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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 418 Dr. Blochs Wochenschrift. Aus Baja wird gemeldet: In Bacs-Monostor herrschte der dortige Pfarrer St o 3 ä! einige Anhänger des Kandidaten der Justh-Partei, Moritz Lanyi, im Wirtshaufe mit den Worten an: „Ich will nicht, daß Ihr für den Juden Lanyi stimmt!" Darauf wurde ihm geantwortet: „Der Jude Lanyi sei ein solcher Mann wie der Pfarrer, wenn nicht ein besserer." Es entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, der damit endigte, daß der Pfarrer eine Ohrfeige erhielt. Dieser ergriff einen Stuhl, worauf der Pfarrer nach einigen weiteren Ohrfeigen aus dem Gasthause geworfen wurde. Pfarrer Kozak kehrte nun mit einem Gewehre zurück, aus dem er zwei Schüsse gegen die Wirtsstube abfeuerte, ohne jemand zu treffen. Nun stürmten die Wähler auf die Straße, entrissen ihm das Gewehr und zerbrachen es förmlich an seinem Körper. Der Pfarrer verlor die Besinnung und wurde in schwer verletztem Zustande nach seiner Wohnung gebracht. FeuNeton. Skizzen ««d Studien zur Geschichte der Jude« i« Polen. Von Dr. Majer Balaba« (Lemberg). I. Isaak Nachmau 0 wicz, der polnische Jude des XVI. Jahrhunderts. Die polnischen Juden * * *) aus dem XVI. Jahrhundert dürfen nicht mit den deutschen Juden aus dem späten Mirtelalter oder mit ihren polnischen Glaubensgenossen aus dem XVIII. Jahrhundert identifiziert werden. Es war ja vor dem großen Unglück für Polen und Juden, vor dem Ausstand Chmielnicki's im Jahre 1648. Noch war der polnische Staat stark und geordnet und in ihm war der Jude gut geborgen und einflußreich. Denn hinter ihm staud eine mächtige jüdische Organisation „d i e Vi e r l ä n d e r s y n 0 d e", ein eigenartiges Judenparlament, das am königlichen Hofe einen steten^ und wachsanren Vertreter hielt. Von ihm spricht der König in seinen Dekreten: „1 udaeu 8, gul iu N 0 s t r a aula residet“ — „der Jude, der au Unserem Hofe waltet". Mau nannte zwar in den offiziellen Akten den Juden: liiki du 8, per kl du 8 oder 1ueredulu8, im Leben war er aber ein „Herr", wie seine adeligen Schuldner und iu Briefen heißt man ihn : p r 0 v i d u s (sürsichtig), hones'tns (ehrenfest) und sogar generosus (edel). Zwei Dinge mußte aber der Jude besitzen, um fortkommen zu können: Verstand und Geld; beides besaß die Familie, von der ich erzählen will. Ihr Ahn war Isaak Sohn N a ch m a n s, d. i. Nachmanowkcz und ihre Geschäfte sind so groß und verzweigt, daß sie ganze Bände der Schloßakten füllen. Isaak.ist Pächter der städtischen und staatlichen Einnahmen, der Mauten und Zölle, nebenbei verleiht er hohe Summen an Bürger und hohen Adel. Wir begegnen ihm zum erstenmal in den Grodakten im Jahre 1565 und dort führt er den Titel Doktor, wie die Vertreter der ganzen rrnßischen Judenschaft genannt werden, und ist Assessor im Jndengericht der Stadt Lembergs) *) Alle Studien und Skizzen basieren auf handschriftlichem Aktenmatcrial, welches in verschiedenen Archiven aufbewahrt wird. Besonders werden in den Fußnoten zitiert: Acta castrensia leopoliensia (A. C. L.) — Schloß oder'Grodakten in Lemberg, aus dem sogenannten Bernhardinerarchiv, Archiv der Stadt Lemberg (A. St. L.) dort: Ratsprotokolle (acta conLularia: consul), Schöffeakta (bannita oder scabinalia Sc) — Grodakten von Przemhsl (A. C. Praemisl) von Sandomir <A. C. Sandomir) Landakten Terrestria A. T. von Lemberg <A. T. L.) re. zc. 2) A. C. L. 332, pag. 385 _ ») A. C. L. 376 pag. 653. Im Jahre 1589 steht er. als Vorsitzender (JudenmarschaÜ) des Landtages zu Lublin (nisns »vn m-b) der ganzen polnischlithauischen