Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVIII Zentralorgan kür die gesamten linteressen des Judentums. Wien, 17. März 1911 Lrscbetnt jeden Freitag. -> Brief-Adresie: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. * Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. OCr -. -=00? Brxugsprris für Vrstrrrrich: ^7 Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare SO Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. «, Anzeigen: Die 4malgesyaltene PeMzeile 24 Heller. G nO ..- — - -—-Oo — ' ■ ~ü O A. ft. Pofisparftaffrnarnl Siearing-Verk ebr «r. 810.976. Redattion und Administration: e Dirn IX/1, Hahngaffe Nr. 15. ü} Telefon Nr. 14.847. oP ■ —- Oo Inhalt: Leitartikel: Ein Heim für verkrüppelte Judenkinder. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Juden- und Ziontstendebatte im türkischen Parlament. Ein jüdischer Major der australischen Armee. Ein wackerer alter Krieger. Zur Getfrqge in England. Em katholischer Blschof über das Judentum. — Korrespondenzen: Fortschrittlicher Bürgerverein »Donauclub". Die dieswöchentlichen Wahlen der Wiener Handelsangestellten. Wien. Die neuesten Kunden der Felizianerinnen. Ein jüdischer ReligionKlehrer Mitarbeiter einer antisemitischen Zeituuz. Der jüdische Volksrat der Bukowina. Ein jüdischer Oberstadthauptmann gegen das jüdische Volkslied. Ein Rekord in Mischehen. Steinhorst. Chacham Baschi und russischer Botschafter. Kopenhagen. Ein Bilderalbum über die jüdische Emigration. »Man zwingt mich von Petersburg aus . . Große Spende. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Interview mit König David. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Gi« Heim für verkrüppelte Indenkinder. (Zur Generalversammlung des Vereines für das jüd. Kinderheim in Laa bei Neulengbach.) Von aller Not, von jedem Elend ergreift uns wohl am meisten das der Kinder, welche auf die Menschlichkeit der Erwachsenen angewiesen sind, weil bei ihnen selbst die Kräfte des Körpers und Verstandes zur Selbsthilfe nicht hinreichen. Unendlich aber wird das Erbarmen, wenn bei dem armen Kleinen keine Hoffnung auf eine Besserung und auf eine glücklichere Zukunft übrig bleibt, weil zu allem Bösen die Natur seinen Körper stiefmütterlich bedacht, ihn zum Krüppel gemacht hat. Wenn der Anblick andrer Kinder beim Erwachsenen ein Gefühl des Wohlgefallens auslöst, sein Anblick erregt Widerwillen, wirkt abstoßend. Welche Bitternis wohnt nicht in der Seele eines solchen ohnmächtigen Menschenkindes, wenn es neben sich gerade und starke Menschen heranwachsen sieht, welche fröhlich den Kampf mit dem Leben aufnehmen, seine Freuden erringen und genießen. Es ist nicht nur die Entsagung von allen Genüssen, welche den Verkrüppelten niederdrückt und zur Verzweiflung bringt, es ist auch die Angst vor der ungewissen Zukunft, das Bewußtsein der Nutzlosigkeit und vor allem der Hilflosigkeit. Wehe dem, der auf das Erbarmen angewiesen ist! Wenn rings um den Krüppel die Familie heranwächst und sorgt, dann nimmt ihm diese wenigstens die Furcht vor dem Hunger und dem Verderben ab. Eine Mutter beglückt ihn mit ihrer Liebe. Aber wenn kein Mutterauge mehr wacht und weint, keine Liebe ihren Sonnenstrahl in das dunkle Dasein eines solchen unglücklichen Menschenkindes sendet, dann wächst das Unglück zu unendlicher Größe an und wahre Märtyrer des Daseins schleppen sich vor die Türen, die Gnade der Wohlhabenden zu erflehen. Man sollte es nicht glauben, daß diese Katastrophe noch gesteigert werden könnte. Aber der unglaublich traurige Fall tritt ein, wenn es sich um einen verlassenen Krüppel handelt, der als jüdisches Kind geboren ist. Nie-, mals >wird der Antisemitismus so sehr zur Gesinnung der Kanaille, als wenn er sich auf dem Gebiet der Wohlfahrt und Wohltätigkeit betätigt. Und er tut es. Die Juden werden nicht nur von den Bürgerrechten bei Anstellungen und Lieferungen, sie werden auch von den Menschenrechten bei vielen Stiftungen und Gaben ausgeschlossen. Hat man nicht im Vorjahre die jüdischen Studenten mit Gewalt von der von jüdischen Geldern gestifteten Llevsa aeuäewiea ausschließen wollen, welche ihnen die einzige Gelegenheit bietet, ihren Hunger zu stillen? So zeigt der Antisemitismus seine abscheuliche Feindseligkeit auf Gebieten, auf welchen bei allen Kulturmenschen Kämpfe und Hetzen schweigen, weil die Gegner keine Kraft zum Widerstande haben. Dieser Hatz trifft auch mit Keulenschlägen den jüdischen Krüppel, wenn er die schwache Hand nach den Groschen ausstreckt, welche gutherzige Menschen für hilflose Menschen geschenkt und testamentarisch zurückgelassen haben. Wenn auch die Widmungen ursprünglich dem Elend ohne Unterschied der Konfession gehört haben, so hat es doch die Sitte unserer rückständigen Zeit gebracht, daß das noch so stark begründete Gesuch des jüdischen Krüppels nur im Falle eines Wunders Berücksichtigung findet. Was soll das arme, zurückgewiesene Geschöpf tun, wenn es keine Familie hat? In ein Spital wird es nicht aufgenommen, denn für Unheilbare haben Krankenhäuser keinen Platz. So kann sich denn der arme kranke Krüppel in jedem Wetter durch die Straßen schleppen und bettelnd an die Nachsicht der Polizei und die Einsicht der Vorübergehenden appellieren. Daher hat sich denn ein jüdischer Verein vor zirka 11 Jahren gegründet, um den Worten unseres gütigen Kaisers vom Wohltätigkeitssinn der Juden Ehre zu machen. Es galt die klaffende Lücke zu schließen, welche sich durch das unversorgte dreifache Elend des verlassenen armen jüdischen Krüppels ergab. Sollen wir den christlichen Mitbürgern nachstehen, welche den Unheilbaren längst ein Asyl der Barmherzigkeit errichtet haben? So hat man denn mit hingebender Liebe in Laa bei Neulengbach ein Kinderheim errichtet, welches sich armer, gebrechlicher jüdischer Kinder annrmmt. Mau sollte meinen, daß dieses Heim bei seinen hervorragend edlen Zwecken über hinreichende, wenn nicht reiche Mittel