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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 22

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 22)
Language
German
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irn.iLMlAMW.' iSLffM&krSzTZT Seite 290 Dr. Bkrchs kratischen Instinkt heraus zunächst das Bestreben, die Herrschenden für ihre Ideen zu gewinnen. Erst nachdem Lassalle ihre Sprödigkeit erkannt hatte, eignete er sich als Devise den Vergilschen Vers an: b'leetere si nequeo superos Aclieronta uiovebo. In beiden Männern lebte neben dem politischen Talent das dichterische, aber dieses wurde von jönem schließlich besiegt. Ihr Formensinn verleitete beide in jungen Jahren zum Dandytum: Rassenerinnerungen und Romantik veranlagten Orientreisen. Sie suchten, ehe sie sich ganz der Gestaltung der Wirklichkeit zuwandten, in der Philosophie den Schlüssel für das Verständnis der menschlichen Natur, jenes Wissen, welches Macht ist. Beide verfochten die Autorität des Staates gegenüber dem bürgerlichen Freiheitsbegriff der Manchesterschule. Sie vergötterten den Genius und verachteten die öffentliche Meinung und die Zahl. Aber in Lassalles Leben entstand ein Bruch. Die Enge der deutschen Verhältnisse machte aus ihm, der von Haus aus aristokratisch gesinnt und ein Verächter der Massen war, da er sich zum antichambrierenden Lakaien zu gut befand, eineN Revolutionär. Er ist das Vorbild geworden für jene unglücklichen deutschen Intellektuellen, die, weil ihnen die Wirkung von der Höhe versperrt ist, Demokraten werden und von einer auf allgemeines Stimmrecht gegründeten Massenherrschaft eine höhere Schätzung geistiger und persönlicher Werte erhoffen, als sie die Schicht der jetzt in Deutschland Herrschenden gewährt.- Auch Lassalle konnte zwischen den Oberen und Unteren eine Zeitlang schwanken, fest stand nur, wie bei Disraöli, die Verachtung der ideallosen Verödung der Mittelklassen, die keinen Hauch mehr von den Dichtern und Denkern des deutschen Volkes verspürten. Dennoch ist diese deutsche Mittelklasse geistiger. Kesser, schöner und mehr zum Idealismus disponiert, als die englische, während in England die Aristokratie an Weitblick und liberaler Menschlichkeit der unseligen -überlegen ist. Darum war es möglich, daß sie schließlich doch Disra-lli in ihre Reihen aufnahm, während Lassalle der traurige Ruhm bleibt, Teile des deutschen Bürgertums (denn aus ihm, nicht aus dem Volke, ist die Sozialdemokratie hervorgegangen) für seine Theorien gewonnen zu haben, an denen die Bitterkeit des Ausgestoßenen haftet. Die Verantwortung, welche die Herrschenden bei uns durch die Verschmähung solcher Helfer auf sich nehmen, ist ungeheuer. Es gibt Naturen, die, wenn sie nicht Erzengel sein können, Lucifer werden. Nicht alle freilich, ja nur ein ganz geringer Bruchteil derer gehört dazu, die heute den Arm oder die Feder gegen die bestehende Gesellschaft richten. Seine ungeheure Zähigkeit erlaubte es Lassalle nicht, zu ruhen. Da er kein Herrscher werden konnte, wurde er ein Empörer. Auch bei ihm mischte sich mit der edelsten Form des Ehrgeizes die Disraelische Eitelkeit auf den äußern Erfolg, und das machte es doppelt gefährlich, diesem Manne die Tür zu weisen. Die Uebereinstimmung der beiden Charaktere ist so groß, daß man versucht sein könnte, in ihnen ein bewußtes Beispiel der Vorsehung zu erblicken, als ob sie hätte zeigen wollen, was unter entgegengesetzten Bedingungen aus demselben Charakter wird. An der Schwelle beider Laufbahnen steht ein günstiges Horoskop H. Heines, am Ende die Anerkennung eines Mannes, der schwer anerkannte. Bismarcks. Heine bewunderte Disraelis Jugendroman Cdntarini Fleming. In seinem Freunde Lassalle erblickte er die Hoffnung des jungen Deutschland. In demselben Jahre 1878, wo Bismarck der Persönlichkeit Lassalles im Reichstag öffentliche Anerkennung zollte, hat Lord BeaconsUeld (33. Disraeli) manchen Abend bei ihm allein in der Wilhelmstraße gesessen, nachdem die Reden des Berliner Kongreffes verhallt