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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr.,53 Dr. BlochsWocheMM. Seite m Erscheinungempfing mich in gewohnter Weise mitM der größten Liebenswürdigkeit und ZuvorkommenheitM und indem es schien, als wüßte er von allem W Vorgefallenen gar nichts, gab er mir, mit einem W freundlichen „KaXrj r^epa. Kupie t&cXimte" uie HauöM und erkundigte -fich tzuldvollst nach meinem Be-^' gehren. Da der Patriarch nur der griechischen und russischen Sprache mächtig ist, bat ich ihn zunächst in seiner uns .gebildeten Deutschen in der Hauptsache nur theoretischjmir aber aus dem stetigen Umgang mit griechischen Kreisen auch praktisch geläufig gewordenen schönen und wohlklingenden Muttersprache um gütige Entschuldigung, wenn ich mich diesmal bei in Nachiuchen der gewünschten Audienz vielleicht etwas allzu zudringlich gezeigt habe, und drückte nur um so lebhafter meinen herzlichsten .Dank aus für die schließliche Gewährung derselben, Der Patriarch nickte bei diesen meinen Worten nur freundlich lächelnd mit dem Kopfe, und das Einzige, was er entgegnete waren die wiederholten abwehrenden Worte: xmozz, tctots, Kupis <PcX'7üra was auf Englisch soviel heißt als uever miucl, it’s notliing!“ und in freier deutscher Uebersetzung den Sinn trifft der bekannten Redensart: „Doch darum keene Feindschaft nicht". Darauf schilderte ich dem Patriarchen in beweglichen Worten die ergreifenden, herzzerreißenden Szenen mit der armen unglücklichen jüdischen Mutier in dem Gasthaus Lafinsky, deren Augenzeuge ich selbst geworden war, und machte mich bei dem Patriarchen zum Dolmetsch und Anwalt der schmerzlichen Mp quälenden Gefühle und Empfindungen dieser schwer betrübten, bejammernswerten Frau und ihrer durch mich dem Patriarchen oorgetragmen flehentlichen Bitten um Auskunft über den Aufenthaltsort und das Schicksal ihrer Tochter. Ich betonte dabei nachdrücklich, daß für mich bei meinem Vorgehen, trotz meiner aufrichtigen Teilnahme an dem traurigen Los dieser armen beklagenswerten Mutter, die religiöse Seite des Falles doch vollständig außer allem Betracht liege, und daß ich die Mutter sogar schon daraus vorbereitet habe, daß, falls das Mädchen volljährig fei und den eigenen bestimmten Willen kundgebe, den jüdischen Glauben gegen den christlichen zu wechseln, niemand, auch die Eltern nicht, sich hindernd in den Weg stellen könnte. Aagegtzn bemerkte ich dem Patriarchen, daß ich es andererseits, wenn das Mädchen wirklich, wie das allgemeine Gespräch in der Stadt gehe, in einem griechischen Kloster verborgen gehalten werde, äußerst hart, ja grausam und ganz gegen die Stimme der Natur und dem Geist des Christentums finde, wenn der Mutter jegliche Auskunft über den Verbleib ihres Kindes verweigert und der freie Verkehr und die freie Aussprache mit der Tochter ihr abgeschnitten bleibe, so daß sie in ihrem Gram und ihrer Verzweiflung unzweifelhaft einem sicheren Tode geweiht sei. Ich fragte den Patriarchen zuletzt, ob die nach Hunderten von Millionen zählende orthodore Kirche pm des recht zweifelhaften Gewinnes einer einzigen armen jüdischen Weiblichen Seele willen eine solche Eventualität vor Gott, der allgemeinen Oeffentlichkeit, der Geschichte und dem eigenen Gewissen wirklich verantworten wolle und verantworten könne. Nachdem ich also mit der respektvollsten Bitte um eine gefällige offene Erklärung geendigt, nahm her Patriarch seinerseits das Wort zu folgender Erwiderung: „Aber sehen Sie doch Kopie öu-~s ich bin doch mit meiner Kirche an den Leiden und Aengsten dieser jüdischen Mutter, an denen ich herzlich Anteil nehme, vollständig unschuldig. Dieses jüdische Mädchen kam allerdings an einem Nachmittag in das Patriarchat und setzte sich auf einer Bank im Vestibül mit einer Anzahl russischer Pilger in eine Reihe, so daß sie jedermann von uns. eben auch für eine russische orthvdore Pilgerin halten mußte. Erst als die Unbekannte mit anderen Pilgern