Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-11 · 32 (11.8.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021960--20411-3045449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite532. Dr. Bivchs WocheMM der Beschimpfung und Verdächtigung der Juden reich und frech-geworden sind. Das war alles zu erklären, als die Christlich-Sozialen eine mächtige Partei und in ihrer abgründlrchen Korruption noch nicht entlarvt waren. Jetzt aber hat man diese fanatischen Anhänger des Gottes Nimm in ihrer ganzen Schönheit gesehen und die Bevölkerung hat denn auch energisch die Folgen davon gezogen. Der Antisemitismus ist verkracht, seitdem man gesehen hat, daß die Antisemiten zehnfach das wirklich begangen haben, was sie den Juden lügnerisch vorwarfen. Will nun die Regierung trotz aller Gesetze und Erlässe über Haß und Boykott ihrerseits dem Antisemitismus eine Zuflucht verschaffen? Die freiheitlichen Parteien täten gut daran, sich über derlei Absichten rechtzeitig Gewißheit zu verschaffen und ihre Haltung und Maßnahmen demnach einzurichten, ob wirklich Christlich-Soziale von dem Sumpfe ihres Ursprungs und ihrer Politik bis ins Herrenhaus hinauf kommen sollen, w«l wir ein reaktionäres Ministerium haben. Die „Gthik des Judentums?*) r Von Rabbiner Dr. Alois Schweiger, Eger (Erlau). IL „Im Gymnasium von Kynosarges, wo auch die Fremden Zutritt hatten, ist für Griechen mit Antisthenes von Athen — anfangs Schüler des Gorgias später des Sokrates — der erste Gedanke der Menschheit entstanden. - Sowohl seine Ansicht vom Weltbürgertum, wie auch von der Einheit Gottes, im Gegensatz zu dem hellenischen Götterglauben, erhielt durch ihn bestimmten Ausdruck und scharfe Formulierung. Aber noch früher, schon in Aegypten war es Israel, das unter einem fremden Volke den Begriff der Menschheit findet." (§ 511.) Dem Erweise dieser Behauptung, ja sogar, daß Zspael die letzten Resultate ethisch-ph losophischer Forschung schon vor Jahrtausenden vorweggenoyrmen, dient die großaugelegte „Ethik des Judentums" von Lazarus. Er zeigt uns den innigen Zusammenhang zwischen den Lehren des Judentums und den sittlichen Bestrebungen der Menschheit, und daß der Ruhmeskranz ethischer Priorität dem Genius Israels gebühre. Lazarus hält sein Werk für den ersten Versuch eines Systems einer wirklich jüdischen Ethik. Wohl fehlte es nicht au Versuchen — versichert uns der Verfasser noch im ersten Telle — von Maimonides bis H. B. Fassel/s „Tugend und Rechtslehre" die zerstreuten Lehren der jüdischen Sittlichkeit zu einem geschlossenen Ganzen zu gestalten, aber in der Regel wurde die systematische Form, die Aufstellung der Prinzipien von fremden Philosophen entlehnt So trägt Maimonides im Grunde genommen die Ethik des Aristoteles vor, Fassel die von T. W. Krug, nur daß einzelne Gedanken aus diesen fremden Systemen mit Bibelversen und Talmudstellen zugleich als jüdische Lehren nachgewiesen werden. Dieses Verfahren kann aber unmöglich zu einer Erkenntnis des spezifischen Gehaltes und des ureigenen inner« Zusammenhanges der sittlichen Weltanschauung des Judeutumes führen. in Eine jüdische Ethik — heißt es in der Vorrede des nun erschienenen II. Teiles — kam deshalb nicht zustande, well einerseits das Material zu reich war, anderseits wieder konnten die jüdischen Gelehrten der Vortragsweise und Form der sittlichen Sentenzen, wie sie im Talmud und Midrasch vorgetrageu werden, nicht immer gerecht werden, konnten den Kern aus der Fülle talmudischer Lenkform nicht immer herauswickeln und in einer gleichsam menschheitlichen Form fefthalten. Nur selten wird die Ethik in -abstrakten Sätzen ausgesprochen, es herrscht hier mehr praktische, auf das Leben gerichtete *) Die „Ethik des Judenwms". Von Prof. Dr. M. Lazarus. Zweiter Band. Aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers, herauSgegeben von I. Winter und August Wünsche. Frankfurt am Mai«. Verlag von I. Kaufmann, 1911. LV + 404 Seiten (Groß- Oktav). Psychologie, doch sie lebte unbewußt in