Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 35 Df*n Bloch’s Jahrgangxxvil Lentralorgan kür die gesamten Ilnteressen des Zudentums. -n —n- Wien, 2. September 1910 Brscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. ® Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. OCr-' p Vrrugsprrrs für Vrfierreirh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für s Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Ikonen. «. Anzeigen: Die 4mal gespal- 2 lene Petttzeile 24 Heller. C nO .—0 o B. ft. Postsparftassenamr . Clearing-Verßebr Mr. S10.S76. Redaktion und Administratton: . Wien n/i. Hahngaffe Nr. 15. , Telefon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Also doch! — Die jüdische Arbeiterfrage in Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die jüdischen Kolonien in Argentinien. Die Chuetas. Eine kleine Reminiszenz. Ein russischer Rabbinersohn als Erfinder. Jüdische Dramatiker in Frankreich. Deutsches Esperanto-Institut. Simeon I. Solomons Kunstwerke. Feuerbestattungen. Russischer „Gnadenerlaß" für einen amerikanischen Botschafter. Jüdische Auswanderung im Jahre 1909/10. Eine Statistik über die jüdische Nase. — Korrespondenzen: Zum 80. Geburtstag des Kaisers. Eine Gedenktafel für den Kaiser in der Preßburger Orthodoxen Synagoge. Zwei neue Parteien und ihre Stellungnahme zum Judentum. Der Leidensweg eines Kindes. Breslau. Ein Zirkular der rumänischen Regierung. Die Juden in der Levante. Ueber die Besiedlung Mesopotamiens. Efraim Zimbalist bei König Georg. Griechischer Boykott gegen Juden. Geheimer Kommerzienrat Dr. Loewe gestorben. Eine jüdische Polizeiassistentin. Die Aufnahme von jüdischen Studierenden an russischen Hochschulen. Ginzburgs Gogol-Denkmal. Eine furchtbare Inden-Tragödie in Rußland. Das erwachte Gewissen des Pogromhelden. Das Schicksal der Galvestoner Emigranten. Juden in Tripolis. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur - Geschichte der Juden in Polen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Aisdoch! Als mit der Rede Hrabas der Niedergang der christlich sozialen Partei begann und auf der anderen Seite der politischen Schaukel der Freisinn wieder etwas in die Höhe stieg, machten wir die Leiter der liberalen Bewegung auf einige Mängel in ihrer Organisation aufmerksam. Vor allem auf die allzu geringe Zahl der Agitatoren. Durch die fortwährenden Niederlagen ihrer Partei wurden die Anhänger der Rathausgegner so entmutigt und entnervt, daß schließlich nur eine Handvoll Unverzagter für die neuen Kämpfe übrig blieben, die natürlich unter den Strapazen bald ermüden müssen. Dann ist es wohl schwer, über die Christlich-Sozialen zu siegen, welche in den verschiedenen Vertretungskörpern mehrere hundert Abgeordnete und in ihren vielen Aemtern mehrere tausend Beamte zu Agitationszwecken haben. Ihnen wirksam zu begegnen, müßte zuerst die Gruppe der Kombattanten, vor allem aber müßte die Gemeinde der freiwilligen Mitarbeiter aus Begeisterung und Ueberzeugung eine beträchtliche Steigerung erfahren. Der natürliche und selbstverständliche Weg zu letzterem Ziel ist der Appell an einen erlaubten Egoismus. Die vorläufig erst in Aussicht stehenden Mandate müssen möglichst vielen und möglichst tüchtigen Leuten angeboten werden, von denen jeder Opfer bringt und einen frischen Anhang von Leuten herbeischafft. Man sollte darüber wahrhaftig nicht reden müssen. Jeder aber wird sogar sehr heftig werden, wenn er sieht, wie schon an der Schwelle der neuen Kampfära die alten Sünden der freisinnigen Partei sich zeigen, das Cliquenwesen, die Aemterauhäufung, die Protektion, lauter Dinge, welche die Wählerschaften immer weit verscheucht haben. Da kommt jetzt für die freisinnige Partei eine neue Kraftprobe heran. Das Landtagsmandat Luegers ist zu besetzen. Natürlich geht man mit äußerster Sorgfalt daran, einen neuen, unverbrauchten Mann herbeizuziehen, besten Popularität/ und. Tüchtigkeit die Massen anzieht? Weit gefehlt! In der abstumpfenden Hitze des Nachsommers werden rasch die Komitees zusammengesetzt und präpariert und die gleichgiltige Ansicht von ein paar Männchen dann als Stimme des Volkes ausgegeben. In der Still' und in der G'hoam wurde in der Leopoldstadt der junge Advokat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller aufgestellt. Man fand nichts Besseres, nichts Gescheiteres! Dr. Schwarz-Hiller ist bereits Gemeinderat, gerade soviel als sein Ansehen und feine Talente wert sind. Recht und schlecht erfüllt er dieses Amt, unbekannt in jenen weitesten Kreisen, welche ein paar aufgedunsene Reklamenotizen der Tageblätter nicht lesen. Und jetzt, wo es sich darum handelt, die wertvollste und lockendste Stelle zu vergeben, über welche die freisinnige Partei für lange hinaus zu verfügen haben wird und die sie einem neuen Führer anbieten müsse, hat man keinen anderen als wiederum diesen Dr. Schwarz- Hiller. Das ist ein beschämendes Armutszeugnis und schwerer Schaden für Bezirk und Partei. Er wird der erste sein, der sich in der Partei über Mangel an Mitarbeitern beklagen wird. Aber das hindert ihn nicht, seine Hand auf alles zu legen, was da kreucht und fleucht. Als ob man nicht glänzende Leute für das Mandat haben könnte, als ob nicht dem Freisinn bewährte Kräfte zur Verfügung stünden. Obligate Mache. Punkt V28 funktionierte die Volksstimme, welche den jungen Advokaten proklamierte und schon lagen die Zustimmungskundgebungen auf dem Tisch, darunter die unvermeidlichen von Hock und Ofner, welche es nicht einmal der Mühe wert gefunden hatten, bei einer der wichtigsten Entscheidungen in ihrer langweiligen Abteilung der freisinnigen Partei dabei zu fein. Dr. Schwarz- Hiller empfing längst seine Belohnung als langjähriger Cortöge Ofners, der mit seinem Murmeln für den Fortschritt und Freiheit den größten Saal in Wien in ein schlaferfülltes Dornröschenschloß verwandelt, und den Segen des Baron Hock, der sich so lange abgeklärt hat, bis Null übrig geblieben ist. Die Erbpacht einer gewissen Gruppe wurde vorschriftsmäßig weitergegeben, die freisinnige Partei hat das Nachsehen. Herr Dr. Schwarz-Hiller ist nun Advokat, Gemeinderat und will Landtagsabgeordneter werden, ist wahrscheinlich auch noch Zauberer, denn sonst ließen sich diese drei Aufgaben, von denen jede einzelne, gewiß aber die ersten zwei zusammen einen ganzen Mann brauchen, unmöglich versehen. Im Gemeinderate hätte der fleißige Kandidat sehr wichtige Ausgaben. Hier ist die Quelle der christlichsozialen Macht und hier könnte ihre Mündung werden.