Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch’s IahrgsnsxLVIl Zentralorgan kür die gesamten Iknteressen des Audentums. Wien, 25. Februar 1910 Lrscbelnt jeden LreLtsg. " Brief-Adresse: Wie«, IX/i, Hahngasse 15. ® Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. QO ~ -=^)0 p Vrxugsprri» für Veflerrrich: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. C nO - . - —'—Do o (p p Do M. ft. Pvflsxarftalsrnarnl Sleartng-Verk ebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: W i r n IX/i, Hahngasse Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. oP - -.. .Qo Inhalt: Leitartikel: Die Landesverfassung für Bosnien und die Herzegowina. — Galveston. — Im Zeichen volkswirtschaftlicher Politik. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Hygiene der Juden auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911. Das Projekt zur Anlage einer Kolonie im Heiligen Lande oder in einem seiner Nebenländer. Die „Tausfrage" in Berlin. Ein Sendschreiben der Karaiten an die Falaschas. Ein Vorkämpfer des Tschechojudentums in der Mttte des XIX. Jahrhunderts. Korrespondenzen: Aufruf zur Förderung der Palästina-Schulkaffe der freien Vereinigung in Frankfurt a. M. Juden! Brüder! Wien. Universitätsprofessor Dr. Samuel Rona. Rabbinerverband in Böhmen. Ein Erlaß des k. k. Landesschulrates in Böhmen Ehrung des Kultusvorstehers Dr. Hugo Spitzer. Neue jüdische Senatoren in Italien. Eine jüdische Kandidatur für den Londoner County Council. Herbert Samuel Minister für Postwesen. Die Pariser Ueberschwemmung und die jüdische Wohltätigkeit. Der getaufte Sohn des Rabbiners. Die Juden in Griechenland. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Die Landesverfassung für Bosnien nnd dir Her;egomina. Am 7. Oktober 1908, als der Jubel anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums unseres geliebten Kaisers seinen Höhepunkt erreicht hatte, erschien im Amtsblatt jenes historisch bedeutsame kaiserliche Manifest, durch welches die okkupierten Gebiete Bosnien und Herzegowina den übrigen unter dem Szepter des Hauses Habsburg stehenden Ländern einverleibt wurden. In diesem allerhöchsten Manifeste sprach der Kaiser den Wunsch aus, daß den Bedürfnissen der Bevölkerung nach Teilnahme an der Besorgung der Landesangelegenheiten durch eine Landesvertretung Genüge geleistet werden solle und daß der neu zu schaffende Vertretungskörper ein getreues Abbild der in den beiden Ländern bestehenden nationalen, konfessionellen undpolitischenZu stände seinsoll. Und nun, nahezu l1 /2 Jahre nach dem Erscheinen dieses kaiserlichen Manifestes, am 17. Februar 1910 publiziert das Amtsblatt wieder ein kaiserliches Manifest, durch welches die im Oktober 1908 in Aussicht gestellte Landesverfassung eingeführt wird und Gesetzeskraft erhält. Es soll hier gleich hervorgehoben werden, daß das Manifest vom 22. Februar 1910 all das hält, was das Manifest vom 7. Oktober 1908 versprochen hat und daß die Landesverfassung für Bosnien und die Herzegowina tatsächlich allen historischen Rechten der in den annektierten Gebieten lebenden Nationen und Konfessionen Rechnung trägt und daß — was uns hier zunächst interessiert — den Juden dieser Länder in der Verfassung gleiches Recht mit allen anderen Bewohnern geworden ist. Die Juden werden, gleich allen übrigen Konfessionen, ihre eigene konfessionelle Wahlkurie haben, aus welcher sie einen Vertreter in den Landtag entsenden werden und ebenso wurde dem jeweiligen Chacham Baschi von Serajewo, gleich den Oberhäuptern der übrigen, im Lande vertretenen Konfessionen, eine Virilstimme zugebilligt. Das entspricht sowohl der Seelenzahl, als auch den Jahrhunderte alten historischen Rechten der Judenschaft Bosniens und der Herzegowina vollauf und bedeutet einen Triumph des Prinzips der Gleichberechtigung im Zeitalter des Antisemitismus. Die zwei kaiserlichen Manifeste bilden gewissermaßen die zwei weithin leuchtenden Semaphore auf der langen Bahn, welche die Annexionspolitik zurückgelegt hat, sie find die Jedem sichtbaren Marksteine eines großen Friedenswerkes, was aber zwischen diesen beiden Endpunkten liegt, war — besonders was die Juden betrifft — ein unaufhörliches Hangen und Bangen zwischen Verzweiflung und Hoffnung, ein stiller, aber zielbewußter Kampf um die wichtigsten Güter der jüdischen Bevölkerung der annektierten Länder und in weüerer Folge der Judenschaft der beiden Staaten der Monarchie. Gleich nach Erscheinen des Annexionsmanifestes erschienen Deputationen der sephardischen und der aschkenafischen Juden Bosniens bei Sr. Majestät in Audienz, um dem Monarchen die Huldigung unserer Glaubensbrüder der beiden Länder zum Ausdrucke zu bringen. Es entsprach dem Ernste der Situation, daß beide Deputationen noch bevor fie beim Kaiser und nachher beim Reichsfinanzminister von Burian in Audienz erschienen, korporativ beim Präfiventen der Wiener Kultusgemeinde und des „Allgemeinen Israel. Bund" Dr. Alfred Stern vorsprachen, um mit dem Präfidium dieser beiden Körperschaften die vorzunehmenden Schritte zu beraten und fich dessen Unterstützung in der Wahrung der Rechte der Juden zu sichern. In jener denkwürdigen Beratung hat Präsident Doktor Alfred Stern nicht nur seine und die Unterstützung der von ihm geleiteten Körperschaften mit der größten Bereitwilligkeit zugesagt, sondern in zündenden Worten auch darauf hingewiesen, daß die Forderungen der bosnischen Judenschaft bei den maßgebenden Faktoren nur dann dem ihnen gebührenden Respekt begegnen würden, wenn fie alle, Sephardim und Aschkenafim, fich vereinigen und das angestrebte Ziel gemeinsam verfolgen würden. Dieses Mahnwort ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Sephardim und Aschkenafim haben fich zu einem gemeinsamen Aktionskomitee vereinigt und es ist kein Zweifel, daß die Aktion des „Bund" bei aller Energie und Umficht, die Präsident Dr. Alfred Stern in dieser Sache an den Tag gelegt hat, nicht hätte den nunmehrigen Erfolg erzielen können, wenn den Forderungen der bosnischen Juden nicht durch das geeinigte Vorgehen der beiden Parteien so bedeutungsvoller Nachdruck verliehen worden wäre. Denn so selbstverständlich auch die Forderungen der Juden waren, dieselben Rechte zu erhalten, die den übrigen Konfessionen, die im Lande auf eine historische Vergangenheit zurückblicken können, gewährt wurden, so heftig setzte der Kamps der reaktionären Parteien aller Nationalitäten gegen diese gerechte Forderung ein. Und je nachdem, wie die eine oder andere Richtung Oberhand gewann, wechselte auch die Stimmung in maßgebenden Kreisen und wechselten die Aussichten auf einen Erfolg der Juden. Da galt eS, rechtzeitig die