Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite SSO Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 19 wärmste willkommen." Nach einem Segensspruch des Oberrabbiners Güdemann gab der Kasseverwalter des Vereines in gehaltvoller Darstellung eine kurze Geschichte des Vereines, seiner Wirksamkeit, die Entstehung des eigene» Heims und gedachte mit beredten Worten der segensreichen Tätigkeit der Vorstandsdamsn. Präsident Dr. Alfred Stern würdigte sodann in längerer Rede die Tätigkeit des Vereines und sagte : „Unter den 165 Wohltätigkeitsvereinen, welche in unserer Kultusgemeinde bestehen, gehört Ihr Verein zur Kategorie der prophylaktisch wirkenden. Arme Mädchen werden herangebildet und durch Unterricht auf dem Wege der Arbeit wird ihnen die Gelegenheit geboten, in ehrenhafter Weise ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Es sind wenige Tage her. daß wir das Jubiläum eines solchen Vereines feierten, des israelitischen Handwerkervereines. der allerdings auf einen 70jährigen Bestand, hinzuweisen vermochte. Ihr Verein ist 43 Jahre alt, steht also sozusagen in den besten Jahren; wir wollen aber hoffen, und es sind ja auch alle Anzeichen dafür, daß demselben ein siebzigjähriges und noch länger dauerndes Leben beschieden sein werde. Wenn Sie aus den Fenstern dieses Hauses blicken, zeigt sich Ihnen gegenüber unser Altersversorgungs- und Siechenhaus. 300 alten, siechen Männern und Frauen wird dort ihr. Lebensabend möglichst erträglich gemacht. In diesem Hause waltet die Heranwachsende Jugend, welche in das Leben hinausstrebt und hier für den Kampf des Lebens ausgerüstet werden soll. Der Kultusvorstand zollt dem segensreichen Wirken der Vorstandsdamen, sowie des Lehrkörpers Anerkennung und Lob, und war immer und wird auch immer bereit sein, fo weit er es mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln vermag, das Wirken des Vereines zu fördern." Landesschulrat Dr. Gustav Kohn zollte dieser.,Vereinsschule und ihren großen Erfolgen herzhaftes Lob. In einer an Form und Inhalt gleich schönen Rede würdigte die hochverdiente Direktorin der Schule Frau Regine Ulmann die Verdienste der ersten Präsidentin Frau Jda Diamant, der Heimgegangenen Frau Paula Frankl v. Hochwart, des ersten Direktors der Fortbildungsschule Direktor S. Heller, dankte dem Vorstande für die Fürsorge um die Schulen. Ein stimmungsvolles Festgedicht von Olivin Kuranda, „Zur Weihe des Hauses", wurde von einer Schülerin wirksam vorgetragen. Die Präsidentin Frau Dr. Schüßler dankte noch der Direktorin und dem Lehrkörper. Mit der Absingung der Volkshymne schloß die würdige Feier. Bei dem nun folgenden Rundgang wurden die zweckmäßigen Anlagen und die allen Anforderungen der modernen Hygiene Rechnung tragenden, lichten, luftigen Räume bewundert, die trotz ihrer Einfachheit eines gefällig schönen Gepräges nicht entbehren. Grand Rabbi« Chaim Nahum auf feiner Inspektionsreise. (Ei nJnterview.) Der Chacham Baschi der Türkei, Rabbi Chaim Nahum ist auf seiner ersten Inspektionsreise durch die Provinzen des ottomanischen Reiches begriffen. Als erste Station wählte er Saloniki, wo er mit großen Ehren empfangen wurde. Ueber den Zweck seiner Reise äußerte sich Se. Eminenz dem Redakteur des Progrös de Salonique" gegenüber wie. folgt: „Meine Pastorale Inspektionsreise hat einen doppelten Zweck: Erstens will ich alle meine Gläubigen, das Milieu, in dem sie leben, ihr geistiges Niveau, ihre Sitten und Gebräuche aus eigener Anschauung kennen lernen. Zweitens will ich für mich selbst die Bedürfniffe feststellen, die jede Gemeinde hat, um ihnen so rasch und so gut als möglich abhelfen zu können. Zu diesem Behufe scheint mir der Kontakt mit den Chefs und Vorstehern der einzelnen Gemeinden von großem Nutzen zu sein. Die ungelösten Fragen erhalten eine faßliche, klare Fvrm, wenn sie von Mann zu Mann diskutiert werden. Ihre Lösung.wird leichter und erfolgreicher. Es ist bekannt, daß die einzelnen Gemeinden sich noch, als etwa- Separates, von ihren Nachbargemeinden und denjenigen des ganzen Reiches Losgelöstes betrachten. Befindet sich eine Gemeinde irgendwie in Not, so kommt weder die Nachbargemeinde,.' noch die Zentralgemeinde in Konstantinopel ihr zu Hilfe. Nun denn, diese Anomalie muß ein Ende nehmen Die ottomanische Judenschaft muß ohne ihren aufrichtigen Patriotismus auch nur im