Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 749 er die hervorragenden Tugenden der Verstorbenen, ihre zärtliche Liebe zu dem trostlosen Gatten, sowie zu ihren Verwandten, ihren Seelenadel, sowie ihre ganz hervorragende wohltätige Wirksamkeit in ergreifenden Worten würdigte. Am offenen Grabe nahm Kultussekretär Nathan Schwarz im Namen des israelitischen Frauenvereines,, sowie im Namen der Armen in rührenden Worten Abschied von der edlen Verstorbenen, womit die ergreifende Trauerzeremonie ihr Ende erreichte. Die Zahl der dem vom Schicksale heimgesuchten Gatten der Verblichenen zugegangenen Kondolenzen von Nab und Fern ist überaus groß. Sämtliche Kultusvorstehungen des Landes richteten warme Trauerkundgebungen an den schwergeprüften Witwer. Eine Deputation des katholischen Frauenvereines unter Führung der Vizepräsidentin Frau Anna Balogh sprach am Friedhofe Herrn Dr. Spitzer ihr Beileid aus. Am folgenden Tage erschien dieselbe Deputation in der Wohnung der Präsidentin des israelitischen Frauenvereines, der Frau Friedericke Bauer, um dem Vereine aus Anlaß des Ablebens seiner Vizepräsident!« Frau Albine Spitzer das Beileid ausznd-. licken. Ueber Anregung des Gemeindesekretärs Schwarz wurde eine „Albine Spitzer-Stiftung" errichtet, deren Höhe durch die Kranzablösungsspenden bereits 2000 Kronen erreicht hat. Der zionistische Verein „Theodor Herzl" hat zur Ehrung des Andenkens weil. F^au Albine Spitzer den Betrag von 240 Kronen gespendet, womit ihre Eintragung in das „Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds" veranlaßt werden wird. Ein jüdisches Wochenblatt in Paris. Bezeichnend für die zunehmende Zahl jüdischer Einwanderer aus Rußland und Rumänien in Paris ist es. daß daselbst seit voriger Woche eine jüdische Zeitung mit dem Titel „Das Pariser Journal", Organ für Politik, Literatur und Wissenschaft", erscheint. Baron Hirschgasse und Herrlgasse. Der Gemeinderat der Stadt Nadworna hat beschlossen, je eine Straße der Stadt nach Baron Hixsch beziehungsweise Dr. Herzl zu benennen. Auszeichnung eines jüdischen Musikers. Der aus Rußland stammende und seit 1897 in Paris lebende Tonkünstler A. Moschkowski wurde von der französischen Regierung zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Jubiläum des Professors Samuel Dickste!«. In Warschau wurde dieser Tage das 25jährige Gemeindevorsteher-Jubiläum des Professors Dr. Samuel Dickstein gefeiert. Professor Dickstein ist heute die einflußreichste Persönlichkeit im Warschauer Kultusrate und ist der energischeste Verfechter der polnisch-jüdischen Affimilation. Professor Dickstein genießt als Mathematiker auch im Auslande einen großen Ruf und ist Ehrenmitglied vieler polnischer und ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften. Als Assekuranzfachmann genießt er einen Weltruf. Professor Dickstein ist Redakteur mehrerer Fachzeitschriften für Mathematik und Physik und ist Redaktionsmitglied der polnischen „Großen allgemeinen Encyclopädie". FeuiLleton. Skizze« »nd Studie« zur Geschichte der Jude« in Paten Von Dr. Majer Balaban» Lemberg. IX. Ein Prozeh der Lemberger Judengemeinde mit den Jesuiten, 1603—1608. (Zur Legende von der „Güldenen Rose".) (Fortsetzung.) Schon am Ausgang des 16. Jahrhunderts hatte der Erzbischof Johannes Demeterius Solikowski die Jesuiten nach Lemberg bezogen und sie einstweilen in einem Privathause untergebracht. Die Väter suchten nach einem entsprechenden. Platze, um eine Kirche mit einem Kolleg aufzubauen. Das war in Lemberg nicht leicht.. Die Stadt war eng angelegt und durch die Stadtmauern ein für alle Mal