Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 433 N. 26 Dr. Blochs Wochenschrift aufgestellt, von sämtlichen Juden, die aus aller Herren Ländem stammen, unterstützt wurde, wenngleich der letztere persönlich geringere Sympathien genießt, als sein Kollege Pittäco. Von beiden Vertretern kann; jedoch mit Recht angenommen werden, daß sie für jede gerechte Sache eintreten Mnd sicherlich'gegen das jetzt herrschende antisemitische Regime entschieden Stellung nehmen. Zu wünschen wäre jedoch im Interesse der national-liberalen Partei und im Interesse der Juden selbst, daß die sich päpstlicher als der Papst ausgebenden italienischen Juden die Politik in die jüdische Gemeindestube nicht hin e intrage n. In der Gemeindestube sollen sie nur Juden sein und nicht eine Strömung herbeiführen, die bei der weit größten Anzahl nicht „italienisch" geborener Mitglieder der jüdischen Gemeinde nur ihren Untergang herbeiführen könnte, was auch einen entschiedenen Rückschlag auf das politische Leben üben würde. Ein anderes Mal vielleicht deutlicher, .diesmal wollen wir nur der Freude Ausdruck geben, daß das Parlament zwei freiheitliche Stützen erhält, die;für einen reaktionären Gedanken nicht zu haben sind und die ihre Wahl ins Parlament entschieden jüdischen Wählern verdanken, I. M. Die Königskrönung in England und die Inden. (Auszeichnungen an Juden.) Aus London wird uns berichtet: Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß die gesamte jüdische Bevölkerung mit inniger, loyaler Freude an den Krönungsfeierlichkeiten teilgenommen hat. In sämtlichen Synagogen wurden Festgottesdienste abgehalten, wobei ein vom Chief-Rabbi Dr. Adler verfaßtes Gebet verrichtet wurde. Auch das Ghetto in Ostend hatte um Donnerstag und Freitag gefeiert und die Häuser dekoriert. — Unter den anläßlich der Krönung mit königlichen Auszeichnungen Bedachten befinden sich auch Mehrere Juden. Generalprokurator Sir Rufus Isaacs wurde zum wirklichen Geheimrat und gleichzeitig zum Kommandanten des Viktoria-Ritterordens ernannt. Zum Varon'des Vereinigten Königreiches wurde ernannt:. Herbert S. Leon und zu Rittern : Dr. Sydney 'Lee und Frederic Cowen. Colonel David Harris wurde zum Knight Commandant des Ordens of the Garter erhoben. Agitation gegen die Jca und den Hilfsverein der deutschen Juden m Rußland. Anläßlich der Beratungen über die Beschickung des in Wien geplanten jüdischen Emigrationskongresses fanden in mehreren russischen Städten Agitationen gegen die Jca und den Hilfsverein der deutschen Juden statt. Verschärfung der antisemitischen Politik in Rußland. Berlin. Von einer bevorstehenden Verschärfung der antisemitischen Politik in Rußland erhält der Hilfsverein der deutschen Juden aus Petersburg Nachrichten. Er veröffentlicht darüber nachstehende Mitteilung: „Es war schon seit einiger Zeit in politisch eingeweihten Kreisen Petersburgs bekannt, daß die russische Regierung die traurige Lage ihrer jüdischen Untertanen weiter zu verschlechtern beabsichtige. Dieser Plan scheint nunmehr unmittelbar vor seiner Ausführung zu stehen; denn wir erhalten aus absolut zuverlässiger Quelle aus Petersburg ein Telegramm, das an der deutsch-russischen Grenze aufgegeben worden ist und folgendermaßen lautet: Eine weitere Verschärfung der antisemitischen Politik wird die russische Regierung unmittelbar eintrkten lasten. Der Zar hat durch eine besondere Resolution hiezu seine Billigung ausgesprochen. Die wachsende Bedrückung im Innern soll zugleich der Regierung ihre Position bei den Wahlen erleichtern." Eine