Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. Vlochs Wochenschrift Sette 222 Nr. 14 Wahlzeit. Dann allerdings ist auch den deutschnationalen Kandidaten, welche sonst bei jedem Frühstück einen Juden verzehren, das Mandat eine jesuitisch-liberale Rede wert. ^Hoffentlich werden sich die Juden aber von diesem politischen Pharisäertum der Deutschen aller Kouleurs nicht täuschen lassen. Die Juden waren es, welche in den Sudetenländern dem Deutschtum kolossale Opfer gebracht haben, sehr oft ihre ganze Existenz. Jetzt werden sie aber mitleidslos aus einer Gemeinbürgschaft ausgeschlossen, welche man besser als eine, gemeine Wahl- und Packelbürgschaft bezeichnen könnte. Wir sind immer auf dem Standpunkt gestanden, daß die Juden die Politik ihrer eigenen Interessen machen sollten, statt sich an einen Volksstamm anzubiedern, welcher sie höhnisch und beleidigend zurückweist, von welchem auch die Titularliberalen immer nur höchstens gemäßigte Antisemiten waren. Trotz allen Erfahrungen hat es aber noch bis in die letzte Zeit deutschnatiouale Juden gegeben, welche die Hoffnung auf eine Besserung und auf eine Anerkennung ihrer großen Dienste nicht aufgeben wollten. Nun haben sie die Antwort, welche ihnen hoffentlich auf lange hinaus gründlich genügen dürfte. Die Deutschen verbünden sich mit den christlichsozialen-klerikalen Antisemiten und schließen so die Juden aus. Daraufhin darf es bei diesen nur eine Wahlparole geben, wenn sie noch einen Rest von Stolz besitzen: Der schöne politische Zweibund muß mit aller Macht bekämpft, seine Gegner mit allen Mitteln unterstützt werden. Man lasse sich nicht von den Versprechungen eines einzelnen Kandidaten ködern, welche dieser in der Not der Mahlzeit gibt. Wenn er dann einmal im Parlamente sitzt, wird er den Weisungen der Christlich-Sozialen schon folgen. Es soll ein deutscher Nationalverband mit Geßmann an der Spitze gegründet werden. Diese traurige Gestalt strebt der Schwelle des zweiten Volksparlamentes zu. Um sie kleiner zu machen und auf ihrem Wege aufzuhalten, müssen jetzt die Juden, speziell der Sudetenländer alle ihre Kraft und die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel mit aller Energie anwenden. Z« btn bevorstehenden Kerchsratsrnahlen. Das österreichische Abgeordnetenhaus wurde vom Baron Bienerth vor Ablauf seiner Legislaturperiode aufgelöst. An dieser Stelle erachten wir es nicht für notwendig, uns mit den Gründen der vorzeitigen Auflösung zu befassen, vielmehr erblicken wir darin unsere Aufgabe, die politische Taktik, die die österreichische Judenschaft bei den bevorstehenden Wahlen zu beobachten hätte, zu skizzieren. Außerhalb Galiziens kann man in gar keinem österreichischen Grönlande. bis auf zwei Wiener Wahlkreise (im 1. Bezirk das Kaiviertel und im 2. Bezirke der erste Wahlkreis desselben) von einem spezifisch jüdisch politischen Standpunkt, der die Juden bei den Wahlen leiten soll, sprechen. Das politische Verhalten der galizischen Judenschaft und die gegenwärtige Situation im polnischen Lager muß daher im Vordergründe unsrer Betrachtungen stehen. Auf Grund der Beck'schen Wahlreform vom Jahre 1907 existieren gegenwärtig in Galizien 15 bis 18 Wahlkreise, die eine ausgesprochen jüdische Majorität besitzen, außerdem gibt es einige Wahlkreise mit einer sehr starken jüdischen Minorität, die alle für einen jüdischen Kandidaten deshalb nicht schwer zu haben wären, zumal man mit Bestimmtheit annehmen darf, daß die Ruthenen Ostgaliziens bei einer Stichwahl für alle Fälle dem Juden eher als einem Polen ihre Stimmen geben werden. Wenn aber trotz dieses Umstandes bei den letzten Wahlen in Galizien im Ganzen nur zehn Juden gewählt wurden, von denen 4 Mitglieder des Polenklubs 2 Sozialdemokraten, 3 Zionisten und nur einer unabhängiger Jude war, so war dies das Resultat der Tatsache, daß die Juden bei den letzten Wahlen ziel- und planlos in