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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-02-17 · 7 (17.2.1911) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seife 105 Dr. Hammerschl ag, Dr. Mi ko sch, Neurath, Raumann, Regierungsrat W i s m e y e r; von der Bodenkreditanstalt: Vizegouverneur Julius Herz, Verwaltungsratsmitglied Leopold Prinz Croy; Bankverein: die Direktoren Popper, Marcus, Kur an da; Länderbank: Gouverneur Graf Montecuccoli, Generaldirektor L o h n st e i n, Verwaltungsratsmitglied Baron Biedermann, Verwaltungsratsmitglied Hamburger, die Direktoren R o t t e r und Kraus; von der Niederösterreichischen Eskomptegesellschaft Direktor v. K r a ß n y; Wechselstubenaktiengesellsckaft „Merkur": Präsident Dr. Brettauer; Anglobank: Präsident Morawitz, Generalrat Dr. Landesberger, Wetzler, die Direktoren Korner, Adolf Landesberger, Schwarz, Sekretär Richter; Ungarischen Kreditbank: Magnatenhausmitglied v. Ul mann. Oberkantor Don Fuchs, begleitet von den Ersten Kantoren Jurberger und Serebrenik und dem Sulzer'schen Chorpersonale des Stadt- und Leopoldstädter-Tempels, brachte die Gesänge zum Vortrag. Dann hob man den Sarg und trug ihn durch das Vestibüle und den Vorhof vor das Haupttor des Palais. Vor dem Tore stand der einfache Leichenwagen. Der Sarg wurde auf den Wagen gehoben und der Trauerzug setzte sich nach dem Zentralfriedhofe in Bewegung. Bis zum Gürtel hinaus stand das Publikum. Auf dem Zentralfriedhof wurde der Sarg in die Halle getragen und auf die niedere Bahre gestellt. Hierauf hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann folgenden Nachruf: Wenn ich an seiner Bahre das Wort ergreife, so vermeine ich seine dringende Bitte um Kürze zu vernehmen, die er an mich zu richten pflegte, wenn ich, was leider wiederholt geschah, einem Mitgliede seiner Familie den Nachruf zu halten hatte. Ihm selbst aber einen längeren Nachruf zu halten, würde vollends seinem Wesen widersprechen. Nicht bloß wegen seiner großen Bescheidenheit, sondern weil er wußte, daß das Beste an einem Menschen der Verschwiegenheit angehört. Bei dem englischen Dichter, den er gern las, heißt es in einer Leichenrede: „Was Menschen Uebles tun, das überlebt sie, das Gute wird mit ihnen oft begraben." Das Erstere brauchte er nicht zu fürchten, das Letztere aber besorgte er selbst. Er hat viel Gutes öffentlich getan, aber noch weit mehr hat er in seiner Verschwiegenheit begraben. Größer als seine vornehme Stellung war seine vornehme Gesinnung, und wenn ihm jene Gelegenheit bot, helfend, ja rettend zu wirken, so zog diese den Schleier der Verschwiegenheit darüber. So will auch ich seinem Wunsche willfahren, damit es nicht scheine, als ob meine Worte seinen Charakter vergrößern würden, während sie nicht an ihn hinanreichen. Aber eine von seinen vertraulichen Aeußerungen, die ich im Laufe von vierzig Jahren von ihm vernommen habe, muß ich doch erwähnen, weil fie seine Stellung zu unserem Glauben beleuchtet, und ich halte es geradezu für meine Pflicht, diese Note anzuschlagen, damit man erfahre, wie er als Jude von sich dachte. Er sagte mir einmal vor vielen Jahren, aber die Worte sind trotz der langen Zeit mir in der Erinnerung geblieben : „Wenn ich jemals etwas tun sollte, womit ich nach Ihrer Meinung dem Judentum Unehre bereiten würde, dann bitte ich Sie, mich darauf aufmerksam zu machen." Er hat mir nie dazu Gelegenheit gegeben. So will ich denn mit dem Wunsche von ihm Abschied nehmen, den einst — nach den Worten unserer Weisen — ein Wanderer an einen Baum richtete, der alles besaß, was ein Baum nur wünschen kann. Auch er war ein solcher Baum, jener Wunsch aber lautete: „Mögen Deine Sprößlinge Dir gleichen!" Hierauf wurde der Sarg in der Rothschild'schen Familiengruft beigesetzt. vom Jahrmarkt des Lebens. Paul Singer. Wie von allen Seiten rühmend hervorgehoben worden ist, ist der verstorbene Führer der deutschen