Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Dr. Bloch’s Jahrgang xxvll Ltzntralorgan kür die gesamten Unteressen des Zudentums. o<5= & A. K Do c\ Pofisparkrslsrnarnt Sleartng-VerKebr Nr. 610.976. Redaktion und Administration: Wirn IX/i. Hahngafle Nr. 15. iLlLk«» Nr. 14.847. oO - — . ..On -□ — , - Wien, 4. März 1910 Lrscbeinr jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i. Hahngasse 15. ® Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. OCF -==^)o p Verugsprris für Vesterrrirh: Halbjährig S Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig .0 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gefpaltene Petitzeile 24 Heller. G oO- - .. .Qr> Inhalt: Leitartikel: Die Königsmacher. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die jüngsten Vorgänge in Rumänien. Die Rothschilds im englischen Parlament. Rothschild und der „Bibelkuß". Jüdische Mathematiker, die nicht studiert haben. Otto Julius Bierbaum an der Tempel-Klagemauer. Studentenunruhen in Prag im Jahre 1767. Die jüdischen Helden von Port-Arthur haben kein Wohnrecht. König Eduard und Sir Ernest Cassel. Der Mathematiker Selig Brodetsky. Die Untersuchungen des typhösen Fiebers. Israels Vater und Israels Sohn. — Korrespondenzen: Außerordentliche Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. Tempelbauverein des VIII. Bezirkes der Stadt Wien. Zentenarfeier Ludwig August Frankl im Jüdischen Museum. Justizfunktionär in Galizien. Auflösung der „Christlichen Nächstenliebe". Johannesburg. Berlin. Die Juden in Griechenland. Juden und Griechen in Spanien. Die Londoner Universität und das Wochenfest. Die erste jüdische Gemeinde in Ostafrika. Große jüdische Farmansiedlungen in Texas. Die yiddische Sprache im offiziellen Verkehr in Amerika. Die japanische Regierung und die Juden. Die Juden in der Türkei. Alaska als Judenland. Der erste jüdische Bürgermeister von Kanada. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Die Königsmachrr. (Zu den Wahlen in den Gemeinderat.) Was die Liberalen Wiens, welche sich an den Wahlen in den Gemeinderat beteiligen, vor allem um einen groben und nachhaltigen Erfolg bringt, ist ihre Art, sich Kandidaten auszusuchen. Am Kaffeetisch wird das Wohl und Wehe des Bezirkes von den Herren erledigt, welche die Macht in Händen haben. Diese Königsmacher gehen nicht etwa der Stimmung der Bevölkerung und dem Willen der Bürger nach, sondern sie arbeiten genau so nach ihrem eigenen eigensinnigen Belieben, wie seinerzeit die liberale Majorität im Rathause, welche denn auch glücklich durch ihre Rücksichtslosigkeit gegen die Wähler zugrunde ging. Auch früher war den Liberalen nicht etwa die größere Tüchtigkeit und Beliebtheit des Wahlbewerbers maßgebend, sondern seine zufällige Bekanntschaft mit den Führern der Partei, und ganz unglaubliche und kleinliche Rebenumitände. Es war keine Politik, sondern ein Jntriguenspiel. Unter anderem war es Sitte, daß jemand einen Kandidaten nominieren durfte, wenn er einen größeren Beitrag zum Wahlfonds gab. Die Gemeinderatswürde wurde also lizitando veräußert, und sonst eine Freunderlwirtschaft getrieben, welche sich heute die mächtigen Christlich-Sozialen leisten dürfen, aber niemals eine Partei, welche sich die Rückeroberung Wiens zum Ziel gesetzt hat. Wenn man erobern will, so darf man nicht mit dem Landsturm angreifen. Aber über diese Selbstverständlichkeit sind die Kömgsmacher von heute erhaben. Ihnen ist viel maßgebender, in wessen Hause sie verkehren, als wer vor der Wählerschaft und vor der christlich-sozialen Majorität im Gemeinderat Furore ^machen wird. Daher sieht man auch, zur größten Verblüffung, immer wieder Jubelgreise auf der Kandidatenliste auftauchen. die niemals etwas wert waren und mit Zunehmendem Alter natürlich nicht besser geworden sind. Ferner Wahlbewerber, welche notorisch zwar sehr gute Menschen sind, aber politisch sehr schlechte Musikanten, und welche mit ihrer Person und ihrem Wirken weiter nichts vermehren als die Statisten, mit deren Hilflosigkeit man im Rathause nach Belieben umspringt. Die lächerlichsten Einflüsse sind da oft am Werk. Kein Mensch an dem Kaffeehaustisch, dessen Beschlüsse dann durch ein vorsichtig zusammengesetztes Wahlkomitee mit Sicherheit gebilligt werden, fragt danach, welche Figur der Auserwäblte denn im Sitzungssaals des Gemeinderates machen werde. Kein Mensch schert sich darum, ob die Person des präsentierten Kandidaten bei den Wählern auch Anklang und Gefolgschaft finden werde. Warum aber kümmert man sich nicht darum? Weil die meisten der Wähler Juden sind und diese mit oder gegen ihren Willen den Freisinnigen Gefolgschaft leisten müssen, wenn sie die Mandate nicht in christlich-soziale Hände fallen lassen wollen. Die Versprechungen mit der Wiedereroberung Wiens durch junge Talente, junge Schlagworte, junge Begeisterung sind leere Phrasen. Die Hauptsache ist, daß man das Wahlkomitee in der Hand hat, die Wählerschaft läuft schon nach, selbst wenn man ihr die unglaublichsten Zumutungen stellt. Die Wähler in den sicheren Bezirken setzen ja doch selbst einen Hampelmann auf den Stuhl des Eemeinderates. den sonst ein aktiver Feind einnehmen würde. Es roird aber doch noch dazu kommen, daß entweder die jetzigen Königsmgcher eine geharnischte Opposition und ein Gegenkomitee finden werden, oder daß die Wählerschaft dieses Treibens müde wird und es schließlich nicht mehr der Mühe wert findet, die Leute zu wählen, die man ihnen auf den Plakaten und Aufrufen der Freisinnigen empfiehlt. Denn man beginnt langsam, im Kreise der Wahlmacher. die jüdischen Bürger nicht nur zu verachten, sondern sie unerhörterweise zu reizen. Obwohl es notorisch ist, daß die jüdischen Bürger die weitaus überwiegende Zahl der Wähler ausmachen, kann man es sich in maßgebenden liberalen Kreisen nicht abgewöhnen, den Freisinn so aufzufassen, daß möglichst wenig Juden in den Gemeinderat gelangen uffd möglichst viele Christen und Getaufte. Ueber die Getauften haben wir uns schon oft genug und schon scharf genug ausgesprochen. Es ist ganz einfach eine Unverschämtheit von diesen Deserteuren, den Juden verächtlich den Rücken zu kehren und dann ihre Stimmen für ein Vertrauensamt