den Wahlkampf zogen, ohne untereinander eine Einigung herbeizuführen und noch weniger mit dem in Galizien noch lange dominierenden Polenklub.. Die Haltung der galizischen Juden bei den letzten Wahlen hat äffö äereigt, daß sie selbst infolge ihrer Uneinigkeit am allermeisten dazu beitrugen, daß die Zahl der jüdischen Mandatare eine so geringe war. nicht wenig Zum Schaden des gesamten österreichischen Judentums. Doch wir wollen die maßgebenden Personen von damals heute nicht mit Vorwürfen für vergangene Fehler belasten. Die Ereignisse ßamen überrascht, es wurde tzum erstenmale auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts gewählt und sie haben nicht die Erfolge oder Mißerfolge voraussehen können. Wenn wir also die Herren für die begangenen Fehler nicht verantwortlich machen, so kann daraus nicht "die Schlußfolgerung gezogen werden, daß man diesmal genau so handeln darf. Vor dem Partei- und persönlichen Interesse steht das Interesse von 800.000 Menschen, aber auch den Juden außerhalb Galiziens kann es nicht gleichgültig sein, ob aus Galizien ein Jude mehr oder weniger ins Parlament entsendet wird. Schon lesen wir, daß die fteisinnigen bürgerlichen Deutschen mit Christlich-Sozialen ein Kompromiß schlossen und wenn man nicht vergißt, wie gemeinsam der deutschnationale Verband mit den Christlich-Sozialen im letzten Abgeordnetenhause arbeitete selbst ohne vorheriges Kompromiß, hat man eine Ahnung, wie es also wird in Zukunft aussehen. Resolutionen Schmidt's wird's dann viele geben und ob sie auch nur bloß Resolutionen bleiben, kann niemand Voraussagen. Der galizischen Judenschaft bleibt es Vorbehalten, dafür zu sorgen, durch ein gemeinsames Vorgehen aller politischen Elemente im Lande soviele jüdische Mandate als nur möglich zu erreichen. Bei den eigenartigen Verhältnissen des Landes muß jeder ruhig und nüchtern denkende Politiker zugeben, daß vorläufig in Galizien nur mit Hilfe des Polentlubs Positives erreicht werden kann, der Abgeordnete des Judenviertels von Krakau, Dr. Adolf Groß, der dem alten Hause als unabhängiger Jude angehörte und>> der als ernster Politiker zu gelten verdient, kam ebenfalls zu dieser Ueberzeugung und wie die Tagesblätter melden, wird er sich für den Fall seiner Wiederwahl dem Polenklub anschließen. Der.Polenklub von heute, mit seinen fünf Fraktionen, ist nicht mit dem einheitlichen wohl disziplinierten Polenklub zur Zeit Grocholskis oder Jaworskis zu vergleichen. Das allgemeine Wahlrecht hat die jüdischen Massen zum Selbstbewußtsein geweckt, mit welcher Tatsache der Polenklub ernstlich rechnet., Die Juden, die in denselben fünfzehn Mann stark eintreten würden, könnten nicht nur auf ihn, sondern auch auf die Regierung in vielen Fällen einen starken Einfluß ausüben. Möge man uns ja nicht kommen mit der Phrase, daß der Polenklub antisemitisch ist, er selbst hat gar kein Programm und niemals haben seine Mitglieder einen antisemitischen Antrag im Hause eingebracht oder auch nur unterstützt. Die Resolution Schmidt hätte im Hause die Majorität erreicht, wenn nicht der Polenklub wie ein Mann gegen dieselbe stimmte. Mit dem Programm, jüdische Jnteressenpolitik und soviele jüdische Mandate als nur möglich zu erreichen, sollen die Juden Galiziens in den Wahlkampf treten. Die konservativen Polen unter der Führung Bilinski's. die Demokraten mit Profeffor Petelenz und die polnischst Volkspartei mit Stapinski an der Spitze, die von den Allpolen, deren Programm in der Judenfrage nicht wesentlich besser ist, als das der Deutschnationalen, bekämpft werden, würden für den Falk, daß sich die Juden entschlössen, dem Polenklub beizutreten, gewiß klug Handels wenn sie ihnen ihre Hilfe nicht entzögen. Die eigenartigen Verhältnisse des Landes und der dortigen Juden erheischen es, daß nur Landeskinder, also Personen, die im Lmde geboren und im Lande leben oder gelebt haben, sich dort um