Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 652 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 51 Gablonz a. 9t. Ueber Anregung des Vereines „Theodor Herzig in Gablonz konstituierte sich ein Damen- und Herrenkomitee, welches sich die Veranstaltung eines jüdischen Kinderfestes zur Aufgabe setzte. Nach längeren mühsamen Vorbereitungen fand nun Sonntag den 11. Dezember nachmittags in den Lokalitäten des Hotel Geling endlich das schon so lange mit Spannung erwartete Kinderfest statt. Eine vorausgegangene Subskription hatte die Kosten der Veranstaltung nicht nur gedeckt, sondern es blieb auch noch eine hübsche Summe für WohltätigkeitSzwecke übrig. Der Besuch des Kinderfestes war ein ganz gewaltiger und war der Saal von Kindern und Erwachsenen bis auf das letzte Plätzchen zum Erdrücken voll. Das Programm des Nachmittags begann mit dem Vortrage eines Prologes und einer Rede des Herrn Rabbiner Dr. Baueth Anschließend daran folgte, durch eine opulente Schokoladenjause unterbrochen, das überaus fröhliche, mit kindlicher Kunst und Natürlichkeit sich abwickelnde Programm, bestehend in Deklamation, Musik, einem jüdischen Sprechstück „Der Weg der Treue" und das prächtige Singspiel „Frau Hi lles Spinnabend". Eine Polonaise mit Kasperltheater schloß den überaus gelungenen Nachmittag, um welchen sich außer vielen anderen Herren und Damen insbesondere Frau Meta Bunzl und Herr Dr. Hermann Vaneth, welche hier allein genannt sein mögen, verdient gemacht haben. Nach dem Fest der Kleinen, zwei Stunden später, kam das Fest der Großen. Es begann mit Klavierspiel, prächtiger Rezitation des Herrn Franz Schönwald und des Frl. Gisa Stein, beide Schauspieler am hiesigen Stadttheater, und endete mit einem bis tief in die Nacht hinein dauernden Tanz, der einen harmonischen Ausklang für den genußreichen Nachmittag und Abend darstellte. Pilsen. In der kürzlich unter Vorsitz unserer verehrten Präsidentin Frau Rosa Weisl stattgehabten Sitzung des hiesigen israelitischen Frauenvcreines war die Chanuka-Bescheerung Gegenstand der Tagesordnung. Nachdem die Präsidentin die erschienenen Vorstandsdamen und Gäste aufs Wärmste begrünte und ihnen für die hilfreiche Betätigung edler Menschenliebe bestens gedankt hatte, übergab sie den Vorsitz für die heutige Sitzung den Obmann der Union Bne Brith, Herrn Wilhelm Rosenfeld, dem langjährigen, tatkräftigen Beirat des Frauenvercines. Derselbe brachte zur Kenntnis, daß sowohl der Kulturvorstand, die Ehewra-Kadischa, der Waisenverein, als der Verein Union Bne Brith ihre Beiträge auch Heuer in demselben Ausmaße, dem Frauenverein zur Verfügung stellen, wie dies in früheren Jahren geschehen. Hierauf wurden die Namen der zu bekleidenden Kinder verlesen, und nachdem über die einzelnen Unterstützungsbewerber — es sind deren über 60 — die Erörterung geschlossen war, stellte unser hochverehrter Kultusvvrsteher, Herr Jur.