Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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©eht 498 Nr. 30 Dr. Wochs WvWMM hervorging, daß einerseits die größeren Organisationen eine Beschickung des Kongresses entweder endgiltigi ablehnten oder sie nur für den Fall in Aussicht stellten, daß der Kongreß, um gründlich vorbereitet zu werden, verschoben werde, daß ferner auch von den maßgebenderen Persönlichkeiten in der europäischen und amerikanischen Jrckenschaft, so auch! von Jakob H. Schiff, der Wunsch geäußert wurde, daß der Kongreß nicht an dem in Aussicht genommenen Termine — im August — abgehalten werde, entspann sich eine lebhafte Debatte, an welcher auch die anwesenden Mitglieder des Komitees teilnahmen. Auch diese Herren, die in der Lage waren, zu melden, daß die große jüdische Masse in Rußland eine Reform des Emigrationswesens sehnlichft erwarte und zu diesem Zwecke von den-Kongressen die Schaffung einer Zentralorganisation erhoffe, konnten sich nicht der Ansicht Verschließen, daß kein Versuch! unterlassen werden dürfe, um den Kongreß zum Willensausdrucke aller in Betracht kommenden jüdischen Organisationen zu gestalten. Der Zweck der Delegation sei ja eben, das Wiener Kongreßkomitee nach dieser Richtung zu unterstützen. Aus diesen Grüßen beschloß das Komitee, den Kongreß abermals bis zum Frühjahr 1912 zu verschieben. Bis dahin hofft man einerseits die Zustimmung der bisher .noch abseits stehenden Organisationen und Persönlichkeiten zu erlangen, andererseits die Vorarbeiten für den Kongreß, wie auch für die in Aussicht genommene Emigrantenbank, für welche besonders in Rußland die Stimmung eine äußerst günstige ist,, soweit fertig zu stellen, daß der Kongreß dann auch tatsächlich! jenes Ergebnis wird zeitigen können, welches von ihm erwartet wird, Selbstmord eines Mischen Arztes in Karlsbad. Großes Aufsehen erregte es am verflossenen Freitag, den 21. Juli in Karlsbad, als sich mit blitzartiger Schnelligkeit die Nachricht verbreitete, daß der vielbeschäftigte Badearzt, Dr. Albert Süßkind, einen Selbstmord begangen habe. Vinnen kurzer Zeit hatte sich eine Menschenmenge vor dem neugebauten Hause „Drei Lilien" in der Kreuzstraße angesammelt, welche es mit der größten Verwunderung aufnahm, daß sich der Inhaber dieses palastartigen Gebäudes, in welchem sich seit einigen Wochen ein Caf^ im elegantesten Stile befindet, am Dachboden erhängt habe. Das Haus »Drei Lilien" befindet sich gerade vis-ä-vis der Mühlbrunnquelle und dem Stadthause, somit im belebtesten Teile der Stadt, und der Wert des Gebäudes wird auf fast eine Mil liyn Kronen geschätzt. Es. dauerte nicht lange, so wurde durch Nachbarn das Gerücht verbreitet, Dr. Süßkind, der zumeist die sogenannte polnische Praris hatte, habe sich mit dem Hause verspekuliert und sei in zu tiefe Derbind- Uchkeiten geraten: bald nachher hieß es aber wieder, er fei finanziell günstig gestellt, seine Tochter liege aber sehr schwer erkrankt im Karlsbader Krankenhause, und dies sei ihm zu nahe gegangen : andere behaupteten wie-, der, es seien ihm von der Stadtgemeinde Karlsbad allzugroße Schwierigkeiten wegen der Benützung des neuen Hauses entgegengesetzt worden, und deshalb sei er hochgradig nervös geworden, und die Nervosität sei schließlich in Geistesstörung übergegangen. Es mag aber sein, wie es will, der jüdische Arzt, der eine ausgezeichnete Praris hatte, ist tot, hat sich erhängt, wurde am Sonntag begraben, und am Montag ist die Geschichte vergessen Md man denkt nicht mehr daran. Das ist eben das große Unrecht an dieser Sache. Dieser Fall sollte nicht mit jenen Schaufeln Erde, welche den bedauernswerten Arzt in den besten Lebensjahren für immer bedecken, beendet sein, sondern dieser Fall verlangt eine Aufklärung, eine energische Aufklärung, und die Kollegen des durch Selbstmord geendeten Arztes, die