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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-03-03 · 9 (3.3.1911) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 146 Dr. MxHs WoKenschrift. fes ein. Schließlich wurde der Gesetzentwurf mit 208 gegen 138 Stimmen einer Kommission (der Kommission für die Fragen über die persönliche Unantastbarkeit) überwiesen und für die Ausarbeitung des Entwurfes die Frist von einem Monat bestimmt. Früchte des Antisemitismus in England. Eine interessante Aufgabe ist es. in der Kulturgeschichte der Völker dem Entstehen und Schwinden nationaler Eigenschaften nachzugehen. Die Engländer gelten als das Volk der persönlichen Freiheit, und heute müssen wir mit der Tatsache rechnen, daß dieses Volk, das auf Traditionen so stolz ist, mit seiner stolzesten Tradition in absehbarer Zeit brechen wird. Die Frage des Militärzwanges wird in manchen Kreisen bereits schüchtern erwogen, und der erste Schritt auf dem Wege der Einschränkung der Asylfreiheit ist mit dem Fremdengesetz von 1905 bereits getan. v i Noch gilt England als das Land der Freiheit: aber der auch im Inselreich sich verbreitende Antisemitismus scheint wie in anderen Ländern, so auch hier, mit seinem Gifttrank verwirrend zu wirken. Die durch den regen jüdischen Geist sich in ihrer Ruhe bedroht sehenden Konservativen sind es, die mit Beharrlichkeit gegen die Einwanderung arbeiten. Bereits nach der Eröffnung des Parlaments durch König Georg V. beauftragte die konservative Partei des Unterhauses ihr Mitglied Croft, den Minister des Innern zu fragen, „ob die Regierung in Anbetracht der letzten verbrecherischen Anschläge in Ost-London gesetzgeberische Maßnahmen zur Verhinderung der Landung unbemittelter Ausländer zu empfehlen gedenke" — die mit anderen Sorgen belastete liberale Regierung verneinte selbstredend die Frage —, und seitdem wird die konservative Presse nicht müde, täglich Hetzartikel gegen die Fremden in London, besonders im Londoner „East-End" zu bringen. „Daily Telegraph" begann gleich nach dem Houndsditcher Morde, „Evening News" folgte, und jetzt sind „Standard" und „Times" an der Reihe. „Standard" bringt seit einiger Zeit Tag für Tag grausige Schilderungen aus dem „East-End" und fordert das englische Volk auf, der Gefahr, die diese „Fremden" bilden, entgegenzutreten. Natürlich wird auch in den Klubs ein systematischer Redefeldzug gegen die „Fremden und Anarchisten" geführt. Daß man mit falschen Zahlen arbeitet, verschlägt in der Politik ja weiter nicht. Denn in Wirklichkeit bilden die Anarchisten nur einige kleine bedeutungslose Gruppen und ist England schon längst kein Einwanderungsland mehr (im letzten Jahre wanderten 610.776 Personen ein und 597.506 aus, bleibt also eine Vermehrung von 13.270 Personen). Als wahrer Grund bleibt einzig der Antisemitismus. Sehr richtig wird hierüber dem „Berl. Börs.-Cour." wie folgt geschrieben: „Schon die erste Frewdenbill war nur antisemitisch begründet. Die Konservativen sehen, daß die armen Juden in Whitechapel ihre Kinder vielfach akademischen Berufen zuführen, für die bis jetzt in England weaen des sozialen Konservatismus nur Reiche und Adelige in Betracht kamen. Nun erhebt sich eine Bevölkerungsklasse, die erst vor kurzem ins Land gekommen, und versucht es, den ganzen bisherigen Zustand zu revolutionieren und ein „intellektuelles Proletariat" zu schaffen, das destruktive und revolutionäre Kräfte in seinem Schoße bergen muß, weil es in Armut aufgewachsen und mittellos ist. Die rnffischen Juden aber, deren Zahl sich in Ost-London auf ungefähr 150.00Q und im ganzen vereinigten Königreich auf eine Viertel Million beläuft, haben Rußland verlaffen, weil sie ihren Kindern wegen der in Rußland herrschenden Judennorm (5—10 Prozent der gesamten SchAerzahl) überhaupt keine Erziehung angedeihen lassen konnten. Die Juden in Whitechapel arbeiten schwer und leben schlecht, um ihren Kindern ein Studium in Cambridge