Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 54 Dr. Blochs WocheiMM. Nr. 4 Eine abermalige Mahnung. Als die Russen im Jahre 1830 die polnische Revolution besiegten und die Aufständischen durch Henker, Knute und Sibirien vollständig unschädlich machten, telegraphierte Fürst Paskiewicz an Zar Nikolaus I. ,.1'oräre regne ä Varsovie“. Es war dies damals richtig, wenn auch die neue Revolution schon im Stillen keimte und dann zum Ausbruch kam. Wenn man jetzt nach Rußland und Rumänien hinhorcht, kann man ebenfalls beruhigende Berichte an Regierungen und Zeitungen telegraphieren: „1'oräre regne partout“. Die Pogroms liegen an der Kette, außer über Hunger, Elend und Luftmangel haben sich die Juden nicht zu beklagen. Diese scheintote Ruhe wirkt lähmend uud erstarrend auf die Aktion zugunsten der Juden. Es brennt nicht mehr, die Feuerwehr kann somit einrücken. Daß aber in jenen Ländern, wo Knute und Kantschu, Bojar und Kazapp herrschen, ein in der Asche glimmender Funke unversehens einen neuen Brand und ein neues Unheil anrichten kann, daran denkt niemand. Noch weniger denkt man daran, daß es sich nicht bloß um die Verfolgungen durch den behördlich konzessionierten Mob handelt, sondern zunächst um die Befreiung von Not und Hunger. Die eng zusammengepferchten russischen Juden wachsen jährlich durch natürliche Vermehrung um viele Zehntausende. Das ihnen zugewiesene Gebiet aber ist durchaus nicht elastisch und an seinen Grenzen von scharfen Bajonetten umstellt, die keine Ausdehnung gestatten. Die große Masse besteht aus Feldbauern und Handwerkern. Die Feldbauern dürfen keine Hufe Erde besitzen und die Handwerker haben keine Kunden. Auf ein Paar Stiefel kommen drei Schuster und vier Schneider auf einen Rock, denn die Christen lassen bei den Juden nicht arbeiten, oder nur jene, welche nicht zahlen und die armen Gläubiger, welche den kargen Lohn fordern, zur Türe hinauswerfen. Diesen armen Menschen, die nach Millionen zählen, die Möglichkeit einer Existenz und freien Atmens zu geben, indem man einen Teil von ihnen aus dem russischen Mizraim hinausführt und irgendwo ansässig macht, wodurch die Erwerbsfähigkeit des zurückgebliebenen Teiles einigermaßen gehoben würde, muß die vorzugsweise Aufgabe der verschiedenen Komitees sein. Auch diese Aufgabe ist nicht gar so leicht, kann aber mit gutem Willen und vereinter Kraft bewältigt werden. Es gilt, von Rußland nach irgend einem großen und fruchtbaren Terrain eine Straße anzulegen, über die die Erlösten in eine neue Heimat, in eine bessere Luft und in gesündere Verhältnisse geführt werden. Selbst in Galizien, wo die Juden die Freizügigkeit genießen und fast sämtliche Gewerbe ihnen zugänglich find, ist infolge der Anhäufung von Menschen, die keine Industrie und keinen Landbesitz haben, die Not so groß, daß eben jetzt in Lemberg eine Enquete zur Verbesserung der Lage abgehalten wird. Der Mensch ist wie die Pflanze; um Wurzel zu schlagen, zu gedeihen und zur kräftigen Entwicklung zu gelangen, muß er Raum, Lust und Sonne haben, welche leider unseren Brüdern im slavischen Nachbarreiche versagt find, daher dieser krankhafte, sieche Zustand. Ein so großes humanes Werk, eine Rettungsaktion so großen Stiles darf nicht an kleinlichen Eifersüchteleien, an Eigensinn und Rechthaberei scheitern. Diejenigen, die vermöge ihrer Stellung zur Führerschaft berufen und erkoren find, müssen die Bürde der Würde ernst nehmen und mit aller Energie den Exodus durchführen. Der Traum von einem selbständigen Judenstaate, von der landwirtschaftlichen Eroberung der heiligen Lande ist längst vorüber. Man ist jetzt ernüchtert