Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Bloch’s Jallraansxxvo Zentraloroan kür die gesamten Interessen des Judentums. -□.~'~D- * Wien, 15. April 1910 Erscheint jeden jfrettag. ' Brief-Adresse: Wie", IX/i, Hahngaffe 15. ® Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. O o—- - =ö o p Vexugsprris für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Fiir's Aunland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzeile 24 Heller. OO ■ —Qo 0(7 O ~ .—OO A. ft. Pofisparftassenarnt Ol Sleartng-Veräebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: wir« IX/i. Hahngaffe Nr. 15. 1) Telefon JVr. 14,847. J no - Oo Inhalt: Leitartikel: Verlegenheiten der Christlich-Sozialen. — Die Entstehung der Oest.-Jsrael. Union. — Die Juden in der österr.- ung. Armee. — Vom Jahrmarktdes Lebens: Jüdische Renegaten als Gemeinderats-Kandidaten im ersten Wahlkörper der Inneren Stadt. Taft bei den „Bene Berith". Von der jüdischen Konferenz gegen den Frauenhandel. — Die Judenpogrome in Rußland. — Korrespondenzen: Der 70. Geburtstag des Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn. Der 70. Geburtstag Dr. Arnold Rosenbachers. Jüdische Kurgäste in Karlsbad. Skandalöses Verhalten der Eisenbahnverwaltung. Meran. Antisemitische Roheit. Patriotismus, der jüdischen Soldaten in der türkischen Armee. Italienische Auszeichnungen an Juden in Alexandria. Die ottomanischen Juden an den König von Bulgarien Erweiterung der Rechte der Juden in Tunis. Die rumänische Regierung verfolgt die Juden auch im Auslande. Das antisemitische Jndustriegesetz in Rumänien. Die russische Reichsduma. Ausweisung jüdischer Familien aus Kiew. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Urrlegercheite« der Christlich-Soziale«. Es ist diesmal keine Glückswoche für die Christlich- Sozialen. Mancherlei Verlegenheiten ziehen Sorgenfurchen in die Stirne der Parteigewaltigen. Da ist vor allem die Affäre Hraba. Sie wurde kategorisch durch eine Doppelhinrichtung mr demselben Manne beendet. Im Bürgerklub wurde Hraba verbrannt und im Landtag wurde seine Asche in alle Wurde zerstreut. Nur schade für die christlich-soziale Partei, daß nur die Menschen hingerichtet werden können, nicht aber die Wahrheit. Ferrari wurde sogar mit Pulver und Blei vom Leben zum Tode gebracht, aber das war ebensowenig ein Sieg des reaktionären Mönchsgeistes in Spanien, wie Abdul Hamid sich und die Tyrannei durch die Ermordung der Konstantinopler Offiziere reiten konnte. Die Christlich- Sozialen werden einsehen müssen, daß es außer dem Parteigericht noch ein Gericht der öffentlichen Meinung gibt und ein ordnungsgemäßes Strafgericht. Was bei dem angehängten Prozesse im Bezirksgericht, bei der großen Ehrenwaschung verschiedener Stadträte und Landesausschüsse herauskommen wird, muß der Zukunft, der Tüchtigkeit der beiderseitigen Anwälte und der mutigen Unabhängigkeit des zuständigen Richters überlassen bleiben. Boshafte Zungen behaupten zwar, daß wir um das Vergnügen kommen werden, Herrn Hraba feine Worte im Gerichtssaal beweisen zu hören, sondern daß der Gott Nimm unter seinen christlich-sozialen Frommen schon durch seine große Macht irgend einen Ausgleich herbeiführen werde, bei dem niemand zu kurz kommen dürfte. Das hindert aber nicht, daß inzwischen das Gericht der öffentlichen Meinung tagt. Welches Urteil nun dieses hat, das pfeifen wohl die Spatzen von den Dächern vieler prunkvoller Häuser und reich dotierter Anstalten, welche unter der christlichen Aegide entstanden sind und in deren Hauvtfalon eine von verschiedenen Händen gefüllte Futterkrippe steht. Stadtrat Hraba hat gesagt, daß in vielen Fällen der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Man übertreibt wohl nicht mit der Behauptung, daß tausende von Wienern die Zahl der von der österreichisch-ungarischen Bank bedruckten Blätter kennen, welche von den Böcken gefressen wurden. Hraba ist tot. erschlagen, eine doppelt gestorbene Leiche. Aber seine Worte leben, flattern in allen Lüften von Wien und es wird selbst christlichsozialer, skrupelloser Gewandtheit nicht möglich sein, sie wieder eipzufangen und unschädlich zu machen. Besonderes Pech der Umstände bringt den Christlich- Sozialen den amerikanischen Erpräsidenten Rooseoelt nach Wien, während sie noch verdrossen die Affäre Hraba zu erledigen haben. Theodor (!) Roosevelt <!!) bei Nennung eines so jüdischen Vor- und Familiennamens muß doch jeder richtige Redakteur des „Deutschen Volksblattes" drei Rufzeichen schlagen , dieser ehemalige Führer der Vereinigten Staaten, wird vom Kaiser in feierlicher Audienz empfangen. Was soll sich nun der beim „Goldenen Luchsen" durch die Reden Schneiders und Schwers erzogene Wiener Wähler dazu sagen, daß diese kaiserliche Ehrung einem Manne zuteil wird, der stets ein Fanatiker der Toleranz der Religionen in Wort und Tat war und ist und der erst jetzt in der Religionszentrale Rom Gelegenheit nahm, über die Duldsamkeit der Religionsgenossenschaften als über das Glück der Staaten und als Vorbedingung zu einer gesunden Entwicklung mit in der gesamten Kulturwelt hörbarer Stimme zu reden. Das ließe sich schließlich noch ertragen, respektive durch die christlich-soziale Presse unterschlagen. Aber man kann unmöglich verschweigen, daß der E.rpräsident der Vereinigten Staaten, der vom Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn mit besonderer Huld empfangen wird, trotzdem er kein Staatsoberhaupt mehr ist, gerade jetzt eine heftige Differenz mit dem Staatssekretär des Papstes hatte und daß er aus Gründen der religiösen Intoleranz im Vatikan nicht angenommen wurde. Unser Monarch stellt sich also im Gegensatz zur römischen Kurie und ihren Prinzipien und er nimmt durchaus keinen Bedacht auf das Vorgehen Mery del Vals, desselben Mannes, unter dessen emsiger Patronanz die österreichische christlich-soziale Partei so groß geworden und so weit gediehen ist. Das muß den christlich-sozialen Stammgast der Wählerversammlungen beim „Goldenen Luchsen" wirk-