Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021921--19756-3044757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 Dr. Blo-s Wochenschrift. Seite 783 Origmalprotokoll zur Unterlage seines Artikels gegeben, — selbst dann wäre der Angriff der „I. R." lächerlich. Ich habe unserem Präsidenten, vielen Zionisten und sonstigen verständigen Menschin den Hamburger Artikel durchlesen lassen, und ein jeder hat mir bestätigt, daß ihm unverständlich wäre, wie aus diesem Artikel von einem ernft zu nehmenden Menschen ohne böse Absicht der Gedanke an eine Spaltung oder an einen Kampf gegen die Allianceidee herausgelesen werden könne. Jeder, ohne Ausnahme, hat als Tendenz des Artikels die auch von der „I. R." als besondere Weisheit proklamierte Selbstverständlichkeit herausgelesen. „dah durch den deutschen Zweig Einfluh auf die Alliance zu nehmen sei". Es macht der jüdischen Publizistik alle Ehre, dah sie sich in den letzten Monaten in den wichtigen Allianceangelegenheiten ausgezeichnet unterrichtet gezeigt hat. Man macht unserem Präsidium hie und da den Vorwurf, es orientiere die Oeffentlichkeit nicht genügend. Kein Vorwurf ist unberechtigter. Abgesehen davon, dah Geheimrat Timendörfer selbst und das Gesamtpräsidium wiederholt das Wort ergriffen haben, hat der Präsident es mir geradezu zur Pflicht gemacht, den jüdischen Publizisten in bereitwilligster Weise Auskünfte zu geben. Fast sämtliche Blätter Haben uns um Information angegangen: so hat z. B. das „Frankfurter Isr. Familienblatt" (ein zionistisches Organ) sich stets ausgezeichnet unterrichtet gezeigt, weil es sich immer an die zuständigen Quellen wandte. Die einzige Zeitung, die anscheinend geschlafen hat, ist die „Jüdische Rundschau" gewesen, die den ersparten Raum aber nicht etwa mit Erörterungen oder wenigstens blohen Erwähnungen der einigermahen beachtenswerten Tatsache ausfüllte, dah sich der Dessauer Zionistenführer vom antisemitischen Deutsch-Rationalen Handlungsgehilfenverband und anderen antisemitischen Gruppen als Stadtverordnetenkandidat ausstellen lieh. Zum Abschluh der persönlichen Seite der Angelegenheit noch folgendes: Bei meinen Privatakten befindet sich weder ein korrigiertes, noch ein untorrigiertes Protokoll der Siebenersitzung. Ich habe eine förmliche Haussuchung veranstaltet, ob sich das ominöse Schriftstück, das nach Meinung unseres Bureaus mir übersandt worden sein soll, etwa verborgen hält: ich habe den Herrn, den sowohl die ..I. R.". wie auch ich persönlich für den Verfasser des Hamburger Artikels halten, in der eindringlichsten Weise auf Ehre und Gewissen wiederholt befragt. ob er. — was ich anfänglich selbst befürchtete — der neben anderen Journalisten von mir eingeladen worden ist, sich aus eigens zu diesem Zwecke angelegten ..Iugendvereins-" und „Allianceakten" sachdienliche Informationen zu schöpfen, etwa seine Kenntnis aus einem zufällig oder durch Bureauversehen in diese Akten hineingelegten Protokoll geschöpft habe. Ich habe förmlich nach einer bejahenden Antwort, die mir mit der höchsten und ehrlichsten Entrüstung versagt wurde, gelechzt: denn dann wäre eben ein Versehen unterlaufen, das, wie gesagt, sachlich ganz belanglos gewesen wäre, und nur fanatischer politischer Hah und sich verborgen haltende Gegnerschaft ausnutzen durfte. Vor wenigen Tagen hatte ich den Vorzug, mit der prominentesten Persönlichkeit der zionistischen Weltorganisation über die Unbegreiflichkeit einer solchen Prehkampagne zu sprechen. Er antwortete mir mit der Gegenfrage: „Sind Sie nicht einmal auf Ihrem Spezialgebiet, im Jugendbund, mit den Berliner Zionisten aneinandergeraten?"