genug, um zu wissen, daß wir nicht einen Staat im Staate bilden und daß das Heer von Mönchen und Geistlichen, welche als Schildwache der Christenheit in Palästina Posten stehen, niemals zugeben uud die christlichen Regierungen niemals gestatten werde, daß die Juden die freien Landgebiete okkupieren. Auch würde sich jenes Land, das bloß unsere patriotische Erinnerung und ftomme Pietät verklärt, nicht den Zwecken der Immigration vollständig eignen, da es nur zum geringsten Teil fruchtbar uud überdies sehr teuer ist. Wir wollen ja nicht ein Land für fromme Beter und Schnorrer haben, sondern Ackergründe für kräftige Arme und fleißige Hände erwerben, die da auf eigenem Grund und Boden säen und ernten, pflanzen und pflücken, um so einen Teil der in unfreiwilligem Nichtstun verweichlichten Bevölkerung zu einem ackerbautreibenden, wetterharten Volke aufzurichten. Hirten und Feldarbeiter, wie die alten Israeliten zu einer Zeit waren, als sie noch Land und die Wahl des Berufes hatten, Städte anlegten, Festungen bauten, Vorratskammern ausspeicherten, Kanäle gruben und den Feind abwehrten. Kriegsdienste und Feldarbeit. In kaum einem Menschenalter sind die der Freiheit und Selbständigkeit zugeführten Juden vollständig regeneriert und zu einem tüchtigen arbeitsfreudigen Volke verjüngt, denn im Juden fließt ein gesundes Blut, das bei so vielen schweren Drangsalen, harten Prüfungen, jahrtausend langen Verfolgungen, bei Mangel, Not und Aussperrung nicht ganz geronnen ist. Fest wie die Pyramiden ragt das Judentum aus längst verblichenen Zeiten in die Gegenwart herein — abbröckelnd aber nicht morsch. Die Krone eines kräftigen Stammes kann wohl dorren, aber der Baum verdorrt nicht, wenn die Wurzel kräftig grünt! T e p l i tz. Leo Herzberg-Fränkel. Vom Zabrmarkt des Lebens. Gebrandwarkt. (Der Großindustrielle Herr Johann Kremenetzki über das Treiben des offiziellen Organs der Wiener Bubokratie.) Der „Jüdische Volksrat" in Czernowitz publiziert in Nr. 2 nachstehendes, an die würdige Redaktion der „Jüdischen Zeitung" in Wien gerichtetes Schreiben des Herrn Ingenieur Kremenetzki, Gründer des „Jüdischen Nationalfonds", mit folgendem Wortlaut: Wien, den 26. Dezember 1910. An die Redaktion der .Jüdischen Zeitung" Wien. Aus der „Welt" entnehme ich erst die schmachvolle Beleidigung unseres verdienstvollen Gesinnungsgenossen Prof. Dr.. Leo Kellner in der „Jüdischen Zeitung". Wenn die „Jüdische Zeitung" geschaffen und bezahlt wäre, den Zionismus in Oesterreich und hauptsächlich in Wien unmöglich zu machen, so könnte sie es sicherlich nicht besser anstellen! Das Preßkomitee der „Jüdischen Zeitung" scheint sich über das Gefühl der Verantwortung nicht recht bewußt zu sein, sonst würde es solche Erzeugnisse, die auf die letzte Seite des „Deutschen Volksblattes" gehören, nicht zum Abdrucke bringen lassen. In diesem Vorgehen scheint ein System zu liegen'und muß jeder alte Zionist gewärtig sein, eines schönen Tages in der „Jüdischen Zeitung" abgeschlachtet zu werden. Ich behalte mir weitere Schritte vor, muß aber jetzt schon auf das Allerschärsste gegen eine solche Verunglimpfung des Zionismus in der Oeffentlichkeit protestieren. Hochachtungsvoll mit Zionsgruß Kremenetzki. II. Herr Dr. Osias Thon in Krakau, in einem Schreiben ebenfalls an die Redaktion der „Jüdischen Zeitung" aus gleichem Anlasse (18. Dezember 1910), erklärt: „Wenn Sie so immerfort mit vergifteten Pfeilen um sich herumschießen werden und jeden, der nicht orthodox zu Ihrer Landespolitik schwört, erbarmungslos niederknallen werden, dann wird es dazu kommen müssen, daß alle die Zionisten, die außer