-Dr. Josef Schauzer, den Antrag, die Chanuka-Bescheerung in aller Sülle, ohne jedes festliche Gepränge zu veranstalten und begründete seinen Antrag in ebenso gründlich logischer Weise als vom Standpunkte der idealen .'liele, welche der Frauenverein anstrebte. Die Worte des Herrn Dr. Schauzer waren nicht bloß im Sinne der Frau Präsidentin gesprochen, sondern weckten auch einen mächtigen Widerhall bei allen Anwesenden und so wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, von einer öffentlichen Chanuka-Bescheerung abzusehen. Es steht außer Zweifel, daß diese Neuerung auch innerhalb der Gemeinde im weiteren Sinne des Wortes mit Freuden, ja mit verdienter Anerkennung begrüßt werden wird. Unsere wackere Frau Präsidentin Frau Weisl dankte Herrn Dr. Schanzer für seine Anregung und hat auch in edler Selbstlosigkeit sich der Mühe unterzogen, die Kleidungsstücke den einzelnen Familien auf eigene Kosten zuzustellen, was den Beschenkten die Freude über das Empfangene merklich erhöhen wird. Die Erneuerung des Judentums. Ueber dieses Thema sprach kürzlich der bekannte Schriftsteller und Philosoph Dr. Martin Büber als Gast des Vereines jüdischer Hochschüler «Bar Kochba" in Prag. Der Redner führte zunächst aus. daß er hier bereits über die Vergangenheit und Gegenwart des Judentums gesprochen habe und darum seine Darlegungen über die Zukunft des Judentums gewiffermaßen als notwendigen Abschluß der früheren Vorträge ansehe. Er faßte dann das Thema vom historischen Gesichts¬ und zeigte alle Ansätze und Versuche zu einer Regeneration des Judentums Dabei ergaben sich folgende Momente: Das Judentum ist mehr motorisch als sensorisch, ihm galt das Handeln, die Tat, mehr als das Erlebnis. Dieses Charakteristikon tritt besonders in der Kunst hervor, wo sich die Geste Geltung verschafft und das Zeitliche vor dem Räumlichen Vorzug hat; daher die Prävalenz der Musik. Aber auch im Verhältnis zu Gott ist die Tat maßgedend. Das unterscheidet das Judentum vom Christentum: dort die religiöse Tat die den Anstoß zur Entstehung eines reichen, vielgestaltigen Zeremonialgesetzes gegeben, hier der Glaube. Was im Christentum schöpferisch sei, wurzle tief im Judentum, das Nichtschöpferische sei eine Reihe von Mythen. Und darum müffen auch die Bestrebungen, das Judentum durch das Christentum zu regenerieren, zurückgewiesen werden. Der Redner legte dann dar, daß im Judentum seit jeher drei Ideen oder Tendenzen herrschend seien: die Idee der Einheit, die Idee der Tat und die Idee der Zukunft. Alle drei hätten ebenso im vulgären, wie in einem höheren Sinn ihre Verkörperung gefunden. Die Idee der Zukunft äußere sich im Volksleben in der Fürsorge für die kommende Generation, in ihrer höheren Faffung habe sie den Messianismus gezeitigt. Das Judentum sei erneuerungsbedürftig — eigentlich gebe es nur ein jüdisches Volk, aber kein Judentum —; indeß dürfte die Erneuerung weder so erfolgen wie sie den konfessionellen, noch so wie den nationalen Juden vorschwebe: sie müßte eine Wiederbelebung des prophetischen Judentums bedeuten, des Judentums der Tat, 'wie es das heroische Zeitalter gekannt. Wann und wie diese Erneuerung erfolgen werde, könne nicht gesagt werden; wir fühlen nur, daß sie kommen werde, und müssen darum bereit sein. Bereit sein heiße aber nicht müßig abwarten, bereit sein bedeute so viel wie vorbereitet sein. Die geistvollen, an tiefen philosophischen Einblicken und weiten Ausblicken reichen Darlegungen fanden in dem gespannten Auditorium, das den Festsaal des jüdischen Rathauses bis auf das letzte Plätzchen füllte, einen starken Wiederhall. Aus Vagbeszlereze (Oberungarn) wird uns berichtet: Die israelitische Kultusgemeinoe Vagbesztercze hat mit einem Kostenaufwande von ungefähr 20.000 Kronen ein den modernsten Anforderungen in jeder Beziehung entsprechendes, rituelles Badehaus errichtet, welches mit 1. Jänner 1911 