Judenschaft vor und bezahlt dem Staate die übliche Kopfsteuer in der Höhe von 8000 ungarischen Dukatens) Als Judenmeister von Lemberg führt er an den Starosten das ,,8ul> 8idium charitativum ab,») und im Streite der Jndengemeinde mit den christlichen Kaufleuten um Handelsrechte, führt Isaak das große Wort. Seine Privatgeschäfte sind sehr verzweigt und die Gerichtsbücher geben uns über sie den besten Aufschluß. Im Jahr 1591 schuldet er dem Großkaufmann und Griechen K 0 n st a n 1 i n u s K 0 rniaktus: 3400 fl»), im Jahre 1592: 2000 fl6), int Jahre 1593 hat schon Isaak bei ihm zu Gut: 6000 fl7). Am 7. Juni leiht Isaak dem Thomas Starzycki 3200 fl^), im Jahre 1592 der Frau Katarina Borecka: 1000 fl6 *), im Jahre 1591: dem Kucharski 3000 fl.10) und im Jahre 1593 demselben mit samt dem Andreas Dabrowski 2150 fl.11 * 13 *). Alle Geschäfte macht er gegen AkzeptesSchuldscheine, Wechselbriefe, Mamrane-Membraua) oder auf Hypotheken, er verschmäht auch nicht das Faustpfa n d, wobei er nur auf große Geschäfte rtfleftiert. Stanislaus, Bonifacius Mnisch ek, K ast el l an zu Samb 0r, verpfändet bei ihm ein braunes, goldgesticktes Zelt mit Silberstaugen und Goldtresten,1?) der königliche Hof versetzt bei ihm durch Vermittlung eines gewissen Schulemberg zwei antike ungarische Goldreifen, einen goldenen, mit Perlen besetzten Pokal mit Deckel und zwei paar goldene Zäume — alles um 2500 fl. Als Schulemberg durchgegangen ist, hatte Isaak Unannehmlichkeiten, bis er die Sachen aus dem Hause gab.1») Eine zweite Beschäftigung Isaaks bildete — wie schon gesagt — die Pachtung der Mauthäuser und Zölle. Im Jahre 1574 führt er einen Prozeß mit dem Juden Aron Reiß. Es handelt sich um die Maut und Mühle in Gliniany, die beide beim Starosten Nikolaus H e r b u r t gepachtet haben. Die Juden blieben dem Star osten eine gewisse Summe schuldig und daher befahl er, daß sie für die Zukunft das ganze G ld in das Schloß bringen und dort ihre Verrechnungen treffen. Ans den Prozeßakten erfahren wir, daß der Jahresumsatz dieses Geschäftes auf 10.407 fl. 20 Groschen sich belief und daß Aron aus den Geschäftsbüchern manche Zettel hinausriß, um seinen Gesellschafter zu hintergehen.") Isaak pachtete alle Einkünfte der Lemberger Starostei, die Maut in Gliniany. wie auch alle Zölle des Wojewodm von Reußen. Zu den Geschäften hatte er einen Kompagnon: den Juden David und nach dessen Tode seine sechs Söhne15). Als Zöllner war Isaak nicht besser und nicht ärger als die Anderen; die Vielfältigkeit der Schranken sowie die Unkenntnis der Zolltaxeu führten ein derartiges Chaos herbei, daß die Partei nie wußte, ob die Ware richtig verzollt wurde. Anbei muß bemerkt werden, daß der Adel alles zollfrei führte und die Bürger mancher Städte ein ähnliches Privileg besaßen. Die Bauern, welche für den Adel die Ware führten, waren nicht immer mit genügenden Bescheinigungen versehen und so mußte der Zollpächter aufs Wort glauben, oder trotz der Versicherung des Bauern das Mautgeld einheben. Dadurch kam es oft am Mauthäusel zu Prügeleien, die eine Reihe von Prozessen nach sich zogen. Diese Prozesse wegen „Mautschinderei" (Extorsio *) A. C. L. 337 pag. 303. b) A. Terrestria. L. 32 pag. 71. «) A. T. L. 36 pag. 1122. 7) A. T. L. 36 pag. 1142. <0 A. C. L. 345 pag. 1094. a) A. T. L. 94 pag. 592. 10) ibidem pag. 594. “) 21. %. ß. 36 pag. 1131. '-) A. C. L. pag. 365 2180—1. 13) A. C. L. 349 pag. 1188—9. Die Sachen wurden erst rm Jahre 1611 zurückgenommen, somit 16 Jahre nach Isaaks Tode. «) A. C. L. 335 pag. 764 und 773. ») A. C. L. 345 pag. 794.

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