Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 30 Q|*fl IshrKSNK XXVIII Zentralorsan für die gesamten Interessen des Judentums. --nz1 — □- Wien, 28. Juli 1911 Lrscbeint jeden Lreltag. Brief-Adresse: Wie«, IX/i. Hahugaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Erhalt: Leitartikel: Die Juden von Persien und Marokko. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein jüdischer Künstler. Die jüdischen Senatoren in Italien. Inden in der Schiffartei. Eine Judendebatte im amerikanikanischen Kongreß. Verzeichnis getaufter jüdischer Kurärzte. Hermann Struck als Radierer. — Die Beteiligung der Juden am S^ischen Welthandel im Altertum. — Briefe aus Galizien. — Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler. — G. Mahler und Felix Mottl. — Korrespondenzen: Zum Ableben des Chief-Rabbi of England. Eine hohe Auszeichnung eines englischen Juden. Auswanderung persischer Juden nach Palästina. Der Emigrationskongreß abermals verschoben. Selbstmord eines jüdischen Arztes in Karlsbad. Leipnik. Zum Brand in Konstantinopel. Petersburg. Ein Friedensdrama von Israel Zangwill in Londoner „May.'stys Theatre". — Vermischtes. — Feuilleton: Vor dem Tore des Gan<Eden. Moses Mendelssohns Urteil über den Talmud. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. 0(7=- - =DO p Vtpxg&pvtia für Vrfirrrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller» Für'» Anslnnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 3 tene Petttzeile 24 Heller. C oP— - —Qo — ■ - - -D O A. k. Pofifparkaffenaurk Slearing-Verk ebr fit. 810.976. Redaktion und Administration: M W ir n EX/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. <J QP -QO Die Inden von Persien und Marokko. Große Kämpfe werden jetzt in zwei Nachbarstaaten der Zivilisation geschlagen, in Persien und Marokko. Die Franzosen nennen ihren Krieg im nordwestlichen Teile des schwarzen Erdteils Pazifikationswerk, in Wahrheit aber sind sie nur die dritte kriegführende Macht zwischen den Truppen des Maghzen und den aufrührerischen Stämmen, welche sich gegen Steuerdruck und Fremdherrschaft erhoben haben, vor den modernen Feuerwaffen zwar zeitweilig zurückweichen, aber wohl erst in vielen Jahren zur Ruhe werden zu bringen sein. In Persien marschiert der frühere Schah Mohammed Ali an der Spitze der Turkmenen und Schahsewennen auf Teheran los, um den Thron wieder zurückzugewinnen, den er wegen seiner Feindschaft gegen die Verfassung und seiner Verschwendungssucht verloren hat. Er handelt viel weniger aus eigener Kraft, als im Aufträge Rußlands und Englands, deren ergebener Diener er immer gewesen ist und die er wahrscheinlich nicht daran hindern wird, das Land nach einem schon festgelegten Plane zwischen sich zu teilen. An diesen Kämpfen nehmen die Europäer nur so weit Anteil, als der Wettkampf zwischen den Großmächten immer eine Kriegsgefahr hervorruft, wenn ein Reich von dem noch übrigen Teil der Erde ein Stück an sich reißen will. Deutschland hat denn auch schon Kriegsschiffe nach Marokko geschickt üßd will Frankreich zu Entschädigungen zwingen, Es werden sich auch Mächte finden, welche die Teilung Persiens nicht so vor sich gehen lassen werden, als handle es sich um wertloses und herrenloses Gut. Darüber hinaus ist aber das Interesse der Juden an den kriegerischen Vorgängen im Innern Asiens^ und an der Nordküste Afrikas viel lebhafter und ernster. Auf beiden Kriegsschauplätzen leben nämlich, wie von den Zeiten in ihrem Lauf verloren, mehr als Hunderttausend von Juden in einem Zustand, der dem des Mittelalters vollständig gleichkommt. Die marokkanischen und persischen Inden, in ihrem Aeußern sowohl als auch in ihren Sitten einander vollständig gleich, teilen auch-das gleiche Los. Vom religiösen Fanatismus der Bevölkerung in den Kerker des Ghetto verwiesen, einer großen Reihe der entehrendsten Bestimmungen untcrworfen, von tiefster Verachtung verfolgt, sind sie dort wie hier rechtlos und schutzlos vor dem Gesetz und mit Leib und Leben, mit Weib und Kind die Beute eines jeden, der die plündernde Faust und die Waffe gegen sie erhebt. Erst vor Kurzem hat man gelesen, daß der Sultan von Marokko auf Juden wie aus Jagdtiere hat schießen lassen, wenn sie sich zur Abendzeit auf den Terrassen ihrer Häuser zu zeigen wagten. In Persien müssen auch die Vornehmen im Judenviertel auf Geheiß des Gouverneurs öffentliche Arbeiten verrichten, welche als unrein gelten und zu denen sonst die letzten Parias herangezogen werden. Weder die persischen noch die marokkanischen Juden verdienen dabei im mindesten das ihnen zugefügte Unrecht. Gerade in ihren Händen befindet sich nämlich der größte Teil der städtischen Arbeit, das Gewerbe. Und wenn sie auch Geldgeschäfte und Handel betreiben, so haben sie darin eine so riesige Konkurrenz der Araber, der Einheimischen und vor allem der ausbeuterischen, christlichen Europäer, daß sie gar nicht in Betracht kommen. Es ist nur der religiöse Gegensatz, der sie um die primitivsten Menschenrechte bringt und Zustände hervorruft, die unserer Zeit und chrer Zivilisation spotten. Es ist ihnen aber auch vorderhand nicht anderswo zu helfen als in ihren Ländern. Denn sie kennen außer dem Hebräisä en nur die Sprache ihrer Umgebung und auch nur die langsame, sonderbare und in modernen Verhältnissen unbrauchbare Art der Arbeit. Von diesem Standpunkt au§ betrachtet» wäre es-für die Juden in Persien sowohl als auch für die in Marokko eine Erlösung, unter eine andere Herrschaft zu kommen. Aber bevor dies geschieht, wird die Hölle-noch qualvoller, in welcher sie leben. Alle Kriegsberichte stimmen darin überein, daß sich ein großer Teil des Krieges in den Judenvierteln Persiens und Marokkos abspielt, daß hier die Sieger ihren Triumph feiern, die Besiegten ihren Rachedurst stillen, und beide Parteien sengen, morden und plündern. Hätten wir Juden eine internationale große Repräsentation, so wäre jetzt wohl eine absolute Notwendigkeit, bei den europäischen Mächten, die doch auch in exotischen Gebieten großen Einfluß besitzen, einen feierlichen Protest zu überreichen. Da wir aber für alles Unglück auf jüdischem Gebiet selbst aufkommen, uns selbst helfen müssen» so bleibt nichts anderes übrig, als auf dem Weg der Pariser Alliance unseren Brüdern in Asien und Afrika zu Hilfe zu kommen.