waren. Will man aus diesen beiden Schicksalen für Deutschland eine Lehre ziehen, so wäre es diese: Macht die Wochenschrift Nr. 17 Juden auf allen Gebieten gleichberechtigt, und in der Nächsten Generation hat der Radikalismus keine Führer mchr. Die einzige Schwierigkeit bedeutet die Armee, aber Maccabäer sind nicht allzu häufig unter ihnen; sie dürften sich im allgemeinen damit begnügen, Reserveoffiziere zu werden, und die Berufe des Richters und Verwaltungsbeamten bevorzugen. Wer auch bei strengster Auslese die Möglichkeit hat, aktiv an den Staatsgeschäften teilzunehmen, wird sich nicht unfruchtbarem Radikalismus ergeben, lleberhaupt ist der deutsche Radikalismus nichts anderes als ein Konglomerat unzufriedener und noch mehr konfuser Existenzen, mit der einzigen Wirkung, daß aus den hohen Stellen ausgeschlossenen Ehrgeizigen eine Miliz zur Verfügung steht. Nehmt dieser Masse ihre paar begabten jüdischen Führer und sie wird zu einem aussichtslosen Buschkrieg gezwungen. „Die Juden", sagt Disraeli in dem Roman „Coningsby", „sind ihrem Wesen nach Tories, und sie müssen mit jeder Generation mächtiger und gefährlicher werden für eine Gesellschaft, die ihnen feindlich ist." Was hat ihnen erlaubt, als einziges Volk der Antike Rom und das deutsch-römische Kaiserreich zu überleben und in dem neuen Reich wieder eine machtvolle Gruppe zu bilden? Zwei Prinzipien, die gewissermaßen die gesellschaftserhaltenden Essenzen sind: Familie und Religion. Die jüdische Familie Hält auch in den armen Schichten zusammen, ein religiöser Zug erfüllt den Juden auch noch da, wo er die Orthodoxie abgelegt hat. Der Jude verliert auch, wenn sein Leben mit nichts als Gelderwerb ausgefüllt ist, niemals ganz die Beziehung zu den geistigen Mächten und den Respekt vor ihnen. Die jüdische Frau findet sich in West- und Mitteleuropa nur ausnahmsweise in den Reihen der Deklassierten. Ihre Zähigkeit, die sie die Armut ertragen und leicht zu Wohlstand kommen läßt, macht die Juden zu Herren der dritten der staatserhaltenden Mächte: des Besitzes. Es liegt auf der Hand, daß eine Rasse, die Familie, Religion und Besitz hoch hält, nur faute de mieux revolutionär ist. In England, wo die Juden gleichberechtigt sind, gehören sie vorwiegend der unionistischen Partei an: wo sie auch immer Minister wurden, haben sie, wie in Italien, sich immer mehr als verständnisvolle Erhalter, denn als verwirrte Visionäre oder feindselige Auflöser gezeigt. Mit der IudeNbefreiung würde übrigens Deutschland mehr gewinnen, als die Juden selbst. Der hohe Grad ihrer außergewöhnlichen intellektuellen Eigenschaften (es gibt kaum dumme Juden, und selbst die mittelmäßig begabten unter ihnen bilden die kleinere Klasse) ist vielleicht nicht zum mindesten gerade ihrer Abschließung zu verdanken. Wenn sie aus ihrer Sonderstellung, die jeden einzelnen bis zu einem gewissen Grad ungewöhnlich macht, herausgetreten sind, dann werden sie vielleicht ebenso trivial, wie die Durchschnittsmenschen ihrer Wirtsvölker. Sieht man von den aus Deutschland ausgewanderten Juden, die noch Beziehungen mit der Heimat unterhalten, ab, dann kann man nicht sagen), daß englische oder amerikanische Juden über dem Durchschnitt ihrer Umgebung stehen. Die Sephardischen. d. h. über Nordafrika und Spanien gewanderten Juden, welche an der Blüte und dem Niedergang ihrer Wirtsvölker unbehelligt teilgenommen haben, scheinen geistig ebenso erschöpft zu sein, wie die Westeuropäer. Vielmehr dürfte die Kraft der Rasse heute vorwiegend in jenen Askenaffm liegen, die, über Rußland und Polen gewandert sind, bis zu Anfang dieses Jahrhunderts ins 'Ghetto gesperrt waren, sich dann plötzlich regen durften und innerhalb 100 Jahren jene Fülle bedeutender jüdischer Männer mit deutsch klingenden Namen über die ganze Welt gesandt haben. Wenn wir ihnen gleiches Recht geben, so werden sie wohl unter uns manche sonderbare Eigenschaften bewahren, aber sich schließlich doch dem mitteleuropäischen Vewegungsrhyth-

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