Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Bloch’s Ishrssms mm Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums« -□_□- Wien, 25. August 1911 - Lrscbetnt jeden Freitag.: Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. OG p Do Q A. kr. VofisparKaffensrnt Slearing-VerKebr «r. S10.S76. Redaktion und Administration: -» Wien IX/i. Hahngaffe Nr. 15. ») Telefon Nr. 14*847. OP; - — PO OÜ- - ■=DO p Rejitgspref» für Vrsterrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis 4malgespal» tene Petttzeile 24 Heller. C Qp —-Oo Inhalt: Leitartikel: Dr. Alfred Stern. — Die Entwicklung der Wiener Kultusgemeinde unter dem Präsidenten Dr. Alfred Stern. — Der ungarische Ministerpräsident über Antisemitismus. — Die Juden im statistischen Jahrbuche der Ltadt Wien für das Jahr 1809. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Josef Israels und der marokkanische Jude. Gräfinnen Potocki auf dem jüdischen Friedhof. Ein Besuch bei den Samarianern. Das Abenteuer eines jüdischen Kurgastes. Die Mischehe einer jüdischen Lehrerin. — Zehnter Zionistenkongreß. — Korrespondenzen: Die Juden aus der Dobrudscha beim rumänischen Ministerpräsidenten. Landeskonferenz jüdischer Kaufleute in Galizien. Universitätsdozent Dr. Jonas Baron. Der Nachlaß des Oberrabbiners Dr. Adler. Verlegung der zionistischen Zentrale nach Berlin. Ausschreitungen gegen Juden in England. Unausgesetzte Verfolgung der russischen Juden. Das Schicksal jüdischer Kriegshelden in Rußland. Jliodors dunkle Pläne. Weshalb verfolgt die russische Regierung die Jca? Eine Versammlung zu Gunsten des Emigrationskongreffes in Basel. — Vermischtes. — Feuilleton: Der erste Jude in Schweden. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Dr. Alfred Stern. Zu seinem 80. Geburtstag. Am 29. August dieses Jahres begeht der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern seinen 80. Geburtstag. Es ist sicherlich ein Zeichen besonderer Gnade der Vorsehung, seinen 80. Geburtstag in ungeschwächter geistiger und körperlicher Regsamkeit im verantwortungsvollen Amte eines Präsidenten der größten und bedeutendsten Judengemeinde des Kontinents zu feiern. Und mit 80 Jahren ein -solches Amt so zu versehen, wie es Dr. Alfred Stern tut! Denn Doktor Alfred Stern.bekleidet nicht das höchste Ehrenamt, das die Wiener Judenschaft zu vergeben hat, sondern v ersieht es: er erblickt in der Präsidentschaft nicht einen Ehrentitel ohne Inhalt, sondern ein Amt, dessen Bedeutung durch den Inhaber bedingt ist, das nicht nur denjenigen ehrt, dem es durch das Vertrauen der Repräsentanz übertragen wurde, sondern durch diesen erst zu Macht und Ansehen gelangen soll. Dieser Grundgedanke ist das Leitmotiv jeder seiner Handlungen in allen seinen Lebensstellungen. Seine tiefernste Auffassung von den Pflichten eines Vertreters einer großen Körperschaft brachte ihn, als er noch in der allgemeinen Kommunalpolitik aktiv tätig war, ,in die vorderste Reihe der Kämpfer für ein modernes, freies Wien und hob ihn, als er sich entschloß, sein großes Wissen, seine reichen Erfahrungen ausschließlich in den Dienst seiner bedrückten Glaubensbrüder zu stellen, bald auf den Präsidentenstuhl der Wiener Kultusgemeinde. Und es entspricht ganz dem Wesen dieses Mannes mit dem unerschütterlichen Glauben an seine bewunderungswürdige Willens- und Arbeitskraft, daß er mit der Besitznahme der Präsidentschaft der Leitung der Wiener Kultusgemeinde den Stempel seiner eigenen Persönlichkeit aufdrückte, ihr eine neue, eigene Richtung gab, frische Bahnen vorzeichnete und hochgehende Ziele absteckte. Es klingt paradox und entspricht dennoch den Tatsachen: Als Dr. Alfred Stern vor sieben Jahren, im Alter von 73 Jahren das Präsidium unserer Gemeind? übernahm, da kam ein frischer, jugendlich-lebendiger Zug in das Leben der Gemeinde. Hatte schon sein Vorgänger, kais. Rat Heinrich Kling er, einen regeren Kontakt mit den Gemeindemitgliedern hergestellt, so wurde der Verkehr zwischen Präsidium und den Gemeindemitgtzedern einerseits und den Beamten andererseits jetzt ein demokratischer. Die große, kraftvolle Persönlichkeit weitete den Rahmen der Einflußsphäre des Kultusvorstandes, der nun aufhörte, bloß ein Lenker der Verwaltungsmaschine zu sein, sondern sich allmählich zur wahren Repräsentanz der Wiener und in wichtigen Fällen der österreichischen Judenschaft entwickelte, die durch den Mund ihres Präsidenten überall dort ein mächtiges, weitklingendes Wort ertönen ließ, wo es galt, die Ehre des Judentums zu reiten, seine Rechte zu schützen und sein Ansehen zu wahren. Als vor drei Jahren anläßlich der Annexion Bosniens die Gefahr drohte, daß die jüdische Konfession bei der Schaffung der konfessionellen Wahlkurien für den bosnischen Landtag unberücksichtigt bleibe, da war es der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Doktor Alfred Stern, der in richtiger Erkenntnis, daß eine für die bosnischen Juden ungünstige Lösung dieser Frage nicht nur für die bosnischen Juden selbst, sondern für die gesamte Judenschaft des Reiches die unabsehbarsten Folgen nach sich ziehen mußte, die Initiative zu einer Aktion ergriff, zu welcher er auch die jüdischen Mitglieder des Parlaments einlud. Dieser gemeinsamen, energischen, aber besonnenen klugen Aktion war es zu danken, daß in einem Teile der Monarchie, nicht ein Präjudiz geschaffen wurde, das der Ausgangspunkt der willkürlichsten Deutungen und Mißdeutungen der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Konfessionen zu Ungunsten der Juden hätte werden können. Das charakteristischeste Moment dieserAktion war aber die eindringliche Mahnung Dr. Sterns an die beiden einander befehdenden Richtungen in der bosnischen Judenschaft: die Sephardim und Aschkenasim, den Kampf ums Recht nicht gesondert, jede Richtung für sich, sondern mit vereinten Kräften gemeinsam zu führen, da es sich um das bedrohte Recht der jüdischen Konfession.