jüdische Protestresolution auf dem! russischen Bibliotheken-Kongreß. In Petersburg fand porige Woche ein russischer Bibliothekenkongreß statt, an welchem die jüdischen Delegierten, mit Ausnahme derjenigen, die ad personam Wahlrecht in Petersburg besitzen, nicht teilnehmen konnten, weil ihnen der Aufenthalt in Rußland verwehrt wurde. Die wenigen jüdischen Teilnehmer an dem Kongresse überreichten dem Präsidenten desselben, Grafen A. Tolstoj, eine scharfe Protestresolution, deren Verlesung sie verlangten. Graf Tolstoj, ein bekannter Iudenfreund, fürchtete, durch die Verlesung der Resolution den Kongreß zu gefährden und trug den Wünschen der Juden dadurch Rechnung, daß er in seiner Schlußrede u. a. sagte: „Wir bedauern, daß nicht alle, die ein Interesse an dem Kongreß hatten, an demselben teilnehmen konnten. Einige konnten nicht kommen, bloß weil sie Juden sind. Wir sprechen unser tiefes Bedauern darüber aus, daß sie dieses Umstandes wegen daran gehindert wurden, unter uns zu erscheinen." Amerikanisch-jüdische Marmeure in Rußland. Angesichts des Verhaltens der rustischen Regierung in der amerikanischen Paßfrage entbehrt es nicht einer gewissen Pikanterie, daß auf dem amerikanischen Geschwader. das zu Besuch in Rußland vor Kronstadt liegt, zwanzig jüdische Marinesoldaten, darunter mehrere Offiziere, sich befinden. Unter den jüdischen Matrosen sind die meisten solche, die aus Rußland nach Amerika ausgewandert sind und manche von ihnen haben sich, als sie Petersburg einen Besuch abstatteten, sogar den Spaß gemacht, auf einer Promenade im „Zoologischen Garten" laut im jüdischen Jargon, den si^ noch nicht vergessen haben, zu konversieren. Ls ist natürlich. daß sie, wie es sich „Gästen" gegenüber ziemt, nicht um ihre Pässe befragt wurden, aber wehe ihnen, wenn sie ihre amerikanische Marineuniform ablegten. . . Die Juden in Chardin. Vor Kurzem berichteten wir, daß die chinesischen Kaufleute in Charbin eine Aktion eingeleitet haben, damit die Juden aus der Mandschurei vertrieben werden. Aus diesem Anlasse erschien in der russischen Zeitung „Novi Woschod" ein sehr interessanter Artikel eines christlichen Mitgliedes der russisch-geografischen Gesellschaft über die politisch-wirtschaftliche Bedeutung der Mandschurei für das russische Reich, in welchem die Rolle der Juden in der Entwicklung Chardins dargetan wird. Der Autor, aus dessen Feder bereits mehrere Werke über die Mandschurei erschienen sind, sagt hierüber: „Bisher haben diese Entwicklungsarbeiten fast ausschließlich Juden besorgt. Russische Handelshäuser von Bedeutung gibt es in der Mandschurei nur sehr wenige. Hingegen haben Juden hier den Handel und den Erport gehoben. Der Aufschwung des Hafens ist ausschließlich ihnen zu danken und es ist nur natürlich, daß sie auch in der Stadtverwaltung stark vertreten sind. Juden leisten in Charbin die wertvollste kolonisatorische Arbeit und schützen auf allen Gebieten die Interessen und das Ansehen Rußlands gegenüber dem Vordringen der Japaner. Sie tun dies sowohl in der Presse, als auch im privaten Leben. Während die russischen Kapitalisten und Großkaufleute noch immer Mißtrauen hegen gegen den fernen Osten, haben russische Juden mit geradezu bewunderungswürdigem Mute und beispielloser Energie in der Mandschurei blühende russische Handelszentren geschaffen, deren Tragweite nicht abgeschätzt werden kann. Bezeichnend für die wichtige Tätigkeit der Juden in Charbin ist die Tatsache, daß die russische Genossenschaftsbank in Charbin, die wichtigste russische Kredit-