Aerzte Karlsbads, sollten die Frage aufwerfen, warum dieser jüdische Arzt sich in der Blüte seiner Jahre das Leben genommen hat. Im verflossenen Winter hatte die Blochsche Wochenschrift einen Bericht aus Karlsbad veröffentlicht, aus welchem die merkwürdige Tatsache hervorging, daß in einer Sitzung der Stadtgemeinde, in der Konzessionen bewilligt und Rechte erteilt wurden, fast ausschließlich Christen Rechte erhielten, aber den Juden dieselben verweigert wurden. Auch bezüglich der Konzession! für ein Kaffeehaus im obigen Hause war dies der Fall. Die Stadtgemeinde verweigerte nicht nur die Konzession, sondern hatte sogar einen Rekurs gegen die seitens der Bezirkshauptmannschaft von Karlsbad erfolgte Bewilligung eingebracht — ein Vorgang, der jn der Karlsbader Geschichte kaum je vorgekommen ist. Nun ist Karlsbad zum Erdrücken mit Menschen gefüllt: es gehen ratlos angekommene Badegäste und Touristen in der Stadt herum, ohne passende Wohnungen zu finden, und manche fahren nach dem benachbarten Vetschau und Komotau, um dort zu übernachten. Da steht nun ein Prachthaus, das Haus „Drei Lilien" des durch Selbstmord geendeten Arztes, im Bau fertig und darf nicht bewohnt werden, dg die Stadtgemeinde nicht den Wohnungskonsens erteilt. Hiedurch hat der jüdische Arzt Dr. Süßkind, der sein ganzes Vermögen an diesen Bau verwendet hat, eine weitere Einbuße von etwa 25.000 Kronen Erlitten. Es heißt nun, daß Dr. Süßkind aus diesem Grunde seinem Leben ein Ende gemacht habe: dagegen wird von anderer Seite die Behauptung aufgestellt, daß der Verstorbene wiederholt und nach mehrfacher Richtung hin die Baubewilligung überschritten habe, die ihm erteilt wurde, und deshalb nehme man ihm gegenüber eine unfreundliche Stellung bei der Stadtvsrtretung ein. Hat Dr. Süßkind seine Befugnisse überschritten, dann mußte er natürlich auch die Folgen tragen; aber es stehen, sich da zwei eigentümliche Umstände gegenüber. Dr. Süßkind hatte mit der Stadtgemeinde große Kämpfe zu bestehen, während seine Bestrebungen von der Bezirkshauptmannschaft gu Karlsbad merkwürdiger Weise gefördert wurden: man gab ihm die-Kaffeehauskonzession trotz der Opposition der Stadtgemeinde, und interessierte sich sogar amtlicherseits für die Einzelheiten des Baues. Was ist nun da geschehen? Unwillkürlich fällt einem da ein Ausspruch des Karlsbader Lehrers Josef Hofmann ein, der als antisemitischer Landtagsabgeordneter vor einigen Jahren Karlsbad vertrat. Dieser Mann verlangte nämlich schon damals, daß man hohenorts nicht gar zu hart mit den einheimischen Bewohnern der Kurstädt Vorgehen möge. Heute darf man, wenn man so manchen Karlsbader Boykott in Betracht zieht, sicherlich .einen ähnlichen Wunsch aussprechen: Man möge doch da oben im Stadthause nicht gar zu hart mit den Israeliten umgehen. Der verstorbene Dr. Süßkind kam eines Tages zu seinem israelitischen Anwalt Md bat ihn um Entschuldigung, daß er ihm untreu werden müsse: er Zehe, daß er nicht von der Stelle komme, wenn er nicht einen Advokaten habe, der wenigstens zum Schein Antisemit sei. Das find ganz eigentümliche Vorkommnisse m einer Kurstadt und aus diesem Grunde wäre es Empfehlenswert, wenn sich die Karlsbader Aerzteschaft um diese Sache kümmern würde. Mit dein Eingraben dieses Mannes von kaum 45 Jahren in die Erde sollte der „interessante ärztliche-Fall" noch nicht erledigt sein. LMnik. (25jähriges Dienstjubiläum.) Am 20. d. M. feierte unser Polizeileiter Herr Jakob Ehrlich, welcher gleichzeitig die Verwalterstelle des hierortigen David R. v. Gutmannschen Versorgungshauses bekleidet, im Kreise seiner Enkel und seiner Familie sein 25 jähriges DienstjubiläuM als Polizeiorgan. Aus diesem Anlasse sind dem Jubilar von allseits so viele Beweise - von Ehrungen zuteil geworden, daß derselbe auf diesem Wege seinen tiefgefühltesten Dank entgegen zu nehmen bittet.