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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-04-14 · 15 (14.4.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 15 DPa Bloch’s III Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Zudentums. OGp C ~ü o A. k. Postsxarkäffermmt leartng-Verk ebr Br. 810.976. Redaktion und Administration: » V i r n IX/i, Hahugaffe Nr. 15. 5 Xelefon Nr. 14.847. nO ■ On -□:_:□- Wien, 14. April 1911 Lrscbeint jeden Fr et tag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O (j■ ■■ ' 1 .. ■ *0 o p Vrrugspreis für Vrsterreirh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal» 2 tene Petttzeile 24 Heller. G OQ -Oo Inhalt: Leitartikel: Passah! — Intervention für die marokkanischen Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Paal Singer und Fritz Austerlitz. Schädigung des Rechtsgedankens durch die Renegaten. Russische und rumänische Konsuln über die Juden. Die Geschichte der jüdischen Journalistik in Rußland. Fogazzaro und die Inden. — Ein böser Krach in Jerusalem. — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen Sitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 9. April 1911. Die Juden im Krakauer und Lemberger Gemeinderate. Zur Demission gezwungen. Nachruf nach e nem jüdischen Künstler. Ackerbautreibende Juden in Algier. Der russische Synod und die Jca. Nur ein Pogrom-Andenken. Echt russisch. — Vermischtes. — Feuilleton: Peffach. Lcdoä mi jodea. Das jüdische Bekenntnis als Hinderungsgrund bei der Beförderung zum preußischen Reserveoffizier. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Passah! - Betrachtung von I d a Oppenheim. Götter glauben ist kindisch Gott leugnen ist Wahnsinn Gott suchen — alles. F. Dahn. Die Kraft des Winters ist gebrochen. Grollend in eisigen Stürmen, in Hagelschauern und starrem Frost sucht er die Erde noch einmal wieder in seinen Bann zu zwingen. Doch der nahenden Sonne siegend wärmende Lichtslut dringt in die erstarrte Truste und erweckt zarte Keime zum Werden und Wachsen. Langsam zieht es wie Frühlingsahnen durch alle Todesstarrheit der Natur, neues Leben regt sich und wendet sich dem allsiegenden Lichte entgegen. Der Frühling ist da. — Wir Haben ihn vernommen. Der Erde beginnender Pulsschlag beginnt ihn zu fühlen. Alles in ihr und auf ihr ringt nach Freiheit, nach Entfaltung. Wie Siegesjauchzen zieht es durch die linden Lüfte. Ein klingen, ein Blühen, ein Duften durchweht das All. Ueberall Glanz und Licht, überall frohes Erwarten, Hoffen, Neuerstehen. Inmitten dieser gesegneten Tage voller Blühen feiern wir die Erinnerung an die Wiederkehr eines seltsamen Ereignisses, das unseren Vorfahren nach dem dunklen Winter , der Schmach und Knechtschaft den Frühling der Freiheit gebracht. Die Enterbten, Gequälten, die Gefangenen, die Hei- . matlosen, suchten ihren Gott-, und er zeigte sich ihnen und führte sie aus dem Hause ihres Frohndienstes in die Freiheit, in das Land der Verheißung. Er vernichtete ihre Feinde, gebot den Wassern, still zu stehen, teilte sie und ließ sein Volk hindurchziehen, sein Volk, das ihn gesucht in Not und Bedrängnis. Wir hören die Folge der Ereignisse aus jenen Tagen von neuem alljährlich erzählen und . folgen ihnen immer mit anderen Empfindungen m den verschiedenen Lebensaltern. . , V _ . Zuerst nimmt das große Wunder, das Gott unseren Vorfahren erwiesen, unsere kindlichen Seelen gefangen. Wir lauschen in andächtigem Glauben jenen alten, längst vergangenen Geschehnissen, und Ehrfurcht vor dem Unfaßlichen läßt uns schweigen und bewundern. Von Jahr zu Jahr klingen mehr und mehr fremde Stimmen aus der lauten Welt an unser Ohr, wir beginnen grübelnd zu zweifeln, zu belächeln, Kritik zu üben. Wir stürmen dem Leben entgegen, suchen andere und neue Ziele, ferne Ideale. Wir straucheln und fallen. Das Leben zwingt uns und reißt uns nieder. Bang, in herbem Trotz, schauen wir um uns und Bitterkeit schwellt unsere Seele. Wo ist unser Halt geblieben, der Stab, der die losenden Wasser in unserer Brust teilt und uns über Gefahren und Klippen an das ersehnte Ziel bringt. Wir haben ihn verloren in der brandenden Hochflut des Lebens. Er ist uns entglitten, da wir glaubten, seiner Stütze zu entbehren. Mit wachsendem Verständnis, nach tausend Enttäuschungen, nach endlosem Irren und falschem Streben stehen wir mit wundem Herzen und müder Seele eng gebannt, gleich Aegyptens Knechten, vor der verschlossenen Pforte der Freiheit und suchen nach dem Stab, sie zu öffnen. Wir haben die Weiten der Welt durchmessen. Unsere Gedanken haben sich geschärft und gestählt durch eifriges Forschen, wir glauben, vertraut zu sein in den tiefsten Geheimnissen des Alls. Schritt für Schritt sind wir siegend über alle Klippen dahingegangen und hofften und glaubten noch die letzten Grenzen zu überschreiten. Da wird plötzlich unserer Ohnmacht von einer geheimen Macht ein Halt geboten. Wir weichen zurück. Mit Schmerz erkennen wir, daß wir Knechte geblieben, unfrei trotz aller Erkenntnis, aller Errungenschaften des Wissens und Forschens. Langsam erhebt sich aus Nebel und Dunkel der Lichtgedanke der Wahrheit in unserer Seele. Wir lernen begreifen, daß es eine Macht gibt, die wir längst gefühlt, geahnt, die in uns lebt und schafft, die wir suchen müssen, doch die wir nie vollkommen begreifen, noch erschöpfen können.

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