Geringsten zu beeinträchtigen, zu einem einheitlichen, soliden Verbände geeinigt werden, so daß die Gemeinden des Reiches in engerer Form von der Zentralgemeinde abhängen werden, wie dies übrigens in allen zivilisierten Ländern, wo Juden wohnen, bereits der Fall ist. (? Red.) Mit Hilfe aufgeklärter Männer bin ich daran, ein allgemeines Statut für alle jüdischen Gemeinden der Türkei auszuarbeiten, Als Grundlage des Statuts werden die neuesten Organisationen der jüdischen Gemeinden in Europa dienen. Dies wird zweifellos die Organisation und das ganze Leben der jüdischen Gemeinde des türkischen Reiches von Grund auf ändern." Rabbi Nahum erklärte ferner, daß er in einem Monat nach Jerusalem reise, um dort die Rabbinerfrage, die schon lange genug offen ist, zu lösen. Nach seiner Rückkehr aus Jerusalem begibt sich der Chacham Baschi nach Syrien. Auf die Frage der Journalisten, wie man in' höheren Regierungskreisen gegenwärtig über die Juden denke, antwortete Rabbi Nahum: „Glauben Sie mir, sehr gut! Alle erblicken in den ottomanischen Juden ein Element des Fortschrittes für die Türkei. Die Juden hatten ja bei verschiedenen Anlässen Gelegenheit, ihren Patriotismus zu bekunden, ja besonders in der Juli-Revolution 1908, beim Marsch nach Konstantinopel im April 1909 und anläßlich der Sammlung zu Gunsten der Flotte. Immer mehr kommen sie zur Ueberzeugung, daß alle Angelegenheiten sowohl administrativer, wie auch kommerzieller Natur, die in den Händen der Juden liegen, rasch vorwärts gehen. Auch das geistige Niveau der Juden in der Türkei ist zusehends im Steigen begriffen. Jetzt sind die Juden auch Soldaten genau so, wie die Mohammedaner, was kann die Regierung mehr fordernd" Auf die Bemerkung des Berichterstatters, daß die Regierung sich den nach Palästina auswandernden russischen und rumänischen Juden gegenüber nicht so brüderlich zeige, da sie die berüchtigten roten Zetteln noch immer nicht abschaffte, erwiderte der Grand Rabbin: „Das ist vorläufig wahr. Sie dürfen jedoch nicht vergessen, daß diese Maßregel noch aus dem alten Regime stammt. Sie ist aus Furcht vor einer Masseneinwanderung von Juden fremder Nationalität nach Palästina, die der ottomanischen Regierung leicht Schwierigkeiten bereiten könnte, entstanden. Der Minister des.Innern und der Großvezier haben mir wiederholt die Aufhebung dieser Ausnahmsmaßregel versprochen. Sie warten nur, bis. das Gesetz über, die Einwanderung im Parlamente angenommen sein wird. Der betreffende Gesetzentwurf dürfte in ungefähr einem Monats der Kammer vorgelegt werden." Judenausweisungen aus Kiew. Aus Berlin, 9. d., telegraphiert man uns: Wie der „Vossischen Zeitung" aus Warschau telegraphiert wird, befindet sich die jüdische Bevölkerung von Kiew in grenzenloser Verzweiflung. Nicht weniger als 12.000 jüdische Familien, die seit Jahrzehnten dort ansässig sind, sollen am 11. d. ausgewiesen werden. Alle von den städtischen Behörden, den christlichen Bürgern und der christlichen Kaufmannschaft erhobenen Vorstellungen sind vom Generalgouverneur Trepow rundweg abgelehnt worden. Der größte Teil der betroffenen Juden wird an den Bettelstab gebracht. Die Juden, die als Soldaten den Japanischen Krieg mitgemacht hatten, wandten sich ans Ministerium des Innern mit dem Gesuche, daß ihnen der Aufenthalt im Innern des Reiches gestattet werde. Sie bekamen den Bescheid, daß ihnen keine anderen Rechte eingeräumt werden könnten als allen übrigen Juden. New-Aork. Präsident Taft beauftragte den amerikanischen Gesandten in Petersburg, beim Kaiser von- Rußland um eine persönliche Audienz anzusuchen, um ihm den Wunsch der amerikanischen Regierung wegen Anerkennung der amerikanischen Pässe, auch wenn deren Besitzer Juden find, vorzulegen. Der Ge sandte hat den strikten Auftrag, mit aller Energie eine Form zu finden, durch welche die berechtigten Wünsche der Juden in Amerika in Erfüllung gehen können. Mit diesem Schritte will Präsident Taft das Versprechen einlösen, das er vor seiner Wahl den Juden im New'Iorker East-End öffentlich gegeben hat. - Eine neue Mische Kolonie in West-Kanada. Wie der „Daily Witneß" in Montreal mitteilt, kam dieser Tage eine aus 45 Köpfen bestehende Auswanderergruppe in Montreal an, um nach Nordwest-Kanada weiterzugehen, wo sie eine landwirtschaftliche Kolonie gründen wollen. Die neuen Kolonisten sind Juden aus