Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 306 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 18 die Straße hinaus. „Dummheit!" antwortete sie mit bitterem Lachen, „bei dir ist alles Dummheit. Wie, kannst du nur aus einem Geschirr essen, das nicht im fließenden! Wasser gereinigt und worüber der Segensspruch gemacht wurde." Benjamins gab^keine Antwort. Sie sah ihn an. Vielleicht wird er einlenken. Er trommelte weiter an die Fensterscheiben. Ihre Lippen bewegten sich zum Sprechen. Doch sie sprach nichts und schüttelte traurig den Kopf. Ihr Leben war nicht so glücklich, als sie vorausgedacht hatte. Leah war gegen ihres Vaters und ihrer Mutter Willen Lehrerin geworden. Die Nachbarn sagten natürlich: „Was? Kalmans des Dajen Tochter unterrichtet in einer öffentlichen Schule?" Auch Vater und Mutter waren außer sich, aber sie konnten nichts ausrichten. Leah war gut, schön, intelligent, aber sie war das einzige Kind und wollte nicht hören. Dann hatte sie Benjamin, der schon mehrere Jahre an der Volksschule unterrichtete, geheiratet — wieder ohne Zustimmung ihrer Eltern. Einige Monate nach der Hochzeit starb der Vater, aber die Mutter wollte nicht einen Moment daran glauben — aus Kränkung über seine Tochter, Gott behüte! Seine Lunge, das wußte sie ganz gut, war schon längst angegriffen, bevor noch! Leah Benjamin kennen gelernt hatte. Und schließlich waren sie ja keine schlechten Kinder. Sie liebte sie Aber alle Maßen, wenn sie auch nicht fromm waren. Wenn sie etwas Verbotenes taten, verzieh sie ihnen. Sie dachte: sie sind noch jung, sie werden schon gurückkehren . . . ., wenn sie erst Kinder haben, dann. . . . Sie tat, was sie nur konnte, um Gottes Strafgericht abzuhallen. Sie spendete Kerzen im Tempel und verteilte Almosen, so weit es ihre. Mittel erlaubte, sie las täglich einige Erttapsalmen. Segnete Leah die Sabbatkerzen nicht, so tat sie es, indem sie ihre Augen zum Himmel erhob und sprach: „O, Gott, ich tue dies .für Leah, für Leah: eines Tages wird auch sie die Lichter anzünden — sie wird schhn tzurückkehren hu dir." Sie wußte auch, daß die Speisegesetze nur aus dem Grunde eingehalten wurden, weil sie dem jungen Paare die Wirtschaft führte und sie dachte: Was sonst, sein möchte? Dafür bestraft Gott nicht. Er richtet das, xoas ist. Wenn es jetzt nur koscher ist! And jetzt begann fie so recht zu verstehen, wie verwitwet und einsam sie unter ihren eigenen Kindern hei, und sie gedachte früherer Zeilen. Und sie bemerkte auchwie oft Leah die Schwelle betrat, unentschlossen, ob sie eintreten und ihre Mutter trösten sollte, die in der Ecke weinte. Leah kehrte zu Benjamin zurück, ihre Augen verweint^ Er lag aut dem Ruhebett in voller Länge ausgestreckt und las ein Buch. Ms sieän ihm vorbeiging, schloß er das Buch und legte es auf seine Brust. Beim Fenster blieb sie stehen und wußte nicht, wie sie beginnen sollte. Endlich sägte sie : „Vielleicht bist du schon entschlossen, zu gHen?" und klopfte nervös an die Fensterscheiben. Er gab .ein energisches „Nein" zurück. „Aber die Mutter weint im anderen Zimmer." „Was kann ich tun?" Sie verbarg ihr Antlitz in ihre Hände und schluchzte: „Es ist wirklich dumm. Aber . . . aber warum soll sie sich wegen einer solchen Kleinigkeit grämen?" Er setzte sich auf und sagte: „Bin ich zu tadeln? Wir wollen doch frei sein! Du weißt, daß du der Mutter nicht in allem gehorchst, daß es tausend Dinge in unserem täglichen Leben gibt, die sie mehr kränken als dies, und wie oft wir ihre heiligen Gefühle verletzen — ohne daß wir es wissen. And nun wegen einer solchen Kleinigkeit". Leah ging im Zimmer auf und ab, zerrte