... Sic! Und hier erhebt sich die Sache zur vrimipiellen Bedeutung. Soll das vielgerühmte Erwachen des jüdischen Bewuhtseins darin bestehen, dah mit Waffen, die aus dem Arsenal des Hintertreppenklatsches geholt worden sind, gekämpft wird? Darf man den heihen Wunsch, einen unbequemen Nichtzionisten mundtot zu machen, mit anderen, als den idealen Waffen des Geistes zu erfüllen suchen? Es liegt mir fern, die gekennzeichnete Entgleisung eines Parieiblattes, die an die Gewohnheiten gewisser Blätter erinnert, der gesamten zionistischen Partei in die Schuhe zu schieben. Wie in meinem sonstigen öffentlichen Wirken erstrebe ich auch in diesem meinem neuen Amt in loyaler Weise das für mich selbstverständliche Ziel, den zionistischen Teil unserer Glaubensgemeinschaft zur durchaus notwendigen Mitarbeiterschaft an dem groben Werke der Alliance zu veranlassen. Dies war auch der Zweck meines Besuches bei Präsident Wolffsohn, den ich dieser Tage machte; denn vorderhand mutz ich der „Jüdischen Rundschau" das Recht absprechen, mich im Namen von 14.000 Mitgliedern der Deutschen Abteilung als des Vertrauens nicht mehr würdig und für „erledigt" zu erklären. Die zionistischen Mitglieder der Deutschen Alliance-Abteilung betragen nach der optimistischesten Schätzung wenige Hundert und selbst, wenn meine Bemühungen, alle deutschen Zionisten zum Eintritt zu bewegen, erfolgreich sein werden, würden sie nicht den fünften Teil unserer Mitgliedschaft ausmachen. Ich glaube übrigens, dah die letztere in ihrer überwältigenden Mehrheit sich ernsthaft verbieten wird, dah die ..Jüdische Rundschau" sich zur Dolmetscherin ihrer Gefühle macht. Und wenn die „Iüd. Rundschau" die „moralische Qualifizierung" meiner Taten, wenn auch aus durchsichtigem Grunde nur andeutungsweise, anm'weifeln "mgl und sich erdreistet, meinen guten Willen in Frage zu stellen, dann verbitte ich mir das weniger wegen der Kühnheit des Unternehmens, als aus dem Grunde, weil mir eine Zeitung des vornehmen Kennzeichens der Objektivität bar zu s ein scheint, die den Dr. Apfel am 18. N ovember 1910 ihren Lesern als gänzlich ..unerfahrenen" Menschen hinstellt. am 4. November desselben Jahres aber denselben Dr. Avfel höchst überflüssiger Weise seine Tatkraft und Begabung bei der Organisierung und Leitung einer bedeutsamsten und die zionistische Bewegung Deutschlands an Zahl erheblich überragenden Vereinigung attestiert. Ich bedaure natürlich, die Oeffentlichkeit im Interesse der Würde meines Amtes und meiner Ehre mit derartigen Dmgen behelligen zu müssen. Ich hätte letzten Endes noch geschwiegen, wenn man nicht auch gewagt hätte, unserem Präsidium Spallungsgelüste anzudichten, was angesichts der feierlichen offiziellen gegenteiligen Erklärung der Leitung in ..Ost und West" parlamentarisch kaum zu qualifizieren ist. Und gerade jetzt, wo es unserem Präsidium zum ersten Male geil u n q e n i st. die deutschen Mitglieder der D. K. G. in ihrer übergrohen Mehrheit auf einer Richtlinie zu vereinigen, und wo sich allem Anscheine nach der jüdischen Welt zum ersten Mal das Schausviel bieten wird, dah die deutsche Gruppe kn Paris einheitlich und darum erfolgverbeihend auftreten wird, erscheinen die von keiner Sachkenntnis getrübten Auslassungen der „Jüdischen Rundschau" kn recht eigenartigem Lichte. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, dah vorstehende Ausführungen aufzufassen sind als nicht offizielle, sondern streng persönliche Meinungsäuherungen Ihres hochachtungsvoll ergebenen Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel Geschäftsführer im Ehrenamt der Deutschen Konferenzgemeinschaft der „AllianceJsraelite Universelle."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.