und Christen in Manchester. Pogromdrohung in Jaffa. Ein Verband der jüdischen Kolonisten in Argentinien. — Vermischtes. — Feuilleton: Gerichtet? — Der Fasttag. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. oo - —=vo ’p DrxuAsprri» für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- -> tene Petttzeile 24 Heller. C, OP -.— -Oo r L. st. Pofisxarstastrnamt Sleartng-Verkebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: m Vir« IX/i, Hahugaffe Nr. 15. ») Telefon Nr. 14.847. Wir ersuchen unsere geschätzten Abonnenten um rechtzeitige Einsendung der lausenden Abonnements gebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Zur Einsendung der Beträge wolle man fick des der heutigen Nummer beigelegten Postenlaqscheines betonen. nie Administration. Zum Nersöhuungsfest. Im Mittelpunkte unseres religiösen Lebens steht seit Jahrtausenden das Versöhnungsfest, dessen Feier sich immer inniger und andachtsvoller gestaltet hat. Es ist dies ein lehrreiches Kapitel von der Gestaltungsfähigkeit des Judentums, das nicht genug bewundert werden kann. Denn es zeigt uns zur Genüge, wie ein lebensvoller Gedanke im Judentum im Laufe der Zeit immer mehr vertieft und zu einer größeren Innerlichkeit gebracht wurde. Ursprünglich war dieses Fest als Sühne eingesetzt, um alle Verfehlungen, die sich die Priester und-das Volk bezüglich der im Heiligtum geltenden Reinheitsbestimmungen zu Schulden kommen ließen, zu sühnen. Aber die Gesetze der äußeren Reinheit wurden bald symbolisch für die innere sittliche Reinheit, und die Lehrer Israels deuteten das Wort der Schrift: „Vor Gott sollt ihr rein sein", dahin, daß diese Reinheit nur durch einen sittlichen Lebenswandel zu erreichen sei. Entsprechend den Grundsätzen der werktätigen Nächstenliebe, die im Judentum zu einer staunenswerten Vollkommenheit ausgebildet worden ist, gestaltete sich die Feier des Versöhnungsfestes im Laufe der Jahrhunderte zu einer Versöhnung zwischen Menschen und Menschen. Nicht nur die Verfehlungen gegen Gott bedürfen der Sühne, sondern auch die gegen den Menschen. Und zwar wurde der Grundsatz aufgestellt, daß die Sünde gegen Gott durch aufrichtige Reue am Versöhnungstage vergeben und vergessen wird, hingegen findet das Unrecht, das wir an unserem Mitmenschen begangen haben, keine Sühne, bis der Schaden gutgemacht worden ist und der Verletzte und Gekränkte seine Verzeihung ausgesprochen hat. Die Sühne wegen fittlicher Verfehlungen wurde somit zum Mittelpunkt der Versöhnungsfeier. So gestaltete sich der Versöhnungstag zu einem Tag der allgemeinen Verbrüderung und des Ausgleiches der sozialen Ungerechtigkeit. Die vor geschriebene Enthaltung von Speise und Trank an diesem Tage wurde beibehalten, aber mit aller Entschiedenheit wurde die Anschauung bekämpft, als sei dies der eigentliche Zweck des Versöhnungstages. Noch in uralter Zeit trat einer der erhabensten Propheten der Judenheit gegen diese irrige Annahme auf, seine Zeitgenossen über die Bedeutung des Versöhnungstages belehrend. Es gab schon damals Juden, die an der äußeren Werkheiligkeit ihr religiöses Genüge fanden, und diese glaubten, durch die Kasteiung ihres Leibes, durch die Enthaltung von Speise und Trank, volle Verzeihung für alle Verfehlung gefunden zu haben. Ihnen rief der Prophet in flammender Begeisterung für sittliche Reinheit und wahre Menschenliebe entgegen: „Ist das ein Fasten, das mir gefiele? Ein Tag, wo sich der Mensch kasteit, daß er wie ein Schilf sein Haupt krümmt und auf Sack und Asche sein Lager bereitet — das magst du ein Fasten nennen und einen Tag des Wohlgefallens für den Herrn? Solcher Gestalt wäre ein Fasten, das mir gefiele: daß du die Schlingen des Frevels öffnest, die Bande des Joches lösest und Unterdrückte frei entlassest, auf daß ihr jegliches Joch abreißet. Daß du dem Hungernden dein Brot brechest und obdachlose Arme in das Haus bringst; wenn du einen Nackten siehst, daß du ihn bekleidest und deinem Mitmenschen dich nicht entziehest. Dann wird aufbrechen gleich dem Morgenrot dein Licht und deine Heilung schnell gedeihen; es zieht dir voran deine Mildtat, und die Herrlichkeit des Herrn schließt deinen Zug." (Jesaja 58. 5-8.) Dadurch, daß diese prophetische Rede in die Liturgie des Versöhnuugsfestes ausgenommen wurde, zeigten sich die Lehrer Israels bestrebt, den Gedanken der inneren Umkehr, der sittlichen Reinheit in den Vordergrund zu stellen; das Fest der Sühne zu einer Versöhnung zu machen. Die Versöhnung des Menschen mit sich selbst, d. h. die Rückkehr \ '» i j

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