seiner Bestimmung übergeben, respektive eröffnet wird. Die Badeanstalt befindet sich in einem villenartigen Gebäude und besteht außer der Wohnung für den Badehausverwalter aus drei Badezimmern und einem vorschriftsmäßigen, rituellen Tauchbade. Die mit Tonplatten ausgelegten Badewannen sind zur Bequemlichkeit des Publikums auch mit Douchen versehen. Besonderes Lob und Anerkennung gebührt der Gemeindeverwaltung, bezi hungsweise dem Gesamtvorstande schon aus dem Grunde, weil derselbe, weder Mühe, noch materielle Opfer scheuend, innerhalb fünfzehn Jahren die wichtigsten Gemeinde - Institutionen, wie Tempel, Volksschule und Koscher-Fleischbänke, dergleichen sich wenige Gemeinden im Komitate rühmen können, nicht nur ins Leben gerufen, sondern auch in würdiger Weise aufrecht hält. Sollte — wie voraussichtlich — in absehbarer Zeit auch die seit Jahren vakante Stelle eines geistlichen Oberhauptes besetzt werden, dann darf die Kultusgemeinde Vagbesztercze zufolge ihrer Opferwilligkeit und der ins Leben gerufenen Institutionen zu den Mustergemeinden Oberungarns gezählt werden. R.n. Vrrkovar. Samstag den 31. Dezember 1910 findet im Tempel . die Barmizwah - Feier des Konfirmanden Norbert Schwarz, Sohn des Oberkantors Adolf Schwarz, statt. Krems a. D. Im hiesigen israel. Tempel findet am 25. d. M. die Trauung des Frls. Josefine Singer mit Herrn Adolf Gelb, Beamten der Versicherungsgesellschaft «Allianz" in Wien, statt. Budapest. Der Kaiser hat den öffentlichen außerordentlichen Professoren der Budapester Universität Doktor Leo Liebermann und Dr. Ignatz Goldziher in Anerkennung ihrer auf dem Gebiete des Hochschulunterrich-- tes erworbenen Verdienste tarfrei den Titel eines königlichen Hofrates verliehen. Tarnow. Ihre Notiz in Nummer 50 Ihres geschätzten Blattes «Erster galizischer Hofrat" bedarf einer Berichtigung, denn der erste galizische Hofrat wurde vor ungefähr zwei Jahren in der Person des Herrn Dr. Samuel Sare, Bruders des jetzt zum Hofrate ernannten Josef S a r e, aus Anlaß seines Uebertrittes in den Ruhestand als gewesener k. k. Oberlandesgerichtsrat beim Oberlandesgerichte in Krakau ernannt und wohnt ebenfalls in Krakau. Dukla. Am 29. Dezember l. I. feiern Schulleiter Josef Bader und Frau das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Herr Josef Bader, der seit Gründung der hiesigen Baron Hirsch-Schule derselben vorsteht und sich viele und große Verdienste um das Gedeihen derselben erworben hat, erfreut sich hier auch wegen seiner Tätigkeit außerhalb der Schule großer Beliebtheit, zumal er sich auch als Sekretär des Krankenunterstützungsvereines Bikur Cholim um dessen Konsolidierung große Mühe gegeben. L . . . z. Saul Pinchas Rabbinowitz. Wieder hat die hebräische Literatur und die jüdische Wissenschaft einen überaus schmerzlichen Verlust erlitten. Dienstag den 6. d. M. *ist in Frankfurt a. M. der bekannte jüdische Gelehrte und Schriftsteller P. S. Rabbinowitz (bekannt unter dem Namen Schefer) nach kurzem Krankenlager verschieden. Der Verblichene zählte zu den Historikern der Gegenwart. Er war der Begründer und Herausgeber des wissenschaftlichen Jahrbuches «K'nesseth Israel" und beteiligte sich mit wissenschaftlichen und literarischen Beiträgen an fast sämtlichen hebräischen und russisch-jüdischen Zeitungen. Eine bedeutsame Tätigkeit entfaltete der Verblichene auch für die Ausbreitung der national-