Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch’s ♦ f * Jakraangxxvv Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. -□— —HD- Wien, 17. Juni 1910 LrscDeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Wann wird sich Vergant mit Geßmann versöhnen? — Die Judenverfolgungen in Rußland. — Ein Mahnruf. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Verzeichnis getaufter jüdischer Kurärzte. Internationale Hygiene-Ausstellung, Dresden. Die Verjudung des spanischen Königshauses. Ein jüdischer Admiral. Nationaljudentum ohne Religion. — Korrespondenzen: Zum Kaiserbesuch in Sarajewo. Zur Affäre Hilsner.-Triest. Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der »Alliance Jsraelite Universelle". Zu den jüngsten Naturalisationen in Rumänien. Eine Warnung des türkischen Oberrabdinats. Die französische Stiatskommission zur Reformierung des Code Civil. Luigi Luzzatti an eine katholische Deputation. V.rhandlungen der Duma. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. Jüdische Kolonisation im Heiligen Lande. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. oo - -=o o p Bezugspreis für Vestrrrrirh: p Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- ,3 texte Petttzeile 24 Heller. £ O P --=Q O ————■—— ÖO Q A. ft. Postsparftaffenamr Slearing-Verk ebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Viru IX/i, Hahugasse Nr. 15. 'Telefon Nr. 14.847. nO ——Oo Man« wird sich Urrgani mit Geßmann versöhne«? Vergani erzählt jetzt im „Deutschen Volksblatt" alte Neuigkeiten. Es sind keineswegs Enthüllungen, welche er über Geßmann, Bielohlawek, Steiner. Ebenhoch und Liechtenstein macht, sondern es ist bloß die Bestätigung der Tatsachen interessant, welche in Wien alle Leute längst schon wußten, mit Ausnahme jener großen Majorität des unendlich dummen Kerls natürlich, welcher die christlichsozialen Wahlphrasen noch immer als bare Münze nimmt und sich mit Versprechungen an der Nase führen läßt. Wem konnte es auch entgangen sein, daß dfx Retter des kleinen Mannes nichts gerettet haben als sich selbst, das aber ausgiebig? Mit dem Bleistifte in der Hand war nachzurechnen, daß die Führer der Christlich-Sozialen in den zehn Jahren ihrer Macht sich Millionenvermögen erworben haben mußten und sie müssen noch das Rätsel lösen, von welchem Gehalt sie sich jährlich mindestens hunderttausend Kronen ersparen könnten. Man konnte nur ebensowenig an sie heran, wie etwa im Altertum die patriotischen und anständigen Römer an die Demagogen und deren Plebejer ankamen, die ihre ziffernmäßige lleberlegenheit mit roher Rücksichtskeit verbanden, welche das ganze öffentliche Leben samt der Rechtspflege beherrschten und gegen welche es keine andere Hilfe gab als den Zwiespalt im eigenen Lager. Bei den Christlich-Sozialen hat nun Vergani diesen Keil eingetrieben, seitdem man ihn nicht in den Gemeinderat hineingelassen hat und außerdem noch sein Blatt zugunsten der „Reichspost" angreifen und entwurzeln will. Er hat dem Führer seiner Feinde, dem Dr. Geßmann und dessen engeren Anhang eine Art heiligen Krieg geschworen und sein Archiv ist voll Erinnerungen. welche ihm als Waffen dienen. Da erfährt man nun, daß gewisse Herren dasselbe tun, wofür sie seinerzeit die liberale Partei mit unendlicher Gehässigkeit angriffen, daß sie nämlich ihre Macht dazu benützen, um sich Verwaltungsratsstellen und andere Einkommen des Großkapitals zu sichern. Man erfährt die Mittel, welche Geßmann gebrauchte, um in die Höhe zu kommen, und welche versagten, als er Wiener Bürgermeister werden wollte. Wenn das wahr ist, was man jetzt erbaulich im Volksblatt zu lesen bekommt, dann könnte es unter dem Namen des Eiuclaire - Romans ..Der Sumpf" erscheinen und eine Fortsetzung davon wären die Berichte über Vergani in den Blättern seiner Gegner. Man wird erst bei den Wahlen sehen, wieviel Licht durch den Kulissenriß im christlichsozialen Theater in die Bürgerschaft gedrungen ist. Vorderhand ist es an der Regierung, die Augen aufzumachen und sich die Leute zu betrachten, vor denen man sich die langen Jahre her oft tiefer verbeugte, als es die Staatsgrundgesetze gestatteten. Vorderhand ist es an den Staatsanwälten, die Hetze der antisemitischen Presse gegen die Juden einzustellen, nachdem sämtliche Verleumdungen der Juden wegen Korruption und Skrupellosigkeit aus das Haupt der antisemitischen Führer — laut Vergani — so wuchtig zurückfallen. Das Schönste an antisemitischer Moral erlebt man aber nicht jetzt, das wird man erst erleben. Man erinnert sich noch, mit welchen letztklassigen Ausdrücken K. H. Wolf und die christlichsozialen Führer sich im Parlamente gegenseitig regalierten. Doch als es zu den Wahlen des allgemeinen Stimmrechtes kam. da lagen sich am Halse beide und weinten vor Schmerz und Freude. Der Gott Nimm, der blanke Vorteil ist und bleibt immer noch der oberste Leiter der antisemitischen Politik. Schon schreibt Vergani. man müsse der Partei Opfer bringen und dürfe den Juden und Sozialdemokraten keine Freude machen. Das heißt mit anderen Worten, daß man schon Vorverhandlungen eingeleitet hat, um ihm den Willen zu tun. Verganis Absicht besieht darin, zu politischen Ehren zu kommen. Seine Million und darüber hat er schon — über die Herkunft des Geldes ist in ber „Reichspost" und in Bielohlaweks „Volkspresse" näheres sehr deutlich zu erfahren. Er möchte jetzt wieder ins Parlament zurück und in die Parteileitung kommen. Und man wird ihm diesen Gefallen tun — so kühn es für den Naiven auch aussieht, diese Prophezeiung auszusprechen. So wie man sich gegenseitig nicht leiden kann, werden Geßmann und Fürst Liechtenstein einsehen, daß sie die