ihnen, wie die Grammatik in Homer, und Aesthetik in Sophokles« Auch für Systematisierung und Begründung sind nur wenige gute Vorbilder vorhanden. Begründung: Wenn ein oder den Geist befriedigt, wird er nicht lange nach Gründen suchen. Tie Begründung war also nicht ethisch, sondern metaphysisch. Bei den Juden wurde der philosophische Gehalt auf Religion zurückgeführt. Bei Maimonides, Aldo, Mendelssohn arbeitet die reine Vernunft unter dem Einflüsse des Gemüts. Selbst Spinoza fehlte den Gott seiner Väter, während er den Gott seines Systems dachte. (Im „Leben der Seele" löst Lazarus den Widerspruch zwischen den Charakter Spinoza und st inen Lehren folgendermaßen: „Sein Gemüt blieb, was es war, ein Heller, warmer Sommertag, während sein Geist eine Helle, kalte Winternacht geworden war." Abschnitt Humor). Oft aber hatte das philosophische Denken das Ethische in fremde Tiefen abgelenkt. So Bechoja in die Mystik, welche eine allzu aristokratische Ethik zur Folge hatte. Seine Ethik bringt nichts eigentlich und wesentlich Neues, sagt der Verfasser, nur die ethischen Wahrheiten des Judentums, die nicht für jedermann zugänglich sind, möchte er in moderne wissenschaftliche Begriffe umprägen. „Vor Gott und aller Welt will ich erklären, daß ich hier keinen . Gedanken Vorbringen will, von dem ich nicht nach meiner innersten Ueberzeugung weiß, daß er dem Gesamtgeiste des Judentums entstammt. Was ich von Griechen und Römer, von der L teratur der modernen ^Böjker gelernt habe, mag in meiner Darstellung sich als fforuiWeude Kraft geltend machen; den Inhalt, habe ich nach " besten Wissen und Gewissen lediglich aus dem ZMentum und dem^jüdischen Gesamtgeiste geschöpft." (1/§'7&) Wenn die Ethik des Judentums ihr- Stimme erhebt, heißt es in der Vorrede, geschieht es allen Lu lieb, aber niemandem zu leid. Gewiß werden wir angegriffen, die Juden mögen sich verteidigen; das Judentum braucht keine Verteidigung. Aus der Willkür des Angriffes folgt nicht die Notwendigkeit der Verleidlgung. Und nicht bloß willkürlich, sondern aus Unwissenheit töricht oder aus Bosheit ungerecht sind alle diese Angrisse. Die Systeme, .die nationalen und wissenschaftlichen, sind bekannt. In der Vorrede zum" ersten Teil lesen wir ebenfalls: „Man erwartet von mir . . . Apologetik als ihren Erfolg, und als ihr Hilfsmittel Polemik. Klar und fest ist auf alles dieses verzichtet, nichts von Apologie; die rsin. objektive Darstellung soll für sich sprechen und wirken: „Baust du einen Altar, so darfst du kein Schwert darüber schwingen. Hast du dein Schwert geschwungen, so ist er entweiht." Die jüdische Ethik ist nur Tugend und Pflichten, aber keine Güterlehre. Güter sind Erfolge, aber nicht Ziele dsr Sittlichkeck, und gehören eher zur Technik des Lebens. Die Ethik muß aus dem Gesamtgeist geschöpft werden. Charakteristisch in der jüdischen Ethik ist nicht nur die Selbstverantwortung der Menschen und der Gesellschaft, sondern auch die Selbstschöpfung des Sittlichen, das heißt Empfänglichkeit muß vorhanden sein, mts1? «a (Schabb. 104a). Die religiösen Zeremonien, wohl n cht unmittelbar ethisch, können durch Gesinnung «mnn nrcp1? es wKden. Tie Abwendung vom Vergänglichen und Hinwendung zikö Gott ist Religion, genauer das Ethische aller Religionen. Soweit die Vorrede, Nun wollen wir auf den Inhalt der Ethik eingehen. Zur besseren Uebersicht wollen wir auch die leitenden Ideen des ersten Teiles kurz rekapitulieren, weil dieser die theoretische Grundlage bildet, und uns die Grundzüge der jüdisch-ethischen Weltanschauung erkennen lassen. Der erste Abschnitt des ersten Teiles spricht über „Die Grundlegung der Sittenlehre" und handelt von den Quellen derselben. TUr in der Bibel niedergelegte Grund zum Ausbau einer sittlichen Welt wird mittelst Hermeneutischer Regeln in Talmud und Midrasch weitergeführt; so entsteht die Einheit in der Substanz des Volägeistes. Auch die Tradition äußert sich .in historisch gegebenen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.