zusammen vor mich gekommen war, erklärte sie mir «beim Feststellen ihrer Personalien, daß sie eine Jüdin -sei und gerne christlich getauft werden möchte. Ich erkundigte mich daraus noch emmal ganz genau nach der ^Nationalität der Bittstellerin und als sie wiederholt erklärte, daß sie Russin sei, bedeutete ich ihr, da ich über ihr Alter im Zweifel war und es uns aucy schien, als ob das Mädchen selbst nicht recht wisse, was es wolle (man sieht hier den scharfen Blick des Patriarchen).. daß sie sich Mit ihrem Wunsche zunächst an das rusftsche Konsulat zu wenden habe uno daß ich ihr in keiner Weise zur Erfüllung desselben behilflich sein könne oder wolle. Mit diesem Bescheid habe ich das Mädchen von mir entlassen und seither nichts mehr von demselben gehört und kann Ihnen daher auch über dessen jetzigen Aufenthaltsort . und Verbleib nicht den geringsten Aufschluß geben, nur so viel kann ich bestimmt versichern, daß kein griechisches Kloster oder. Haus das Mädchen beherbergt. Wenn Sie diesbezüglich jetzt etwa näheres erfahren und weitere Nachforschungen anstellen wollen, werden Sie vermutlich durch eine Anfrage auf dem russischen Konsulate genauere Auskunft und bestimmtere Anhaltspunkte gewinnen können". Nachdem der Patriarch, welcher während unserer bisherigen Unterredung etwas in fernen Fauteuil zurückgelehnt war. diese Wprte beendet hatte, richtete er sich mit dem Kopse und Oberkörper auf seinem Sessel staxk in die Höhe, und indem er den Zipfel seines Obergewandes ergriff und stark schüttelte, wie es orientalrsche Sitte ist, wenn man einer Person oder Sache gegenüber-in besonders energischer Weise sein Mißfallen und seinen Widerspruch ausdrücken will, fügte er mit erhobener Stimme noch weiter hinzu: „Und jetzt, Kupis nachdem ich aus Ihrem Munde über den '"Schmer die Trostlosigkeit und Verzweiflung der armen jüdischen Mutter wegen des Schicksals ihrer Tochter unterrichtet bin. erkläre ich Ihnen feierlichst, daß ich meinerseits alle Verantwortung für das Geschehene und alle etwaigen unliebsamen Folgen entschieden ablehne, da es nicht mein Wunsch und Wille ist, daß dieses jüdische Mädchen getauft, sondern vielmehr, daß es seiner Mutter und Familie zurückgegeben wird". Nach dieser Erklärung war meine Mission in dem griechischen Patriarchat und bei den Griechen beendet, und blieb mir nur noch übrig, für die gewährte Audienz und die edelmütige Gesinnung des Patriarchen für meine eigene Person und im Namen der elenden, schwergebeugten jüdischen Mutter dem Patriarchen meinen innigsten und tiefgefühltesten Dank auszusprechen, woraus sich derselbe mit einem freundlichen Händedruck und einem wiederholten herrlichen „Xa:p£t£, yadp&xs, KOp’s (InÄ-Tc-s" von mir verabschiedete. So erfreulich nun aber die Erklärung des Patriarchen, -daß sich das jüdische Mädchen, wenigstens damals nicht, oder wenigstens nicht mehr, in griechischen Händen befand, für mich persönlich auch sein mußte, da ich öaotuil) augenblicklich der Befürchtung üderhrben war, daß durch meine fortgesetzten Bemühungen für dessen Befreiung mein bisheriges freundschaftliches Verhältnis zu dem Patriarchen und der griechischen Geistlichkeit eine Trübung erfahren könnte, um so schlimmer erschien mir nun die Lage für die arme Mutter, und auch für mich selber, daß wir nun genötigt waren, den Kampf mit den russischen Barbaren aufzunehmen, mit denen ja noch niemand, außer den Japanern, so recht fertig zu werden verstand. Dcirum bemächtigte sich auch,, nachdem ich über den negativen Erfolg meiner Audienz bei dem Patriarchen der. sehnsuchtsvoll und hoffnungsfreudig auf meine Rückkehr harrenden Mutter und ihren teilnehmenden Freunden Bericht erstattet hatte, unser aller zuerst eine tiefe Niedergeschlagenheit. da man es fast als ein Ding der Unmöglichkeit ansah, jetzt den Pranken des russischen. Bären die versteckt gehaltene leckere Beute wieder zu entreißen. Nichts--

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