Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 510 Dr. Blochs Wochenschrift, werden irrnn. Sein Name ward in den Generalprivilegien der Judenschaft LiLhaurns verzeichnet und bei jedem Thronwechsel aufs neue gelesen. Ein jeder König mutzte die Privilegien aufs neue bestätigen, somit mutzten sie umgeschrieben und von dem Ausschutz der Eesamtjudenschaft überreicht werden. Die Verdienste Sauls wurden also immer von neuem erzählt und von den vielen Nachkommen allemal mehr ausgeschmückt und vergrötzert, bis sie endlich den realen Boden der Wirklichkeit verliehen und in das Reich der Phantasie hinüberflogen. Saul war Königsdiener, und „ein Königsdiener gleicht einem König:33) Saul hat Privilegien erwirkt, vom Erwirken zum Geben ist nicht weit. Die alte Legende vom. Eintagskönig in Polen war seit dem Ende des Mittelalters bekannt, was Wunde,r, datz der Mann, der „die Privilegien erteilte", mit der Person des Königs „Abraham aus Kruschwica" identifiziert und zum König ausgeschrieen wurde. Und Saul wurde König! Der Name seines Sohnes „Wahl" der so gut vom polnischen „Wol" (Ochs Schorr), wie von einem beliebigen Thema stammen kann, — wurde auf den Vater ausgedehnt und auf diese Art die Legende begründet. „Wahl" stammt von wählen, Saul ward also der gewählte polnische König. Dem Volke war aber die Ursache seiner Wahl unklar, es fehlte die Verbindung Sauls mit dem Adel und da kam zu Hilfe die Radziwillge schichte. Nikolaus Christoph Radziwill mit dem Beinamen „P a n i e K o ch a n k u" war zu Ende des XVI. und an Anfang des XVII. Jahrhunderts eine der populärsten Figuren in Litlairen. Bis heute erzählt man von feinen Witzen und Kaprizen und mutet ihm wühl manches Stückchen zu. Wie er selbst in seiner „Jerolymitana Peregrinatio" berichtet,3^) geriet er ans seiner Rückkehr aus dem Heiligen Lande in Ancona in Geldverlegenheit, aus der er von einem Agenten eines venetianischen Kaufherrn gerettet wurde. Richtig bemerkt Bloch,3^) datz diese Episode aus dem Leben Radziwills als Begründung der Größe Sauls zu jener Legende hinzugesetzt wurde. Die Sage kennt keine Skrupel, was ihr patzt, das nimmt sie und führt zusammen. Hier brachte sie zusammen: 1. Die wirkliche Gestalt Saul: 2. Mit der alten Königslegende; 3. Die Erklärung des Namens „W a h l"; 4. Den Königsdiener-Titel Saul: 5. Die erwirkten Privilegien: 6. Die stete Uneinigkeit bei polnischen Königswahlen: 7. Die Radziwillsage. Das alles vermengt im Laufe der 117 Jahre nach dem Tode des Helden, gab im Jahre 1733 den vollen Inhalt der Königslegende von S a u l W a h l. Literat«». I. Faitlovitch, Quer durch Abefsynien. Meine zweite Reise zu den Falaschas. Berlin, 1910. M. Poppelauer. M. 5.—, geb. M. 6.—. Das Buch hat eine polemische Spitze. Es will den Bericht Nahums, des Abgesandten der „Alliance Universelle Jsraelite" zu den Falaschas, in wichtigen Punkten berichtigen, vor allem von der Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Rettungsaktion zugunsten der in ihrem Glauben bedrohten Juden Abeffyniens überzeugen, die Nahum bestreitet. Faitlovitch hat aber gerade dieser Aufgabe sein Leben gewidmet. Es ist dringend -zu wünschen, daß in dieser für die gesamte Judenheit belangreichen Frage zwischen den Parteien eine Verständigung erzielt werde: An sich bietet das Buch eine Fülle hochinteressanten Stoffes. -S. 171 wird von einer Falascha-Märtyrerin gehandelt, deren Tat an die edelsten Heldinnen unserer Geschichte erinnert. Daß der Jom- ••) "pa -jbö -np s<) Gedruckt in der Uebersetzung von Thomas Treter in Antwerpen 1614. Bloch l. c. 252 ff. Kippur bei den Falaschas mit fröhlichem Tanz begangen wird, wie ihn der Talmud (Taanit 26 b) und Chrysostomus (Contra luäaeos) schildert, i . v. a. bereichern die merkwürdigen Notizen, die wir über diesen versprengten Zweig unseres Stammes bei HalSvy und in den früheren Schriften des Verfassers finden. N. Katalog für jüdische Jugendvereine. Herausgegeben vom Verbände der Mischen Jugendvereme Deutschlands. Berlin, 1910. „Um einem dringenden Bedürfnisse abzuhelfen." Das geflügelte Wort, hier darf man es beschwören. Der Verband versucht zu bieten, wonach Eltern, Lehrer, Gemeinden und vor allem — die Barmizwah-Gratulanten längst sich schulen. An diesen ersten Schritt werden sich hoffentlich in regelmäßiger Folge weitere reihen. R. L. F. Frh. v. Reitzenstein, Liebe und Ehe in O stasien und bei den Kulturvölkern Altamerikas. Stuttgart, 1910. Fränkische Verlagshandlung. Der Verfasser hat sich mit großem Eifer in dieses besonders im letzten Teile wenig oder gar nicht btretene Gebiet gewagt und seine Ausbeute läßt an Reichtum nichts zu wünschen übrig. Die Ehe, die Familie, die Zelle des Volksorganismus, liefert für dessen Beurteilung den sichersten Maßstab. Bücher, wie das von Ploß-Bartels über das Weib, und ähnliche erfahren in diesem hübsch ausgestattelen Bändchen eine wertvolle Ergänzung. R. Jakob Segall, Die Entwicklung der jüdischen B.völkerung in München 1875 bis 1905. (Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden. Heft 7.) Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstraße 19, 1910. Verlag des Bureaus für Statistik der Juden. Preis M. 3.—. Während das Bureau für Statistik der Juden in seinen Veröffentlichungen bisher einzelne Länder zum Gegenstände der Untersuchung gemacht hat (Rußland. Oesterreich, Rumänien, Hessen), geht es jetzt daran, die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten, wie Berlin, Frankfurt, Breslau, Hamburg, einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. Aus zweierlei Gründen ist die jüdische Bevölkerung Münchens zum Ausgangspunkt für die Serie von Arbeiten gemacht worden, welche die Entwicklung der jüdischen Großgemeiuden zum Gegenstände haben. Einmal sind in München mehr als in anderen kommunal-statistischen Aemtern die statistisch erfaßbaren Verhältnisse der einzelnen Konfessionsgruppen behandelt worden. Dann aber sind gerade die Münchener Verhältnisse in vielfacher Beziehung typisch für die großstädtischen Juden in Deutschland. Die Münchener jüdische Gemeinde verdankt nämlich ihr starkes Wachstum in den letzten zwanzig Jahren zwei Erscheinungen, die wir als charakteristische Merkmale der Gegenwart bezeichnen können, dem Zuge vom Lande tn die Stadt und die Einwanderung vom Auslande. In der Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung hat sich während dieser Zeit eine Veränderung von tiefgreifender Bedeutung vollzogen. Während in den Jahren 1875 bis 1880 und 1880 bis 1885 die ortsgebürtigen und die aus den sonstigen Bayern gebürtigen Juden den Kern der Gemeinde bildeten, begann Ende der Achtziger-Jahre mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Münchens der Zuzug der sonst im Deutschen Reiche gebürtigen Juden, namentlich aus Württemberg und Preußen, stärker zu werden und es erfolgte eine erhebliche Einwanderung von Ausländern. Die Folgen dieser Umgestaltung der jüdischen Masse finden in der vorliegenden Schrift eine gründliche und umfassende Würdigung. Die Arbeit ist wissenschaftlich und praktisch von bedeutendem Wert. Sie kennen zu lernen, wird für Jeden erforderlich sein, der sich irgendwie mit der gegenwärtigen Lage der jüdischen Bevölkerung beschäftigt. Max Maurenbrecher, Von Jerusalem nach Rom. Berlin- Schöneberg, 1910. Buchverlag der „Hilfe", G. m. b. H. M. 4.-, in Leinen M. 5.—. Der Verfaffer verwirft sowohl die Ergebnisse.der Religionswissenschaftler, die den Unterschied des Christentums von den anderen orientalischen Religionen nicht gelten lassen, als auch die der liberalen Theologie, die die ganze christliche Religionsbewegung rein aus der Persönlichkeit des geschichtlichen Jesus ableiten wollen. Er sieht den Ursprung des Christentums in einer eigenartigen und einzigartigen Kreuzung außerjüdischer und jüdischer Elemente, die in einer Stunde heißester Leidenschaft zusammengeschmolzen und dadurch ungeheuer vertieft worden sind. So ist aus der Mischung älterer Elemente eine neue Religion entstanden, die nun sowohl jener außerjüdischen, als auch der jüdischen Religion gegenüber eine neue Form des religiösen Bewußtseins dargestellt hat. Dieser allgemeine Gedanke wird in dem Buche durchgefllhrt an der Geschichte der ersten Generation der christlichen Religionsbewegung. Der Verfasser erzählt diese Geschichte vom Tode Jesus bis zur neronischen Christenverfolgung und zum Ausbruch des jüdischen Krieges, überall die Momente besonders herausarbeitend, in denen sich die Eigenart der neuen Mischung alter Elemente gegenüber den älteren Religionen beweist. So wird sowohl die Abhängigkeit des Christentums von anderen Religionen, als auch seine' Eigenart in jedem Punkte kräftig beleuchtet. Auch dieser zweite Band der Untersuchungen über die weltgeschichtlichen Zusammenhänge des Urchristentums zeigt die Vorzüge des ersten Buches von „Nazareth nach Golgatha" Wissenschaftliche Gründlichkeit, ungewöhnliche Klarheit in der Darstellung, glänzender Stil und den warmen Ton eines im Grunde tief religiösen Mannes.