Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Seite 418 sprochen hat. Oder vielmehr vor seiner Erklärung. Nach den jüngsten Erklärungen aus dem christlich sozialen Lager muß man wohl jedermann die Glaubwürdigkeit der dementierenden Parteikorrespondenz zu beurteilen überlassen. Man bewundert die Kühnheit, mit welcher die Christlich-Sozialen die Hrabaaffäre in dieser Weise abzuwickeln wagen. Die liberale Partei hätte solche Vorfälle wohl nicht um viele Stunden überlebt, hätte es nicht ausgehalten, den Vergleich mit der bekannten Korruption der Tammanyhall durch lahme Erklärungen beizulegen. Es sieht wie ein Fatum aus, daß die jetzt herrschende Partei so vom Glück begünstigt ist, daß sie ttotz allem daran denken kann, das österreichische Ministerpräsidium zu besetzen. Zum Teil ist es ihr eigener Erfolg. Sie hat das Volk durch die Demagogie so verdummt und durch den Klerikalismus so gefügig gemacht, daß sie der Maffe das Urtellsvermögen geraubt hat. Zum größeren Teil aber ist die Ungestörtheit der christlichsozialen Partei ein Mißerfolg ihrer Gegner, herbeigeführt durch Bequemlichkeit und Versäumnis. Von allen Rednertribünen der Opposition mußte sich nach den letzten Affären der Christlich-Sozialen unausgesetzter Sturm erheben. Die Liberalen sind dabei eher zu entschuldigen. Sie sind als Partei zu schwach, haben wenig Berufspolitiker und bezahlte Agitatoren, werden von der Presse zu schwach unterstützt und besitzen vor allem zu wenig Leute, welche durch ihre Immunität als Reichsräte die Möglichkeit haben, ungescheut ein freies Wort zu reden. Bei den Sozialdemokraten aber entfallen diese Mängel. Warum bieten diese nicht einen großen Heerbann auf, um leichte Siege zu feiern? Da merkt man wieder die Bedenken und die Schwachmütigkeit gewisser Führer, welche vor emem Kampfe gegen die Antisemiten zurückscheuen, weil man dabei leicht ihr Judentum entdecken könnte. Ein Milderungsgrund für die gesamte Opposition liegt allerdings auch in dem Umstande, daß man geradezu gelähmt wird von der Skrupellosigkeit der Christlich- Sozialen, in der man wieder freundschaftlichst zusammenknickt, nachdem man einander soeben schwerste Vorwürfe finanziellen Inhaltes gemacht hat. Warum auch nicht? Was ist die Ehre — kann man sie essen? Die christlichsoziale Partei würde ihre Gründer verleugnen, wenn sie sich anders verhalten hätte als bis zu Hraba. Ihre Mitglieder dürfen sich nicht streiten, müssen eine fabelhaste und überraschende Nächstenliebe gegen einander entfalten. Denn Einigkeit macht stark zum Kampfe — gegen die jüdische Korruption. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Jude Mitglied des spanischen Parlaments. Spanien scheint doch aus seiner Jahrhunderte langen Finsternis heraus ins helle Licht der Zivilisation und des Fortschrittes dringen zu wollen. Das Volk ist der klerikalen Herrschaft müde geworden und läßt sich an der gewaltsam betretenen Bahn der Gewissensfreiheit nicht verdrängen. Dieser Volkswille hat sich mit solch elementarer Gewalt geltend gemacht, daß Regierung und Dynastie schließlich von diesem Volkswillen auch Kenntnis, nehmen und ihm Rechnung tragen muffen. Spanien war bis vor kurzem das einzige Land der Welt, in welchem die katholische Religion das ausschlietzliche Privilegium besah, Gotteshäuser zu errichten und öffentliche Gottesdienste zu-veranstalten. Die jüngsten spanischen Parlamentswahlen endeten jedoch mit einem durchschlagenden Sieg der Liberalen und Regierung wie Dynastie haben bereits aus dieser Volkskundgebung die konstitutionellen Konsequenzen gezogen, indem sowohl in der Thronrede, wie auch in den programmatischen Erklärungen des Ministerpräsidenten Canaleja die Absicht ausgedrückt wird, mit dieser Anomalie auszuräumen und den anerkannten Konfessionen, zu