Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021957--20360-3045395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 474 Nr. 29 Dr. Vlochs Wochenschrift des Polenklubs Kolischer, Steinhaus, Rauch, Stern, Groß, der Wilde Strauch er. Leute genug, um der Energie und dem guten Willen einer in großen Fragen geeinten Gruppe die Wahrscheinlichkeit von Erfolgen zu bringen. Da die Interessengruppen der Einzelnen sonst weit genug auseinanderliegen, daß jede Reibung vermieden werden kann, sollte ein Zusammenschluß in großen Judenfragen möglich sein. Da er außerdem notwendig ist, könnten wohl die Polen mit der Einberufung einer Konferenz den positiven Anfang machen. Zu der Judennot Oesterreichs, namentlich des nordwestlichen, ist leider eine endlose Tagesordnung für jüdische Politiker vorhanden. Auch die sonst zersprengt geführten Einzelaktionen für ungerecht verfolgte Juden würden durch die Gemeinsamkeit der jüdischen Parlamentarier im Effekt ganz anders ausfallen. _ Dom Jahrmarkt des Lebens. Zur beschichte des Wiener Antisemitismus. In ihrer Sonntagsnummer vom 2. Juli d. I. brachte die „N. Fr. Pr." einen beachtenswerten Artikel über den Rücktritt des Grafen Kielmansegg von Dr. Ludwig Vogler. Unter dem Titel findet sich der bescheidene Vermerk: „Einiges aus meinen Erinnerungen". Gerade diese Einschränkung ist es, die mich veranlaßt aus dem Hintergründe hervorzutreten und zu ergänzen, was wohl unabsichtlich von dem Schreiber des erwähnten Artikels fortgelassen wurde. Politische Gründe, vor allem aber das Interesse der Leser sind es, welche mich veranlassen, von der Gastfreundschaft der „Oesterreichischeu Wochenschrift" Gebrauch zu machen. Die folgenden Ausführungen werden darlegen, daß gerade diese das Forum bildet, von welchem aus die Ergänzung jener „Erinnerungen" zu geschehen hat. Baurat Stiaßny war bis zur Auflösung des Wiener Gemeinderates im Jahre 1895 Mitglied der Donauregulierungskommisfion und auch Mitglied der Kommission für Verkehrsanlagen in Wien, sowie Stadtrat der Metropole. Als sich die Wiener Bevölkerung durch die wiederholte Wahl des Dr. Lueger zum Bürgermeister in einen scharfen Widerspruch gegenüber der Krone setzte, wurde die autonome Gemeindeverwaltung für längere Zeit suspendiert und ein Vertreter der Regierung an die Spitze derselben gestellt. Durch die Berufung des Baurates Stiaßny in den „Beirat" des Regierungskommissärs Dr. F r i e b e i s dokumentierte die Regierung die Notwendigkeit, den erfahrenen Techniker und den bisherigen Referenten in den wichtigsten technischen Fragen auch des weiteren an seinem Platze zu belassen. Aber auch der Politiker Stiaßny wurde bei der Auswahl eben seiner Person berücksichtigt; ohne direkt als Religionsvertreter zu fungieren — eine derartige Kurie gab es ja auch in der fceigewählten Körperschaft nicht — hielt man es an maßgebender Stelle für opportun, gerade einen Juden, insbesouders da dieser Vorstandsmitglied der Wiener israelitischen Kultusgemeinde war, in den Beirat zu berufen. Aus den „Erinnerungen" des Dr. Vogler schimmert ziemlich deutlich ein Vorwurf hindurch, als hätte Baurat Stiaßny seine fortschrittlichen Stadtrats - Mitkandidaten persönlichem Ehrgeiz zum Opfer gebracht. Ich fühle mich verpflichtet — als Sohn, wie auch als genauer Kenner der damaligen Situation — diesen Vorwurf auf das Entschiedenste zurückzuweisen. Baurat Stiaßny hat allerdings die von ihm bislang iuuegehabten Stellen nach Behebung des Interregnums wieder angestrebt, allein die Motive hiefür, die ethischen Wurzeln, die Baurat Stiaßny zu einem Festhalten au dem Programm bewogen, waren dem Erzähler der „Erinnerungen" entweder unbekannt oder — und dies erachte ich für das Wahrscheinlichere — sie sind ihm im Laufe der Jahre entfallen. Was die technische Seite betrifft, so hatte Baurat Stiaßny allen Anlaß mit Besorgnis in die Zukunft zu blicken, und die Tatsachen bewiesen, daß kaum ein weniger geeigneter Nachfolger in der Donauregulierungskommission gefunden werden konnte, als dies in der Person des Herrn Gregorig, von Beruf Weißwarenhändler, de facto geschehen ist. Was aber die Besetzung der Stadtratsstelle mit einem nichtjüdischen liberalen Gemeinderate betrifft, so war dies der heute mindestens ebenso aktuelle Judenpunkt im liberalen Deutschtum, in welchem Bmrrat Stiaßny keinen Scherz und keinen Pakt verstand. Im Gegensätze zu den hier nicht allzudeutlichen „Erinnerungen" muß ich konstatieren, daß Baurat Stiaßny gewiß nicht gezögert hätte, von der Bewerbung um ein Stadtratsmandat zurückzutreten, wenn es sich um eine persönliche Frage im ungünstigen Sinne gehandelt hätte. Derjenige, dem Baurat Stiaßny aber Platz gemacht hätte, mußte naturgemäß wieder ein jüdischer Gemeinderat sein, allein bei allem Ansehen, welches auch, die anderen jüdischen Gemeinderäte genossen, hatte kein einziger derartige Chancen, gewählt zu werden, wie dies bei Baurat Stiaßny der Fall war. Wenn ich an dieser Stelle schon kein anderes Motiv' anführen will, so mußte doch die Auciennität schwer in's Gewicht fallen. Neben dem Bürgermeister und dem damals noch liberalen Gemeinderate Schlechter war Baurat Stiaßny wohl einer der an Dienstjahren ältesten Stadtväter. Achtzehn Jahre kommunalen Lebens mit all' den Erfahrungen, die durch kein Studium erlangt werden können als durch die Praxis! Neben dem — sagen wir als Platzhalter — ausgestellten Bürgermeister Strobach, sowie dem kommenden Manne Dr. Lueger war es vor allem Pater Latschka, der sich für die Wahl des Baurates Stiaßny einsetzte; umsonst! Der Antrag der liberalen Partei wurde abgelehnt und Baurat Stiaßny, der nota bene von der Majorität auch nicht in die Donauregulierungs- oder in irgend eine andere Kommission entsandt worden wäre, wurde bei der Stadtratswahl durch den Namen eines anderen, nichtjüdischen, liberalen Gemeinderates ersetzt. Der Parteiverband erklärte hierauf, aus den Händen der Majorität überhaupt kein Stadtratsmandat annehmen zu wollen; und so gehörte in den letzten 15 Jahren kein Mitglied einer anderen Partei, als eines der Christlich- Sozialen dem Stadtrate von Wien an. Indem ich zum Schluffe komme, muß ich nochmals hervorheben: Das Autzenbleiben der liberalen Gemeinderäte außerhalb des Stadtrates wurde durch keine Frage der Person, sondern ausschließlich durch den „Jude rill unkt" herbeigeführt! Innerhalb der letzten 15 Jahre wurde die Gewissensfrage wiederholt — mehr minder verblümt gestellt; allein die bisher numerisch kleine Gruppe freisinniger Gemeinderäte besaß stets die Charakterfestigkeit, einen Liberalismus unter Ausschluß der Juden abzulehnen. Möge die Versuchung, die in jüngster Zeit wieder an diesen oder jenen herantrat, eben so erfolglos bleiben, wie dies vor 15 Jahren der Fall war. Dr. Siegmund Stiaßny. Schwarz und Zeppelin. In der letzten Nummer der „Zukunft" macht Maximilian Harden — veranlaßt durch die etwas summarische Behauptung des Direktors Colsman: „Die Geschichte ist unwahr" — neue Mitteilungen über die Beziehungen^ die seiner Meinung nach zwischen-der von ihm keineswegs gering geschätzten Zeppelinschen Erfindung und der Arbeit eines früheren Erfinders, des 1897 verstorbenen Oesterreichers David Schwarz, bestehen. Ohne in dev Diskussion irgendwie Partei ergreifen zu wollen, möchten wir, da der Fall ein gewisses kulturhistorisches Interesse hat, aus der „Zukunft"-Nummer sowohl einen Brief,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.