Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hr. 26 Dra BlOCh’S IshrgMgxxvII Lentralörgan kür die gesamten linke ressen des Judentums. -□ ~n- Wien, 1. IM 1910 Lrscdeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. 0(J=.■ -==DO p VerugS'.rreis für ©elf errcidj: halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Fürs Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig £0 Kronen. Anzeigen: Dis 4malgespal- O tene Petitzeile 24 Heller. oO —Q o? A. ft. Prjffparftaflfejmtnf Q Sleartng-Verk ebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: Vien H/i. Hahugasse Nr. 15. J) Telefon Nr. 14.847. j nO - -Qo Inhalt: Leitartikel: Ein Ehrengeschenk für Ritter Stampiglius. — Das Charakterbild Ernst Schneiders. — Eine Rede des Abgeordneten Univ.-Dozenten Dr. Arthur Mahler. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Aufschwung Bagdads durch die Juden. München. Warum verleugnete Columbus seine spanische Abkunft? Ein Wormser jüdischer Heilkünstler. Die französische Siaatskommiffion zur Reformierung des Code Civil. Ein jüdischer Admiral. — Ein deutscher Professor in der Schweiz. — Zur Frage des Nnterrichtswesens. — Korrespondenzen: Budapest. Ignaz Goldziher. Ein jüdisches Gymnasium in Budapest. Einsturz alter Ghettohäuser. Das fünsundzwanzigjäbrige Jubiläum der „Alliance Jsraelite Universelle". Berlin. Die Eltern vertrieben, die Kinder getauft. Die russische Regierung fürchtete die ausländischen Protestgebungen. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. Israel. Regimentsarzt Verblich s. A. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate Gm Ehrengeschenk für Kitter Stampiglius. Wahrscheinlich fühlen die Christlich-Sozialen, daß denn doch nicht mehr lange die Herrschaft ihrer Partei ertragen werden wird, daß das Komödieuspiel der demagogischen Phrasen, der erlogenen Versprechungen, der unglaublichen Korruption ein Ende haben muß. So suchen sie denn noch geschwind sich anzueignen, was an Gütern und Vorteilen des öffentlichen Lebens zu haben ist, und offenbaren bei der Gier der Verteilung all den Hohn, mit dem sie ihre Politik auf Kosten der Bevölkerung getrieben haben. Ein Millionär nach dem anderen tritt.aus ihren Reihen an die Oeffentlichkeit, hervorgezerrt von unzufriedenen Parteiblättern und Parieileuten. Man wird lebhaft an die biblische Geschichte von den zehn Gerechten gemahnt, welche in Sodom und Gomorrha nicht zu finden waren. Wer erinnert sich nicht der brausenden Pfuirufe der Massen, welche der schwarze Prinz mit seinen Behauptungen von der jüdischen Korruption beim berüchtigten „Goldenen Luchsen" auslöste? Will Seine antisemitische Durchlaucht nicht einmal selbst herzhaft Pfui rufen, wenn er die Größen aus seiner nächsten Umgebung betrachtet, mit denen er ausgezogen ist. um den kleinen Mann von der Judengefahr zu retten? Jetzt ist der Antisemitismus Trumpf, aber der kleine Mann ist vollständig niedergebrochen und nur seine Retter tanzen um die goldene Statue des Gottes Nimm einen Reigen der vollgemästeten Millionäre. Es schien bisher geradezu ein Wunder, daß in dem Gefolge Hrabas, Verganis und Geßmanns Ehrenstampiglius Schneider sich nicht befand. Sollte dieser Mann doch ein weniger robustes Gewissen bekommen haben und sich mit dem bereits Erreichten begnügen, mit dem Reichtum, den er sich mit der Lieferung von Gas- und Wassermessern für die Kommune erwarb? Aber nein! In der letzten Sitzung des Gemeinderates kam dieser Ehrenmann aufs Tapet und verlangte im Wege seiner Fünfhauser Freunde nach Verganischem Muster für sich eine kostenfreie Ehrung, das Bürgerrecht sollte ihm taxfrei verliehen werden für die Verdienste, welche er sich um die Stadt erwarb. Honoris causa l Die Opposition, welche sich bei dieser Gelegenheit schneidig und taktisch klug benahm, hat nicht ermangelt, einige von den Verdiensten um die Stadt aufzuzählen, welche Ehrenstampiglius eigentlich besitzt, der Gewerbefreund, dessen Gasmesser von einem anderen erzeugt und von ihm nur der Kommune verkauft werden. Die Redner sagten, das Reinlichkeitsgefühl sollte die Majorität davon abhalten, Schneider das taxfreie Bürgerrecht zu verleihen. Die Ehrung sei ein Pflaster für Schneider, weil er zu viel wisse; er habe in einem Prozesse, wie dokumentarisch nachweisbar, falsche Zeugen angeworben; man habe ihm Stampiglienfälschung vorgeworfen; er sei besoffen ins Parlament gekommen; der Magistrat habe ihn für unfähig und unwürdig erkannt, Genossenschaftsvorsteher zu sein; er mußte von seinen eigenen Parteigenossen die ärgsten Beschimpfungen einstecken. Eine schöne Blutenlese, aber sie ist noch lange nicht ganz. Man hätte fragen sollen, warum die Stadt dem Manne, der au ihr reich geworden sei, ein Geschenk machen solle. Man hätte lange die flammenden Wahrheiten zitieren können, welche Dr. Bloch seinerzeit im Abgeordnetenhaus dem so oft in Begleitung des Schulchan Aruch und eines Rausches erscheinenden Stampiglius ins Gesicht schleuderte, darunter die Feststellung, daß es Schneider nur der Nachsicht des Staatsanwaltes zu verdanken hätte, wenn er überhaupt ius Parlament einziehen konnte. Als Krone des Spiegels aber, welcher das Bild des Musters eines christlichen Familienvaters entrüstet zurückwirft, dient wohl am besten Schneiders berühmte Affäre im Landtag, in welcher der bürgerliche Gasmessernleister sich mit dem jetzigen Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, Dr. Ignaz Edl. v. Ruber beschäftigte. Es ist sehr traurig für die Rechtspflege in Oesterreich, daß Schneider so etwas sagen durfte, wie er es getan hat, ohne daß eine große Untersuchung kam, welche die Schuldigen sich herausholte und der strafenden Gerechtigkeit übergab. Die Wage der Themis scheint leider sehr schadhaft geworden zu sein. Der Tatbestand der Aeußerungen Schneiders hätte in normalen Zeiten das ganze Reich in Aufregung zu versetzen. In offener Landtagssitzung behauptete Stampiglius, er hätte es dem damaligen Justizminister Ignaz E. v. Ruber unmöglich gemacht, die Hilsneraffäre ihren normalen Gang gehen zu