denen auch die protestantische und jüdische gehören, die Rr. 35 Rechte der freien Ausübung auch in der Praris zu gewähren. Daß das spanische Volk tatsächlich entschlossen ist, die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Lande durchzusetzen, dafür spricht eine Tatsache, die noch vor ganz kurzer Zeit kaum denkbar gewesen wäre. Wie nämlich Pariser und Londoner Blätter übereinstimmend melden, und auch vom Korrespondenten des „Jewish Chronicle" berichtet wird, wurde bei den letzten spanischen Parlamentswahlen im Bezirke Corogna der Madrider jüdische Bankier Gustav Bauer gegen einen klerikalen Kandidaten mit überwiegender Majorität zum Deputierten gewählt. Es ist dies seit dem hundertjährigen Bestände des spanischen Parlaments der erste Jude, der ins Parlament als Deputierter einzieht, da ja die Juden seit ihrer Vertreibung <lus dem Lande im Jahre. 1492 zu öffentlichen Stellen nicht zugelassen wurden. Das Hauptverdienst an dem Umschwünge der Volksstimmung zugunsten der Juden in Spanien gebührt dem "Senator Professor Doktor Angel Pulido, der in zahlreichen Schriften und auch im Wege der persönlichen Propaganda für die Repatriierung der jn der. ganzen Welt verbreiteten Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden Stimmung machte und diese Idee noch heute nicht aufgegeben hat. Es ist wahrscheinlich, dah diese Bewegung, die gegenwärtig von einer namhaften Organisation betrieben wird, jedoch seit Einführung der Konstitution in der Türkei weniger Aussicht auf Erfolg denn je hat, nunmehr mit größerem Nachdrucke, ihr Ziel verfolgen werde. Der neugewahlte Deputierte, Bankier Gustav Bauer genießt sowohl als Bankier wie auch als Politiker in Madrid großes Ansehen. Die Vorgänge im türkischen Reiche. ’ Wer die Meldungen 'der "türkischest ^Blatter m jüngster Zeit mit Aufmerksamkeit verfolgt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das jungtürkische Komitee noch nicht oder nicht mehr die Herrschaft über die politischen Ereignisse im ottomanischen Reiche in vollem Matze besitze. Am deutlichsten geht dies aus der Haltung der Jungtürken den Juden gegenüber hervor, die auf das freiheitliche Regime der Jungtürken so große Hoffnungen gesetzt haben. Die Unsichere Haltung der Jungtürken oder vielleicht die Unsicherheit ihrer Stellung hat verschiedene einflußreiche Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt veranlaßt, aus demselben auszutreten und ihre Mandate niederzulegen. In dieser Beziehung ist für uns Juden die Demission des Deputierten von Adrianopel Dr. Riza Tewfik Bey am wichtigsten. Riza Tewfik, selbst ein „Alliance-Schüler", ist ein genauer Kenner der Verhältnisse der Juden im Orient, hat sich wiederholt für die Aufbesserung der Lage der Juden eingesetzt und gab während seiner Europareisen im vorigen Jahre in wiederholten Unterredungen der Ansicht Ausdruck, daß die Türkei alles aufbieten müsse, um sowohl das jüdische Kapital, als auch die zahllosen, heimatlosen jüdischen Arbeitskräfte ins Land zu ziehen und ihnen Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Es dürfte wenig bekannt sein, daß Riza Tewfik einen ganzen Plan für die Einwanderung und Kolonisierung russischer und rumänischer Juden im türkischen Reiche ausgearbeitet hatte. Der Austritt dieses bewährten Jüdenfreundes aus dem türkischen Parlamente bedeutet für die Juden einen großen politischen Schlag und ist auch für die unter der sichtbaren Oberfläche sich'abspielenden Ereignisse symptomatisch. Geradezu aufsehenerregend ist jedoch ein Bericht des Korrespondenten des „Jewish Chronicle" aus Koystantinopel, den wir dem Wortlaute nach wiedergeben, die Verantwortlichkeit der Richtigkeit der Meldung dem genanA ten Blatte überlassend: : : ■/i'.-T-- - 4;; y ■ v tUnY; ‘iT I?5? Dr. Bkochs Wochenschrift.