und Oxford zu ermöglichen. Wegen ihrer Begabung und ihres Fleißes, der ihnen bedeutende Nr. 9 Schulstipendien einbringt, erregen sie mehr Neid und Furcht als Bewunderung. Diese Aerzte, Anwälte, Ingenieure u.s.w. werden sicherlich keine Fahnenträger des Konservatismus sein. Die Konservativen können die Erziehungsideale der in England ansässigen russischen Juden nicht mehr ändern und können keine Ausnahmegesetze für diese Juden, die schon zum großen Teil englische Staatsbürger sind, schaffen, aber durch eine neue Fremdenbill, die die Landung von russischen Juden in England unmöglich machen soll, wollen sie einem sozialen Prozeß ein Ende machen, der, wenn er sich ungehindert weiter entwickelt, ihnen viel Abbruch tun und vielleicht sogar auf das ganze System der englischen Bildung und mithin der Politik nicht ohne Einfluß bleiben kann. Daß dieser Grund der einzige ernste ist, der die Konservativen zu ihrer wilden Fremdenagitation veranlaßt, beweisen zur Genüge die Artikel des „Standard" und des „Daily Telegraph", die einen Stöcker zum Verfasser haben könnten. Im übrigen ist es weniger gefährlich, mit Judenhaß als mit Deutschenhaß zu spielen, und die konservativen Vaterlandsretter müssen immer einen Feind in Bereitschaft haben." Vermischtes. Nach Schluss des Blattes erhalten wir aus Bukarest die telegraphische Mitteilung: In der heute in dem grossen Saale »Dacia« stattgehabten Versammlung der Regierungspartei gab der Minister des Aeussern Majoresku folgende Erklärung ab: Ich bin von Sr. Exzellenz dem Ministerpräsidenten ermächtigt, namens der Regierung, sowie auch im seinem eigenen Namen das im Pariser >Figaro« erschienene Interview mit Sr. Exzellenz dem Ministerpräsidenten in puncto der rumänischen Judenfrage entschieden zu dementieren. Der Heir Ministerpräsident hat es abgelehnt, über diese Frage sich irgendwie zu äussern. Wien. (Chewra Kadifcha.) In einer der letzten Nummern - dieses Blattes wurde berichtet, daß gelegentlich einer geselligen Zusammenkunft des Vorstandes und der . Delegierten der Chewra Kadifcha, der Präsident der letzteren, Herr Salo Cohn, in gewohnt hochherziger Weise einen Betrag von Kronen 1000.— zur Gründung eines Fondes widmete, dessen Erträgnis zur Erteilung von momentanen Unterstützungen an besonders dürftige Hinterbliebene von Verstorbenen bestimmt ist und daß die Herren Vorsteher der Chewra Kadifcha, Iakob Kann und Karl Lemberger, der erstere Kronen 500.—, der letztere Kronen 300.—dem gleichen Zwecke widmeten. Angeregt durch diese schönen Beispiele wohltätiger Gesinnung, hat nunmehr auch der Delegierte, Herr Iakob W e i ch s e l b a u m zur Stärkung dieses Fondes einen Betrag von Kronen 300.— gewidmet. Wie». (Chewra - Kadifcha.) Das feierliche Reqgiem für die im abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitglieder der Chewra-Kadischa findet Montag den 6. März 1911, halb 7 Uhr, im Gemeindetempel, II., Tempelgasse, statt. Wien. Der Vorstand der Chewra-Kadischa des XVI. und XVII. Bezirkes in Wien veranstaltet Montag den 6. März l. I. um 6 Uhr abends im Tempel, XVI., Hubergasse 8, für seine verstorbenen Mitglieder ein Requiem. Wie«. Der Vorstand der „Chewra-Kadischa" im XVIII. Bezirk veranstaltet am Montag den 6. März 1911 um V26 Uhr abends im Gemeindetempel, XVIII., Schopenhauerstraße 39, eine S e e l e n a n d a ch t für die seit dem Jahre 1881 verstorbenen Mitglieder. Wien. (Chewra-Kadischa „Fünfhaus".) Am Montag den 6. März a. c. um 5V, Uhr abends findet ein Trauergottesdienst für verstorbene Mitglieder und den jüngst verstorbenen Freiherrn Albert v. Rothschild im Kultustempel „Fünfhaus", Turnergasse 22, statt. Die Mitglieder der Chewra, sowie die Angehörigen der Verstorbenen und Gäste find eingeladen, dieser Trauerfeier zahlreich beizuwohnen. Anschließend an diese Trauerfeier findet um?V- Uhr abends eine Chewra-Suda inStraßersSälen,XIV.,Reindorfg.3, statt.

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