Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang XXVIII Dp. Bloch’s 1 Zenttalorgan für die gesamten Interessen des Judentums. A. ft. Pofisparftaffenarnk Sleartng-Verkebr Rr. 810.976. Redaktion und Administration: ** Wir« IX/if Hahugasie Nr. 15. j) 'Telefon Nr. 14.847. <) QO - . ■ --OQ Wien, 18. August 1911 LrscbeLnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. OO- ----- --==^>0 p VrLUgsprri« für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplars 50 Heller» Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal» 2 tene Petttzeile 24 Heller. C OQ - - ■■■ „ in Inhalt: Leitartikel: Antisemitische Stützen des Thrones. — Die Juden im statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1909- — Die „Ethik des Judentums." — Vom Jahrmarkt des Lebens: An den Unrechten gekommen. Die Christenstraße in Jerusalem. Blindenstenographie für Jiddisch. Jüdische Soldaten in Audienz beim Zaren. — Der zehnte Zionistenkongreß in Basel. — Korrespondenzen: Josef Israels gestorben. Jüdischer Emigrationskongreß. Die Verbrennung der Leiche eines Oberrabbiners. Aufruf zu Gunsten der durch die Brandkatastrophe in Konstantinopel Geschädigten. Der Großvezier über die Ausschreitungen der Araber gegen Juden. Das Ritualmordmärchen in Galizien. Das Ritualmordmärchen in Rumänien. Der Antisemitismus in Palästina. Dr. Riza Tewfik über den Antisemitismus in der Türkei. — Vermischtes. — Feuilleton: Rudolf Hans Bartsch und die Juden. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Antisemitische Stütze« des Thrones. Einer der häufigsten antisemitischen Vorwürfe gegen die^ Juden besagt, daß wir den Patriotismus nicht kennen. Däs Vaterland, Thron und Altar wären uns ganz verächtliche Begriffe. Unser Egoismus treibe uns nur zur Befriedigung unserer eigenen Ansprüche um jeden Preis. Deshalb schürten wir gerne alle Hetzereien, welche die Aufmerksamkeit 'von uns ablenken. Wir seien gerne bereit, die öffentlichen Interessen zu opfern und seien im höchsten Grade respektlos und revolutionär. Wie immer handelt es sich auch bei diesen antisemitischen Vorwürfen um notorische Tatsachen — aber sie fallen wie immer nicht aus das jüdische Konto, sondern auf das der Antisemiten, welche große Geschicklichkeit darin haben, zu schreien: „Haltet den Dieb", wenn sie selbst gestohlen haben. Es ist ja auch natürlich so. Die Antisemiten, welche ihre ganze politische Existenz auf die Uebertretung der bestehenden, teuer erkauften Gesetze über die Gleichheit aller Staatsbürger gründen, haben überhaupt keinen Sinn für das Recht und nur für ihren Erfolg. Daher entwickeln sie notorisch immer eine hochverräterische Tätigkeit, geben sie ohneweiters die wichtigsten Interessen des Staates preis, wenn sie sich den mindesten Vorteil davon versprechen. Die angeblich so schwarz-gelben Christlich-Sozialen Oesterreichs haben gegen den geliebten Monarchen wütend demonstriert, als er ihnen ihren Lueger nicht als Bürgermeister bestätigen wollte; sie haben die schärfste Feindseligkeit zwischen den beiden Reichshälften hervorgerufen und haben es gebilligt, daß katholischen, politischen Vereinen die Erlaubnis zur Gründung erst von Rom gegeben werden soll und dann erst von den staatlichen Behörden. In Italien befinden sich die Katholiken in unversöhnlichem Gegensatz zum Staat, dessen Jubeljahr sie zu ihrem Trauerjahr gemacht haben. In Spanien sind sie die Stützen der aufrührerischen Karlistenbewegung, die das Land nicht zur Ruhe, kommen läßt, und bekämpfen erbittert die Regierung, weil diese vom unermeßlichen Reichtum der Klöster einen Teil für die arme Bevölkerung nehmen will. In Frankreich hören die Hetzereien der klerikalen und nationalistischen Antisemiten gegen die Republik nicht auf. In Belgien terrorisiert die klerikale Minorität auf Grund einer künstlichen Wahlordnung die Mehrheit der Bevölkerung. Das sind die antisemitischen Machenschaften zur Ausbeutung der verschiedenen Staaten und deren Bürger, schleichende und offene Revolutionen zur Erhaltung der Macht. Dazu ist jetzt eine neue Tatsache gekommen, welche die infame Rolle historisch kennzeichnet. Frankreich hat sich in Marokko bekanntlich breiter gemacht, als es nach den internationalen Verträgen eigentlich dürfte. Dagegen hat sich nun Deutschland ganz mit Recht eisenklirrend aufgerichtet, hat drei Panzerschiffe zur Demonstration nach dem marokkanischen Hafen Agadir geschickt und so die französische Regierung gezwungen, sich mit der deutschen wegen einer billigen Vereinbarung auseinander zu setzen. Die Situation ist sehr schwierig. Frankreich will sich aus Marokko nicht mehr herausdrängen lassen, wo es so viele Opfer an Menschenleben und Geld gebracht hat. In Berlin kann man sich eine Vergrößerung des französischen Besitzes nicht gefallen lassen. Bevor es nun wegen eines Striches von Afrika zu einem Weltkrieg kommt, der alle Staaten mitreißen muß und ungeheuere Opfer an Menschen und Vermögen kostet, ist man auf den Ausweg verfallen, Deutschland Entschädigungen für Marokko aus dem französischen Kolonialbesitz in Westafrika anzubieten. Auf dieser Grundlage wird jetzt in Berlin verhandelt und diese heikle Diplomatenarbeit darf dmch kein Wort und keine Geberde gestört werden, da sie den Weltfrieden schützt und bewahrt. Wer sie aber doch in lautester und rohester Manier unterbrach, das waren die Alldeutschen und die mit ihnen verbündeten Konservativen, die Junker. In ihrem Organ, der „Post", wurde die Person des deutschen Kaisers in schärfster Weise angegriffen, weil sich Wilhelm II. zum Dank von ganz Europa für den Frieden eingesetzt hatte. Dafür wurde ihm in wenig verhüllter Form feige Nachgiebigkeit und Verrat vorgeworfen und aus allen Kräften zum Kriege gehetzt. Endlich hat sich sogar die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", das Organ der deutschen Regierung, veranlaßt gesehen, mit dem Ausdruck „Verachtung" von der „unter monarchistischer Flagge segelnden Post" zu schreiben, von „verleumderischen Hetzartikeln" und „nichtsnutzigem Unfug." Das sind sehr starke Worte in einem sonst so kühlen