Sozialdemokratie, Abg. Paul Singer, der von vielen Tausenden zu Grabe geleitet wurde, als Jude gestorben. Er war und blieb Mitglied der Berliner jüdischen Kultusgemeinde. Jntereffant ist in dieser Hinsicht die Bemerkung des Abg. Fischer, der in der offiziellen Leichenrede sagte: „Er wurde geschmäht, weil er Jude und Millionär war! Wenn aber Singer treu zum Glauben seiner Väter und zu seiner Gemeinde hielt, so ist das ein weiterer Beweis seines moralischen Mutes, seines Widerwillens gegen feige Kompromiffe. Und die Behauptung, er, der Millionär, habe seinen Einfluß bei den Arbeitern mit seinem Gelbe erkauft, ist nichts weiter als eine niederträchtige Verleumdung. Hier am offenen Grabe dürfen wst es sagen, selbstloser hat Keiner von uns der Partei gedient als er." Die Feigheit und Ehrlosigkeit des Renegatentums ist nur in dem österreichischen Zweig der Sozialdemokratie heimisch. Der Antisemitismus m Polen. Aus Ruffisch-Polen wird dem „Berliner Tageblatt" geschrieben: In die düstere Situation, in der sich die polnische Bevölkerung dank den besonderen politischen Bedingungen seit Jahrzehnten befindet, ist mit der Hoffnung auf Erlangung der städtischen Selbstverwaltung, die nunmehr vor der Tür steht, ein heller Lichtstrahl gefallen. Zwar täuschen sich die Polen keinesfalls in bezug auf den geringen Wirkungsbereich des ihnen gewährten Gnadenaktes; jedoch auch der geringste Schimmer einer Unabhängigkeit von Petersburg — und diese erhallen sie nunmehr in gewissem Maße in wirtschaftlichen und sprachlichen Dingen, während in den kulturellen die Zentralinstanz maßgebend bleibt — richtet sie auf. Das ist ihnen wohl zu gönnen; zu bedauern aber ist, daß die Polen sich der veränderten Situation als nicht gewachsen gezeigt haben und daß sie durch einen schweren politischen Fehler im Begriffe sind, sich viele Sympathien, die sie bisher beim Kampfe gegen die russische Unterdrückung begleiteten, zu verscherzen. Es ist die Frage der Vollberechtigung der Juden in der städtischen Selbstverwaltung, in der die Polen, als ihnen nichts anderes übrig blieb, die Maske der Toleranz ablegten und sich als Antisemiten reinsten Wassers entpuppten. Das der Unterkommission der Auma vorgelegte Regierungsprojekt hat für die städtische Selbstverwaltung in Polen nationale Kurien mit „unproportioneller" Vertreterzahl vorgeschlagen. Danach sollen die Juden, selbst in solchen Städten, wo sie sich in der Mehrzahl befinden, nicht mehr wie 20 Prozent, dort wo sie die Minderheit der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr als 10 Prozent der Stadträte stellen. Die ungeheure Ungerechtigkeit, die in diesem Vorschlag liegt, wird klar, wenn man bedenkt, daß die Juden in Polen 14,05 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen (1,753.000), hauptsächlich aber in den Städten wohnen. So schwankt das Verhältnis innerhalb der städtischen Bevölkerung zwischen 20 Prozent und 85 Prozent, geht durchschnittlich also über 50 Prozent hinaus. In achtzehn Städten sind die Juden die absolute Mehrzahl: vier Zehntel des städtischen Grundeigentums gehört.ihnen. Der erwähnte Vorschlag der Regierung aber, der allem Gerechtigkeitsempfinden ins Gesicht schlägt, ist in der Unterkommission der Duma mit elf gegen zehn Stimmen angenommen worden, wobei — und das ist der Kernpunkt — die Polen sich der Abstimmung enthielten. Sie sind es also, die das Jnslebentreten der unproportionierten Kurien ermöglicht und beschlossen haben. Diese Tat der Polen hat in der ganzen fortschrittlichen Presse Rußlands einen wirklichen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Alle liberalen Wortführer, weisen daraus hin, daß ein Volk, das selber unterdrückt ist und das seine ganzen Hoffnungen immer wieder auf den Appell an den Gerechtigkeitssinn der Menschheit gründet, im eigenen Haus gegenüber dem Schwächeren den Unter-

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