an ihrem Taschentuch und erwiderte: „Za ich weiß, daß das nur eine Dummheit ist : aber man kann .... Es rührt dochdeshalb an keinem Prinzip. Wir sollten es um ihretwillen tun. Du siehst doch, sie will nicht essen und trinken, wenn das Geschirr nicht in der Weise gereinigt worden ist." g k„Soll sie Löbel, den Schammes, schicken?" „Sie schämt sicheinen Fremden damit zu «beauftragen, da ein Mann im Hause ist, der das tun kann." Sie lehnte sich an ihn und bat: „Ich will mit dir. gehen und dir das Geschirr tragen. Wegen einer solchen Kleinigkeit, warum soll sie sich so unglücklich fühlen!" Doch er: „Ich kann's nicht tun. Und du weißt, wie ich dich liebe. Zuerst, denk doch: Stehen und Teller im Flusse waschen und die Leute gehen vorbei. Dazu kann ich mich nicht bringen. Wir gestehen schon genug zu. Wir haben Mazzes für Pessach. Wir halten koschere Küche (wenn nicht, würde deine Mutter fortziehen und das wollen wir beide nicht) und da gibt's so viele kleine» Dinge, die wir tun und woran wir nicht glauben. Aber — ich will nicht klagen. Aber das Geschirr so auf der Straße waschen, das soll Löbel tun, wenn schon ein Mann dazu nötig ist. Ich kann's nicht und werd's auch nicht." Sie verließ das Zimmer, ihre Lippen bebten. Er rief ihr noch nach: „Schau, daß Löbel es tut!" Die Mutter stand über einem Korb, in den sie die Gerätschaften auseinander türmte. Vor einigen Jahren, als ihr Gatte noch lebte, erinnerte sie sich, war es genau so. Der alte Mann hielt sich in einer benachbarten Stadt bis zum Morgen des Sederabends auf, so daß kein Mann im Hause war, das Chometz wegzüräumen. Und da verrichtete sie die Zeremonie und so gut, wie nur ein Mann es hätte tun können. Und am Abend lobte sie ihr Mann hierfür. Und nun würde sie allein gehen und die Teller untertauchen. Zweifellos mußte sie auch das Chometz diesen Abend wegräumen. Sie wollte nicht einmal auf den Widerstand ihres Schwiegersohnes stoßen. Und ,ifn den paar Jahren, die sie noch zu leben hätte, würde sie hält noch viele Dinge allein tun müssen. Ein Seufzer entrang sich ihrem wunden Herzen, gerade, als Leah zu ihr trat. „Ich werde um den Schammes schicken" sagte sie in bestimmtem Tone. „Ich brauche niemanden", sprach die Mutter mit kummervoller Stimme. „Ich kann es selbst machen. Ich kann, Gott sei Dank, viele Sachen allein machen. Allein das Geschirr waschen . . . allein das Chometz wegräumen . . . allein denSeder vorbereiten... hie vier Fragen allein stellen, auch sfe allein beantworten, allein, alles allein." Ihre Stimme klang so hohl, als wäre sie die Unglücklichste, und dije Worte stieß sie hervor, als müßten sie eine Welt von Leid ausdrücken. Eintausend Grabgesänge wurden zu ihrem Gram gesungen und sie fühlte sich verurteilt, sie allein zu singen. Leah empfand die Sorgen ihrer Mutter und ihr Busen wogt in Mitleid und fie konnte kaum die Tränen zurückhalten. Sie wandte sich zum' Korb und rief mit erkünstelter Fröhlichkeit: Wart' doch, du hast sie nicht gut hineingegeben, sie werden zerbrechen. So, siehst du, so ist's besser." Die alte Frau lebte ein bischen auf, während Leah das Geschirr zurecklegte: „So ich will mit dir gehen und den Korb tragen". Die alte Frau drückte ihre Tochter an ihr Herz und küßte sie nachdenklich : „Eine Tochter ist doch eine Tochter", sprach sie vor sich hin. Leah verschwand in das andere Zimmer und kam mit einem weißen Tischtuch zurück und hüllte den Korb damit ein. Eine flammende Röte stieg in ihr Gesicht. Ihre Augen leuchteten. Die Mutter sah sie bewundernd an und sagte: „Ist es nicht eine Freude, eine fromme Handlung zu tun?" Leah überhörte dies: „Siehst du", sprach die