abgeschlossen. Ueberdies wollte die Kathedral-Geistlichkeit die Eröffnung eines Iesuitenkollegs nicht zulassen, damit die Frequenz in der Kathedralschule nicht falle: auch der Adel war meistenteils den Jesuiten feindlich gesinnt, da er die Patres eines großen und schädlichen Einflusses auf den König Sigismund III. beschuldigte, wie auch dadurch, daß der kleinrussische Adel in jener Zeit meistenteils aus Protestanten und Kalvinern bestand. Die Jesuiten wußten aber alle Hindernisse zu beseitigen und erwirkten beim König die Absendung einer Kommission, die einen geeigneten Grund für die Jesuiten aussuchen sollte. Schon das erste Schreiben der Kommissäre an die Iudengemeinde und der Umstand, daß sich die Herren überhaupt an die Juden wandten, zeigt davon, *oaß der „gemeine Mann" den Jesuiten das Geheimnis der Stadt verraten hat. Uebrigens notiert ausdrücklich der Lemberger Jesuitenkronikar/) daß es sich von Anfang an um die Rücknahme der jüdischen Grundstücke und Häuser handelte, die der Stadtrat widerrechtlich verkauft hat. Von den 5 delegierten Herren erschienen am 10. Oktober 1603 in Lemberg nur zwei: Adam Stadnicki aus 2rnigr6d, Kastellan und Starost von Przemnsl. und Staufslaus Stadnicki aus 2migrvd. Die Zeit war zur Kommission schlecht gewählt, denn eben damals tagte in Lemberg der reussische Landtag, auf dem — wie schon gesagt wurde — die Protestanten und Kalviner, oder — wie man sie in Polen nannte — die Dissidenten das große Wort führten: auch tagte an demselben Tage in Lemberg die Landmannschaft der reussischen Juden und eine Militärkommission, welche alte Soldaten abfertigen sollte, hatte durch eine schwere Kriegskontribution die Bürgerschaft in Aufregung gebracht. Die Sache wurde auf dem Adelslandtag verhandelt und 18 gegen 2 Redner verteidigten die Sache der Juden. Zu den zwei Verteidigern der Jesuiten hat der Kronikar auch kein Vertrauen: er nennt sie „Marktschreier" und verdächtigt sie, daß sie bald dem Gelde der Juden erlagen?o> Der Landtag war nicht das richtige Forum für die Angelegenheit, denn sie wurde im großen Rathaussaale der Stadt ausgetragen. Hier erschienen vor den Kommissären die Repräsentanten der Stadt, der Jesuiten und der Judenschaft. Schon zu Beginn der Verhandlung brach ein Kompetenzstreit aus, da die Stadt den Kommissären nicht Rede stehen wollte. Da auch die Juden denselben Standpunkt vertraten, mußten die Kommissäre die Amtshandlung unterbrechen und den Saal verlassen. i * * * Das schreckte die Jesuiten nicht zurück: was sich nicht auf direktem Wege machen ließ, das verstanden sie auf Umwegen zu erreichen. Noch am selben Tage versammelten sich die Kommissäre mit den Jesuiten und ihren Anhängern im Stadtrate und man beschloß, den Vätern die Judenhäuser — ohne Rückzahlung der von den Juden genommenen Gelder — zu übergeben. Den eventuellen Prozeß nahm das Jesuitenkolleg guf seine eigenen Schultern. Bald wurden die jüdischen Eigentümer vorgeladen und zur Rechtfertigung wegen folgender zweier Delikte aufgefordert: 1. Daß sie trotz des königlichen Verbotes Grundstücke und Häuser in der Stadt besitzen. 2. daß sie dieselben rechtlos — denn von dem. der sie nicht verkaufen durfte — erworben haben! °) Ais ausführlich', obwohl parteiische Quelle zu dem Prozeß dient die Chronik des Lemberger Iesuitenkollegs aus den Jahren 1585-177.^, die sich heute in der '. k. Wiener Hofbibliothek (Manuskript Nr. tl.^8-*) befindet. Überdies ist aus dem Prozeß ein Aktenfaszikel im Lemberger Stadtarchiv (Faszikel 257) geblieben; das übrige liegt in den Grodakten (Bernardiner- Archiv) auf. 10) Historia Collegii, pag. 42.